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Des Spiegels Mut

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Das Magazin Spiegel beweist Mut – und Finanzkraft. Denn ein solches Wechselcover, das je nach Blickwinkel mal Merkel mal Steinmeier zeigt und wie es seit heute am Kiosk liegt, dürfte dann doch die Gewinnmarge pro Heft ein wenig nach unten drücken. Dafür aber die Verkaufszahlen hoffentlich kräftig in die Höhe. Denn Publikumszeitschriften in Deutschland setzten bislang was ihr Titelbild angeht auf ein Motto, dass Angela Merkel für ihre Neuauflage eines Adenauer-Wahlkampfs wieder aus der Mottenkiste geholt hat: keine Experimente! Zeit für eine kleine, subjektive Rückschau auf die mutigsten Cover-Ideen des Druckgewerbes.

1. Humanglobaler Zufall hieß das große Werk des Axel-Springer-Konzerns. Ein Experiment, das letztlich nach vier Ausgaben scheiterte. Ein Experiment, das in Sachen Illustriertengestaltung aber Maßstäbe setzte, weil Rendite keine Rolle spielte. Die erste Ausgabe: mit Gold auf dem Cover und mit einem roten Lesefaden. Die zweite Ausgabe: etwas langweiliger mit fühlbaren Klebeecken auf dem Cover. Die dritte wieder ganz groß mit einem Wechselcover, mit dem sich auch der Spiegel jetzt feiert (wobei die Hausmitteilung des Nachrichtenmagazins schon korrekt schreibt, in dieser Größe und in dieser Auflage hätte es das noch nicht gegeben). Auf der vierten Ausgabe dann: ein Thermocover, dass sich verändert, wenn es mit warmen Fingern befühlt wird. Mal sehen, ob sich der Spiegel an sowas rantraut.

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2. National Geographic ist ein Magazin, das schon in den 80er-Jahren Fotografien, große Reportagen und Infografiken in einer Opulenz zeigte, wie man sie selbst heute nur selten findet. Und es ging, ebenfalls bereits in den 80er-Jahren erstaunliche Wege der Covergestaltung. 1984: ein Cover mit einem integriertem Hologramm, das einen Adler zeigt. 1985: ein noch größeres Hologramm. Und 1988 schließlich der absolute Wahnsinn: ein kompletter Umschlag als Hologramm, sogar die Anzeige auf der Rückseite war als solches gestaltet, ein Hingucker am Kiosk und danach nie wieder irgendwo gesehen. Wahrscheinlich waren Hologramme irgendwie auch so ein Ding, das in den 90ern furchtbar out war, denn fortan fristeten die regenbogenfarbnen Silberlinge ihr Dasein auf Kreditkarten und Waren, deren Authentizität der Hersteller beweisen wollte.

3. Esquire Magazine! Okay, inhaltlich nicht wirklich prall, Männermagazin eben, da kann man, leider, nicht viel Anspruch erwarten. Mit seinen Covern aber stets auf der Höhe der Zeit (und weit entfernt von den billigen Anmachen der Kollegen von Maxim oder FHM) und ohnehin mit einer famosen Geschichte, die ohne Ikonen wie George Lois nicht denkbar wäre. Im vergangenen Jahr dann dreht man richtig auf – und verkaufte ein Cover mit elektronischer Tinte. Technologisch ganz weit vorne und eine schöne Idee, die auch interessant aussah (wie dieses Youtube-Video zeigt), die derart ausgestattete Luxusauflage von 100.000 Heftchen kostete aber gleich zwei Dollar mehr als die normale Variante, hatte ein beinhartes Cover und eine Batterie, was unter Umweltgesichtspunkten ein Frevel ist, denn am Schluss sind die zerlesenen Magazine nämlich bestenfalls im Altpapier gelandet. Ansonsten liefert Wired den besten Kommentar zum E-Ink-Esquire:

Wake us when print media gets close to something we saw much closer to the actual beginning of the 21st century in 2002’s “Minority Report,” when newspaper headlines changed dynamically during the morning commute.

