medienkrise

Byebye Galore

galore

Ich bin ja ein großer Freund von Interviews. Also hätte ich auch ein großer Freund von Galore sein müssen. War ich auch. Auch schon am Anfang als sie noch dieses von Porträtfotos zugestellte Cover hatten, aber mehr noch danach, als zum Beispiel Judith Holofernes rehäugig im Kiosk lag. Das Konzept war klar: Interviews, bitte. Porträts. Schöne Fotos. Angenehme Fragen. Lange Strecken. Zuletzt sah die Galore leider so aus wie auf dem ganz rechten Cover zu sehen, das die vorletzte Ausgabe des Magazins zeigt. Am 10. Juni liegt die Zeitschrift noch einmal am Kiosk, danach wird im Internet weitergefragt – mit Zugriff auf die über 900 bereits geführten Interviews und einem neuen pro Woche, das kann man sich wohl gerade noch so leisten (doch wer die derzeitigen Werbeetats der Firmen kennt, weiß, auch das wird schwierig). Klar, es ist Medienkrise. Aber bei 20.000 verkauften Exemplaren und 2500 Abos kann es wohl nicht nur an den Anzeigen gelegen haben. Es ist wohl eher so: Galore kam zu früh, um als Nischentitel funktionieren zu können. Also wurde man beliebig, baute Kleinkram ins Heft, stellte den Titel mit Typo und lauten Anreißern voll, verunstaltete das vordem so klare Logo, man könnte auch sagen: die Marke wurde verwässert. Jetzt, da man mit einem kleinen, feinen (wenn Sie so wollen: rehäugigen) Magazin vielleicht einen Blumentopf gewinnen könnte, sieht Galore aus wie jede xbeliebige Illustrierte am Kiosk. Manchmal ist Anbiederung vielleicht doch nicht der rechte Weg.

Sparsam sein

Die Tageszeitung Die Welt freut sich über die neue S-Klasse von Mercedes. Die habe sich nämlich den Titel “sparsamste Luxuslimousine mit Benzinmotor” gesichert. Wer diesen Spitzentitel vergibt? Achso, naja, Mercedes selbst. Der Hybridmotor verbrauche nämlich nur 7,9 Liter und stoße lediglich 186 Gramm Kohlendioxid aus. Dass die Wörter “nur” und “lediglich” ein ökologischer Hohn sind, muss man nicht weiter erklären. Klar: ein 3,5-Liter-V6-Benzinmotor muss sein. Unter 250 PS geht gar nichts. Und dass solche Verbrauchswerte im Alltag kaum zu erreichen sind, wen kümmert’s? Hauptsache man hat die “sparsamste Luxuslimousine mit Benzinmotor” im Angebot, damit sich die sparsamsten Millionäre der Welt durch ebendiese kutschieren lassen können, solange es noch Öl gibt. Das alles erinnert ein wenig an den Flugzeugbauer Airbus, der freudestrahlend vom Dreiliterflugzeug faselte, und den A380 zum sparsamsten Großflugzeug verniedlichte. Wobei drei Liter nur erreicht werden, wenn man das auf die Zahl der Passagiere umrechnet und diese in engen Economyreihen untergebracht sind. Das wäre doch auch mal eine Idee für die Vermarktung von Luxuslimousinen: schließlich passen in die S-Klasse locker vier Personen rein. Der Verbrauch pro Passagier sinkt auf “weit” unter zwei Liter. Und der Straßenkreuzer steigt zur sparsamsten Limousine (mit Benzinmotor) aller Zeiten auf. Auf diese Pressemitteilung hat die Welt-Redaktion gewartet.

Lokal bloggen (und dabei Geld verdienen)

Ich bin immer noch leicht fasziniert von der Idee der New York Times, einen lokalen Blog ins Leben zu rufen. Hello? Die New York Times lässt sich herab, weit herab, weiter als der Lokalteil der Zeitung, der natürlich schon großartig ist, aber wahrscheinlich irgendwie querfinanziert durch den überregionalen Teil. Die Idee ist ein Stadtteilblog und schon die Idee der Finanzierung dürfte bei hiesigen bundesweiten Klickmaschinen und vor sich hinpusselnden Regionalportalen Kopfschütteln hervorrufen: Anzeigen – wie bitte soll das funktionieren, bei einer Zielgruppe, die nur einige zehntausend Menschen umfasst? Wo sollen da die Klicks herkommen?

Nun, die Klicks sind nicht ausschlaggebend. Ausschlaggebend ist der gute Name der New York Times, der die Einzelhändler, die kleinen Läden und Lokale vor Ort davon überzeugen soll, mehr Geld für eine Anzeige zu schalten als gemeinhin üblich. Google-Guru Jeff Jarvis hat die Zusammenhänge ganz schön zusammengefasst, in dem er feststellt, dass die meisten Kleinunternehmer gut daran täten, Anzeigen in einem neuen Umfeld als in Lokalzeitungen zu schalten, doch nur wenige bisher die Vorteile klar vor sich sehen.

The assumptions I so often hear about local advertising – it doesn’t work; it doesn’t pay enough; small businesses are ignorant – need to be updated. The assumption that most needs to be updated is that a business needs an ad. It may need other tools to be found in search and to reach the right people and to improve relationships with them. All that may count as marketing, but not necessarily with an old ad in a new medium.

Okay, noch ist es nicht so weit. Die NYT gibt sich noch ziemlich selbstkritisch, ob es den den Stadtteilblog mit einem angestellten Redakteur wirklich gegenfinanzieren kann, die Ideen, wie das funktionieren könnte, sollen am Besten gleich die Leser haben, wie Jim Schachter bei TechCrunch schreibt:

We expect to sell ads to local merchants using our telesales and self-serve ad solution. Our two pilot sites are staffed with full-time NYTimes reporters. That’s not cheap. Obviously, it’s also not a sustainable model. We’re trying to figure out what would be. Can we create a combination of journalism, technology and advertising that people who don’t work for us can adopt? How much or how little oversight by us would be needed to keep the quality high? Would people pay to be associated with us? Would there be enough revenue that some split between us and a non-NYT blogger would work? I’d love to know what readers here think.

Gute Fragen. Ich denke, dass es funktionieren könnte, wenn man noch einen Anzeigenverkäufer engagiert, der die Geschäfte wirklich offensiv abklappert und den ganzen Gratiszeitungen das Geschäft streitig macht, die oft übervoll mit Billiganzeigen in den Briefkästen (oder neben der Altpapiertonne) liegen. Es wird nicht einfach sein, den Wechsel für die Geschäftsleute zu begründen, doch wenn der Blog durch seine Geschichten Stadtteilgespräch werden kann, dann kann daher durchaus ein monetärer Gewinn stehen.

Mich macht nur eines stutzig: Frankfurt sollte mit seiner internationalen, weltoffenen und technikaffinen Bevölkerung eigentlich schon jetzt einige hundert Blogs vorweisen können, Privatmenschen, die über die Stadt, über das, was sie bewegt, was sie ärgert und freut berichten. Doch davon ist nichts zu sehen. Frankfurt ist, was lokalen Citizenjournalism angeht so gut wie tot. Solange nicht private Blogs aus dem Boden sprießen, die sich ganz Frankfurt widmen, wird es schwierig sein, einen Nordend-Blog zu etablieren. Das ist schade. Auch für die öffentliche Meinungsbildung in einer Stadt wie Frankfurt.