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Bildblog-Dialektik

Da musste ich eben dann doch kurz lachen:

Bild.de berichtet:

Eine gute Nachricht für BILD am SONNTAG: Immer mehr Leser greifen am Kiosk zu Deutschlands größter Sonntagszeitung.

Der Satz stimmt, abgesehen von Kleinigkeiten: Statt “gute Nachricht” müsste es “schlechte Nachricht” heißen, und statt “immer mehr” “immer weniger”.

Immer mehr “BamS”-Leser kaufen keine “BamS” bei Bildblog

Die Blase, in der wir leben

Living in a Bubble

Ich lese viel. Ich denke zwar, es ist immer noch wenig, weil so wenig Zeit, so viele Buchstaben. Aber dennoch bin ich immer überrascht, wenn ich Menschen treffe, die so wenig lesen, dass sie die Bild-Zeitung oder den Einkaufszettel zu ihren konsumierten Medien zählen. Der Grund für mein Erstaunen ist, abgesehen von einer elitär-geprägten geistigen Grundhaltung natürlich, dass ich auch viele Leute kenne, die viel lesen. Und wenige die gar nicht lesen. Dabei sind die letzteren in der Überzahl. Eindeutig in der Überzahl. Und nun wage ich mal die für mich beunruhigende Annahme: es werden mehr werden. Nur auffallen wird mir das nicht. Weil wir in einer Blase leben. Die Vermischung von Schichten findet nicht statt, und die Abgrenzung zwischen verschieden gebildeten Menschen nimmt zu. Die Stadt macht’s möglich. Ist ja auch irgendwie klar: während sich früher alle freitags bei der freiwilligen Feuerwehr oder im Tante-Emma-Laden oder in der Dorfschenke trafen, hat die Individualisierung dazu geführt, dass wir in der Wahl unserer Bezugspersonen größere Freiheit und damit zugleich geringere Toleranz walten lassen. Kaum ein Akademiker, der sich mit einem Realschulabsolventen trifft. Ist vielleicht traurig, aber die Realität.

In den USA, die uns ja – so wird behauptet – immer so fünf bis zehn Jahre voraus sind, wird gerade schon mal das Ende des Lesens ausgerufen. Interessant zum Beispiel, was Steve Jobs der New York Times zum neuen eBook-Lesegerät Kindle sagt:

“It doesn’t matter how good or bad the product is, the fact is that people don’t read anymore,” he said. “Forty percent of the people in the U.S. read one book or less last year. The whole conception is flawed at the top because people don’t read anymore.”

The Passion of Steve Jobs by John Markoff, New York Times

Demnach hat das Buch egal ob nun elektronisch oder nicht als Businessmodell ausgedient. Zumindest als Big-Business-Modell. Denn es gibt ja noch uns, die In-der-Blase-lebenden. Die anderen, so schlussfolgert Caleb Crain im New Yorker, verlieren nicht nur die Lust am Lesen, sondern auch die Fähigkeit dazu:

According to the Department of Education, between 1992 and 2003 the average adult’s skill in reading prose slipped one point on a five-hundred-point scale, and the proportion who were proficient—capable of such tasks as “comparing viewpoints in two editorials”—declined from fifteen per cent to thirteen.

Twilight of the Books by Caleb Crain, New Yorker

Keineswegs, so führt Crain fort, ein Problem in den USA – die interessanteste Studie zu dem Thema komme mitten aus old europe, den Niederlanden, genauer gesagt. Selbst ältere Menschen lesen nicht mehr in dem Maße, in dem sie es früher taten.

Mich stimmt das traurig. Bislang habe ich immer die These vertreten, dass Jugendliche ja noch nie Tageszeitungen gelesen haben, sondern ihre Zeit eben mit Langeweile, grenzenloser Unsicherheit, Egozentrik, SMS und Knutschen verbracht haben und auch in 500 Jahren verbringen werden. Was ja auch großartig ist, auf seine Art. Wenn nun aber auch immer mehr 40-Jährige weniger Leselust haben, erklärt das auch, warum der Konsum von Gedrucktem weniger wird.

Und zum Schluss will ich mir die Wahrheit keineswegs zurechtlegen, sondern nur eine Frage stellen: Könnte es sein, dass Printprodukte einfach deswegen weniger verkauft werden, weil die Leute weniger lesen? Und das böse Internet mit seinen Blogs und Podcasts nur wenig damit zu tun hat? Machen wir’s uns in unserer Blase gemütlich!

Foto: quatro.sinko

Sperrfristen

Heute gab es mal wieder eine Sperrfrist. Also anders gesagt: der Hessische Rundfunk wollte nicht, dass die Journalisten, die heute mittag bei der Aufzeichnung des Fernsehduells waren, ihre Erkenntnisse vor der Ausstrahlung der Sendung um 20.15 Uhr verbreiten. So etwas ähnliches gab es schon am Freitag, wie das Handelsblatt berichtet.

Schade, dass dann schon kurz nach Ende der Aufzeichnung erste Details bei hr-online stehen und die dann bis zum Abend richtig schön ausgebaut sind, inklusive einige Audio- und Videozitate aus dem Dreh. So dass die Sperrfrist ja eigentlich unnötig war. Zumindest in dem Sinn, dass jemand die Sendung langweilig finden könnte, jetzt wo er schon ALLES weiß. Natürlich weniger in dem Sinn, dass die einzige Informationsquelle die Online-Seiten der ARD-Anstalt waren. Zumindest für einige Stunden.

So gesehen stimmt’s schon: die Sperrfrist gehört abgeschafft. Oder einfach ignoriert.

Die Regierung hat immer recht

Ich glaube, wir müssen offener mit den Problemen umgehen und dem Publikum klarer machen, dass wir nur eine Version der Wahrheit abbilden. Aber ist das Publikum wirklich bereit, das zu hören? Dass wir vielleicht von unserer eigenen Regierung manipuliert werden? Ich glaube, viele Leute schalten die Nachrichten ein, um zu hören, dass ihre Regierung letztendlich recht hat.

“Schon unser Vokabular ist parteiisch”, der Auslandskorrespondent Joris Luyendijk in der taz.

Ruhe in Frieden

MaxKaum sind die 64 untergeganenen Magazine des vergangenen Jahres beerdigt wird schon dem nächsten Kandidaten der Totenschein ausgestellt. Die einst so gerühmte, zuletzt so vergessene Hochglanzpostille Max wurde im zarten Alter von 17 Jahren aus dem Leben gerissen – eine letzte Ausgabe ist derzeit noch am Kiosk zu bestaunen, danach soll es nur noch im Netz, also rein virtuell, und als Marke auf diversen Lifestyleprodukten weitergehen. Schreibt dwdl. Und wir schwelgen in Erinnerungen an bessere max-Zeiten. Und irgendwie passt ja dazu, dass Ulf Poschardt nicht mehr oberster Mover&Shaker bei Vanity Fair ist. Wurde ja schon lange, lange erwartet

Post-Bit-Atom-Zeitalter

Man orientiert sich an den fünfziger, sechziger Jahren, als Magazine noch ein ganz anderes Selbstbewusstsein hatten, mit ihren langen Texten. Nicht, dass man jetzt wie Hubert Burda klingt, aber eigentlich sind wir in einem “Post-Bit-Atom”-Zeitalter. In dem Moment, wo Papier überflüssig ist, hat es natürlich eine ganz andere Qualität.

Jörg Koch (032C) in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 30. Dezember 2007