Außerdem, so Wired, habe das Time Magazine gezeigt, wie man ein aufregendes Cover ohne großen Aufwand produziere: dort arbeitete man einfach eine spiegelnde Oberfläche ein, um zu zeigen, wer der Mensch des Jahres ist: You!

Unnützes Wissen: die Wackelbild-Technologie des Spiegel heißt Lenticularfolie oder Linsenfolie. Nicht unbedingt eine neue Technik. Jetzt fehlt nur noch, dass jemand die Stereogramme aus den 90er-Jahren wieder hervorholt. Sie erinnern sich?

Byebye Galore

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Ich bin ja ein großer Freund von Interviews. Also hätte ich auch ein großer Freund von Galore sein müssen. War ich auch. Auch schon am Anfang als sie noch dieses von Porträtfotos zugestellte Cover hatten, aber mehr noch danach, als zum Beispiel Judith Holofernes rehäugig im Kiosk lag. Das Konzept war klar: Interviews, bitte. Porträts. Schöne Fotos. Angenehme Fragen. Lange Strecken. Zuletzt sah die Galore leider so aus wie auf dem ganz rechten Cover zu sehen, das die vorletzte Ausgabe des Magazins zeigt. Am 10. Juni liegt die Zeitschrift noch einmal am Kiosk, danach wird im Internet weitergefragt – mit Zugriff auf die über 900 bereits geführten Interviews und einem neuen pro Woche, das kann man sich wohl gerade noch so leisten (doch wer die derzeitigen Werbeetats der Firmen kennt, weiß, auch das wird schwierig). Klar, es ist Medienkrise. Aber bei 20.000 verkauften Exemplaren und 2500 Abos kann es wohl nicht nur an den Anzeigen gelegen haben. Es ist wohl eher so: Galore kam zu früh, um als Nischentitel funktionieren zu können. Also wurde man beliebig, baute Kleinkram ins Heft, stellte den Titel mit Typo und lauten Anreißern voll, verunstaltete das vordem so klare Logo, man könnte auch sagen: die Marke wurde verwässert. Jetzt, da man mit einem kleinen, feinen (wenn Sie so wollen: rehäugigen) Magazin vielleicht einen Blumentopf gewinnen könnte, sieht Galore aus wie jede xbeliebige Illustrierte am Kiosk. Manchmal ist Anbiederung vielleicht doch nicht der rechte Weg.

Das Beste kommt zum Schluss

blank coverNeuen Magazinen, noch dazu solchen, hinter denen kein Riesenverlag steht und die deswegen auch nicht aussehen wie der zweimillionste Aufguss von Zeit Campus oder Brigitte, soll man nicht nur eine Chance geben. Deswegen ist die zweite Ausgabe von Blank auch schon so gut wie gekauft, selbst wenn die erste einen, wie soll ich sagen, etwas schalen Geschmack zurückließ. Die Fakten: Blank hieß mal Face, doch erst war der Herausgeber und dann der Chefredakteur weg (oder umgekehrt, man weiß es nicht), dann machte sich die Redaktion selbstständig und nun seit einigen Tagen für vier Euro am Bahnhofskiosk: Blank, was man wohl deutsch ausspricht, so wie Nilz Bokelberg in diesem Video. Unterzeile: Face Your Magazine, wahrscheinlich weil die Redaktion einige Altleser mitrüberretten wollte. Auflage: 10.000. Kann das gehen?

Bleiben wir kurz bei Nilz Bokelberg. Erstmal sind mir Menschen suspekt, die den gleichen Vornamen wie ich tragen, diesen aber mit Z am Ende schreiben. Klingt ungerecht von mir und ist es auch, aber der Nickname Nilzenburger, der ist so … ach, lieber schnell weiter. Nilz oder Nilzenburger oder Bokelberg hat jedenfalls eine zweiseitige Kolumne in Blank, die eindeutig zu lang ist. Eine Seite hätte gereicht. Und der Fond in dem die Buchstaben schwimmen ist augenkrebsgelb. Und das Foto ist grotte. Soll alles wohl trashig sein, wirkt aber mies. Und passt auch so gar nicht zum Restmagazinlayout, das wiederum sehr schön aufgeräumt ist. Vielleicht gewollt. Und damit schon wieder zu gewollt. Mein Wunsch an Ausgabe 2: weniger Nilz, weniger Augenkrebsgelb.

Weiter im Text, nochmal auf Anfang: Jesus auf dem Titel, na, wenn das nicht hilft, dann weiß ich auch nicht. Die Titelzeilen kapiere ich aber nicht. Geht wohl um zwei Themenblöcke, was aber nicht klar wird. Schön dagegen: Julia Zange. Hurra, da freu ich mich und blättere gleich hin und tatsächlich hübsches Interview, aus dem ich unter anderem gelernt habe, dass sie ein Hosenkind sein musste, also als Kind. Außerdem sagt sie den tollen Schlußsatz: “Schaufensterdekorateurin wollte ich auch immer werden.” Am Freitag ist sie in Frankfurt und ich bedaure, es wohl nicht dahin zu schaffen. Nächstes Mal dann halt.

Eine Seite weiter dann was richtig Tolles: ein abfotografiertes Bücherregal, diesmal vom Chefredakteur, wie es heißt. Da kann man sich wirklich drin vertiefen. Ist auch echt interessant. Das ganze linke Programme: ein paar Schlingensief-VHS-Kassetten, obskure DVDs, Marx, Thor Kunkel, Hitler, Hitler, Hitler, Updike, Mein Kampf, Bibel, Wörterbücher, ach und dann ist mir eingefallen, welches Buch ich mir schon lange kaufen wollte: “100 Fragen von Moritz von Uslar”. Steht auch Regal des Chefs. Und die Tatsache, das unten in der Ecke Juli Zehs “Adler und Engel” zu sehen ist, ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass hier nichts beschönigt wurde.

Dann kommt der Typ, der viele Freunde hat, die Bücher langweilig und einschläfernd finden, und deswegen erklärt wie langweilige und einschläfernde Bücher wie “Goodbye Lemon” von Adam Davies vielleicht doch nicht so einschläfernd und langweilig klingen. In einem Satz: der Artikel ist langweilig und einschläfernd.

Dann Mode. Kommt man wohl auch 2009 als Magazinmacher noch nicht drumherum.

Dann Musikgruppen, von denen ich bislang nicht hörte (was nichts zu bedeuten hat, weil ich ja nicht in Berlin wohne).

Dann fällt mir auf, dass die Anlesen zu den Artikel ultralang sind. Ich mag keine langen Anlesen. Wer seinen Artikel nicht in zwei Sätzen zu erklären vermag, der soll zu Spex gehen. Außerdem fällt mir auf, dass die meisten Bands einen wohlfeilen Bogen um Frankfurt und/oder Umgebung machen. Was ist los?

Dann bin ich auch schon durch mit Blättern, den Rest schau ich mir dann mal an einem Sonntag an. Neben dem Impressum steht, was im April in Blank steht: die Kolumne von Nilz Bokelberg (verdammt!), eine Klatschrubrik (hoffentlich anders als jede andere), noch mehr Weiblichkeit im Wahlkampf. Noch mehr? Ach, richtig: nach dem Heft kommt das Heft zwei: nur Texte, untereinanderweggedruckt auf lachsrosa Grund (heißt es eigentlich lachsrosa oder lachsrosanen Grund?), darunter auch ein schöner Kommentar von Teresa Bücker über den weiblichen Wahlkampf, den es nicht geben wird (, wenn ich sie richtig verstanden habe). Selbst wenn ich nicht ihrer Meinung bin oder anders: gerade weil ich nicht ihrer Meinung bin: Warum zum Teufel steht das hinten und nicht schön aufgemacht ganz vorne? Ist das hier die Zwischenstufe zur Ablage P? Warum ist dann die Kolumne von N… schon gut ich hör ja schon auf… warum, also, ist da ein sehr interessantes Gespräch mit Malte Spitz von den Grünen zu lesen, dass aber ebenfalls im eigentlichen Heft besser aufgehoben wäre? Ein wenig erinnert Heft 2 an die Artikelfortsetzungen, die US-amerikanische Magazine so gerne hinten zwischen die Anzeigenblöcke setzen. Nur dass hier eben ganze Artikel stehen. Das Beste kommt zum Schluss? Nein, so geht das nicht, liebes Blankfaceyourmagazine. You should fix that!

Aber dennoch: neuen Magazinen soll man nicht nur eine Chance geben. Ich freu mich auf April (ehrlich).

De:Bug

debug magazin - januar 2009Nach Jahren wieder mal De:Bug gelesen, das “Magazin für elektronische Lebensaspekte”. Sich sofort zurückversetzt gefühlt in eine Zeit in der Techno irgendwie cool war und seitenweise DJ-Kopfhörertests-Lesen zum guten Ton gehörte. Gehörte es aber nie. Die Zeitschrift setzt viel bei ihren Lesern voraus. Technisches Fachwissen, Toleranz gegenüber Rechtschreibfehlern und einem Überangebot an recht unnützen englischen Wörtern (“Digital-Only-Labels” etc.). Die Texte sind umständlich geschrieben. Der Jahresrückblick unter Einnahme härterer Drogen verfasst (vermutlich LSD o.ä.). Das Titelstück über den Niedergang des Vinyls im Bereich der Clubkultur: umfassend, streckenweise redundant, doch insgesamt ziemlich erhellend, vielleicht besonders wenn man sich lange nicht mehr mit dem Thema befasst hat. Die Jahrescharts: ziemlich mutig, die Leser für ihre Wahlen der Produkte, Labels, DJs und tausenderlei anderer Dinge je fertig zu machen oder zu loben wie Hundewelpen. Seltsam zu lesen: ein Autor behauptet, sein Leben befinde sich auf einer Festplatte von Western Digital. Auch sonst: alles so fremd hier. Die Plattenkritiken: wie damals in der Groove. Immer noch unbegreiflich wie man über die zwanzigmillionste Minimal-House-Scheibe so viele Wörter verlieren kann. Meine Vermutung ist ja: die drucken das nur, damit sie weiterhin Promos geschickt bekommen. Wird aber wohl auch immer schwieriger (siehe: Niedergang des Vinyls). De:Bug-Lesen, das ist wie eine Reise ins Paralleluniversum, das nur bedingt Verknüpfungen zur Realität aufweist. Also eigentlich wie RTL-2-Gucken nur eben auf der anderen Seite der Intellektualitätsskala.

Disappear Here

disappear here magazineVor ein paar Tagen bekam ich Post von Peaches Geldof, genauer gesagt von Peaches Honeyblossom Michelle Charlotte Angel Vanessa Drummey Nee Geldof wie Wikipedia weiß. Anliegend ihr neues Magazin “Disappear Here”. Der Name ist schon mal großartig. Und sonst? Hier die Kurzfassung. Gut: Straßeninterviews mit intimen Fragen (“Wie würdest Du Deinen Partner/Freund/Mann umbringen?” “Wieviel damit Du Dich für uns ausziehst?” “Wer sollte Dich in einem Film spielen?”) und lustigen Antworten (“Irgendwas mit einer Axt.” “500 Pfund. Ist das ein Angebot?” “Mein Leben ist ziemlich langweilig. Also Judy Dench, denke ich.”). Auch gut: eine Interview-Form, die Anger Management heißt – wieviele Fragen an Richard Barnbrook von der British National Party bevor er so verärgert ist, dass er auflegt (Antwort: Neun). Besser: keine solariumgebräunten Menschen im Heft (auch nicht in der Modestrecke). Keine, ich wiederhole, KEINE Anzeigen (Die Zeitschrift kostet kaum vier Euro, also: wahrscheinlich sponsored by Daddy?). Keine Blondinen. Nun die Kehrseite: Peaches ist leicht überrepräsentiert. Ein Bericht über alte Menschen die Urnen testen sind naja. Es werden ziemlich viele Worte über Bands verloren, von denen ich noch nie was gehört habe. Die Listen mit den “Things we love” (Titelgeschichte) sind ein wenig unwitzig, wie überhaupt dem Teil mehr Humor gut tun würde. Ansonsten aber: hey, das ist die Erstausgabe, und dafür ist sie ziemlich genial. Auch vom Design her (Punk). Interessant auch der Vertrieb: abgesehen von einigen englischen Szeneläden, gibt es Disappear Here nur in begrenzter Auflage (so die schwachsinnige Eigenwerbung, denn das gilt ja selbst für die Bildzeitung) und nur übers Netz. Hier die Adresse. Und ich warte nun auf den nächsten Brief von Peaches Honeyblossom Michelle …

Nichts Besonderes

Gerade habe ich den IQ-Test im Zeitmagazin gemacht. IQ steht in diesem Fall für Individualitätsquotient, die Skala reicht von 0 bis 100. Ergebnis: ich bin, mit einer Punktzahl von 51, “perfekt”. Ja, wirklich. Perfekt, weil ich mich nicht nach einem Handy sehne, mit dem man “nur telefonieren” kann, weil ich Leipzig nicht “schon toll” finde und Latte-macchiato-Trinker nicht nervig (wahrscheinlich weil ich selbst manchmal dazuzähle). Wie auch immer: perfekt heißt, dass ich individuell genug bin. Was auch immer das heißen mag. Übrigens hört sich der Test genauso langweilig an, wie er ist, weil man natürlich erst schaut, wie man IQ-Punkte sammelt und dann vollkommen voreingenommen den Test macht und hinterher überhaupt nicht überrascht ist. Das traurige ist auch: der Test ist noch das spannendste am aktuellen Zeitmagazin. Es gibt ein langweiliges Interview mit Thees Ullmann von Tomte, der in einem Lied die “Zeit” erwähnt, weswegen er nun interviewt wird. Es gibt ein fiktives Interview mit Leonardo da Vinci, und weil fiktive Interviews für Leser immer ärgerlich sind, ist es noch ärgerlicher, das dafür stolze zehn Seiten ausgegeben werden. Liz Mohn hat einen Traum. Eine nutzlose Modestrecke über neue Krawattenmodelle (liest wahrscheinlich nur Stefan von Holtzbrink). Einen Atelierbesuch. Einen Cabriotest, der genau rechtzeitig zum Ende der Cabriosaison kommt. Eine Stilkolumne, die fragt, warum Frauen Schluppenblusen tragen, wobei ich noch nie eine Frau gesehen habe, die Schluppenblusen trägt und nun die nächste Stilkolumne bittesehr die Frage umkreisen sollte, in welchem Paralleluniversum der Stil-Redakteur lebt. Dann die wie immer überflüssige Kolumne von Wolfram Siebeck, der diesmal nicht rät, in Kartoffelbrei ein Pfund Butter zu kippen, damit er schmeckt, sondern dass es in einer Küche ordentlich sein sollte. Und schließlich das Interview mit dem greisen Helmut Schmidt, der diesmal darüber redet, dass Abgehörtwerden gar nicht so schlimm ist, sondern: “Zum Kotzen. Es stört mich aber nicht sonderlich: denn wirklich wichtige Gespräche führe ich nicht per Telefon.” So einfach ist das. Die Kolumne von Harald Martenstein beschäftigt sich diesmal mit einem Leser, der die schöne Angewohnheit hat, Artikel auf ihren letzten Satz hin zu überprüfen, wobei manche letzte Sätze tatsächlich sehr schön, andere sehr schaurig sind. So ist es auch beim Zeitmagazin, hier sind sie, in chronologischer Reihenfolge:

  • Der Grund dafür, dass letzte Sätze meistens danebengehen, sei folgender.
  • Funktioniert super.
  • Lebe Wohl!
  • Wir müssen.
  • Wenn man dann das nächste Mal gefeuert wird und mit dem vollen Pappkarton in Händern auf der Straße steht, sieht man dabei wenigstens gut aus.
  • Irgendwann wird dieses Ding seinen Platz in der Kunst finden.
  • Drei lange Tage wird die Auktion dauern.
  • Erster Vorschlag für einen Kosenamen: iPödchen.
  • Nicht einmal der Teufel guckt sie gern lange an.
  • Nur?
  • Denn wenn Lars wirklich in die Fußstapfen seines Vaters tritt, muss sich Marita fragen, ob sie ihn so lieben kann.
  • Das ist ein ekelhafter Nebeneffekt des elektronisch-technischen Fortschritts.

So bin ich also nicht schlauer geworden beim Lesen des Zeitmagazins, aber ich weiß nun: wenigstens ich bin perfekt.

Hinterm Humanglobalen Zufall steckt Axel Springer

Gestern Abend hatten wir im Frankfurter PresseClub sehr netten Besuch. Michael Ebert, der Neon-Chefredakteur, und Dennis Buchmann, der Global Editor von Humanglobaler Zufall, waren zu Gast. Sie sprachen über die Zukunft von Magazinen, die Gründung ihrer beiden Zeitschriften und gaben die eine oder andere Anekdote preis. Michael Ebert wusste schon von Zufall-Artdirektor Mirko Borsche, dass das Cover mit dem genialen Wechsel-Bild (je nach Lichteinfall und so) noch eine weitere Überraschung bereithielt. Dennis Buchmann gab es auch sofort zu: “Andere machen nackte Frauen auf den Titel, um sich besser zu verkaufen, wir machen sie dahinter.” Und das im Axel-Springer-Verlag! Man kann nur hoffen, dass das Erfolg hat. Denn die neue, mittlerweile dritte Ausgabe des Heftes ist sehr, sehr hübsch geworden. Mitte des Monats will man bei Springer entscheiden, wie es weitergeht mit diesem Kleinod. Wie auch immer: im ganzen Trubel haben wir dann völlig vergessen, das Geheimnis tatsächlich zu lüften. Das sei nun hiermit nachgeholt:

Update: eine andere Rezension gibt es hier nachzulesen.

Liebling Liebling

Hm, das Ding kommt wohl aus Berlin. Wo auch sonst. Sieht man jedenfalls an den Protagonisten, denen der Liebling eine Bühne bietet. Das Titelblatt ist seltsam, das Format sowieso, dabei ist es nun bereits die dritte Ausgabe, die ich mir gekauft habe. Man mag sich einfach nicht dran gewöhnen. Spätestens ab Seite 100 zerfällt die Zeitung zu einem Stapel voll Altpapier. Dafür sind aber wirklich tolle Texte drin, zwei jedenfalls. Zum Beispiel die Worte von Peter Saville, der mal Plattencover gestaltete und nun, festhalten, Creative Director of Manchester ist. Ein Teilzeitjob, wie Saville sagt. Und weiter:

Orte brauchen keine Logos oder Slogans. Sie brauchen ein kollektives Gefühl des Fortschritts. Eine Vision. Menschen wollen dieses Gefühl eines Ziels spüren. Und die Politik muss diese Vision als Anspruch an sich selbst ständig formulieren. Unser politisches System birgt nämlich eine Gefahr: Mittlerweile sind so viele Menschen mit Regierungsaufgaben beschäftigt, dass Steuerung zum Selbstzweck wird. Was wirklich in der Welt passiert, entgeht ihnen.

Sehr hübsch, möchte man glatt den größtenteils unvisionären und provinziellen Lokalpolitikern Frankfurts hinter die Ohren schreiben. Aber gut, das ist halt Frankfurt und Frankfurt wird wie immer nicht erwähnt. Berlin, Hamburg, München und Köln erwähnt Saville dagegen. Das ist auch schon ein Zeichen.
Der zweite ganz schöne Text ist fast ganz hinten, auf Seite 145. Dort schreibt Lars Harmsen über die gute alte, weil langsame Zeit und weiß auch nicht so recht, warum die Welt immer schneller wird, nur:

2008 liegt die Knarre im Anschlag. Auf den Empfänger gezielt. Keine Antwort in 24 Stunden? Job weg. Ausgemustert. Loch in der Brust. Wir haben die Lunte gezündet. Raketenstart in Lichtgeschwindigkeit.

Und zum Schluss heißt es wunderbarerweise:

Geschichte wiederholt sich. Könnte allerdings sein, dass die Beats so schnell wie Speedcore werden. Mit bis zu 1.500 bpm, vom menschlichen Gehör nicht mehr wahrnehmbar. Dann ist alles nur noch Rauschen. Wie beim Einschlafen in absoluter Stille. Es erinnert an Brandung. Salz auf den Lippen. Füße im Sand. Ich geh jetzt surfen.

Was soll man sagen: Sätze, wie aus einem Song von Kante oder Tocotronic oder ich weiß nicht wem. Bleibt nur eine Frage, eine Frage, die selbstverständlich nur einem Ökospießer wie mir einfallen kann: ist es ökologisch vertretbar eine Zeitung für wahnsinnig günstige 2,80 Euro zu kaufen, eine Zeitung für die gefühlt ein ganzer Spiegel-Jahrgang recycled oder ein halber Tropenbaum fallen musste? Antwort: ja, ist es. Entweder benutzt man es als Geschenkpapier. Oder schenkt es jemanden, der tapezieren will. Damit haben dann auch die vielen Seiten mit seltsamen Foto-, Kunst-, Irgendwas-Strecken ihren Sinn.

Monocle, February 2008

Ausriss aus Monocle
flickr

Monocle issue 1012 Euro ist ein stolzer Preis für ein Magazin. Selbst für eines, das nur zehnmal im Jahr erscheint. “A briefing on global affairs, business, culture & design” heißt es im Untertitel von Monocle und das Gute daran ist: es stimmt. In der Februarausgabe, die ich am Bahnhofskiosk ergattert habe, steht soviel mir Unbekanntes drin, dass sich die Ausgabe schon wieder gelohnt hat. Auch unter Inspirationsgesichtspunkten ist Monocle ein wirklich wunderbares Magazin. Das Layout ist wunderbar, die Fotos haben eine durchgängige Bildsprache, das Papier ist nicht Hochglanz und trotzdem angenehm fest. Es gibt eine Modestrecke, was an sich schon mal langweilig wäre, aber weil der Zugverkehr das große Thema dieser Ausgabe ist, hat man ein männliches Model von Tokyo nach Hakata und ein weibliches von Köln nach Leipzig fahren lassen (siehe Bild oben). Und das Beste daran: die beiden hübschen Menschen tragen Klamotten, die wir Normalos auch in der Öffentlichkeit tragen würden.

Die Texte atmen den erfrischenden Geist anglo-amerikanischen Journalismus und besonders gelungen sind die Anlesetexte. Zum Beispiel dieser hier über ein Porträt der italienischen Journalistin Milena Gabanelli:

In a media world dominated by reality TV and celebrity chat shows posing as news, Milena Gabanelli’s ‘Report’ stands out. Since 1997, her investigations have tackled corruption in Italy head on, criticising politicians while other programmes cosy up.

Oder hier über die Idee der deutschen Bahn den Schlafwagen zu reanimieren:

flickr

Schöne Wendung: in einer sich beschleunigten Welt entdeckt ein Konzern die Langsamkeit. Natürlich ist das zugespitzt und auch im Text wird übertrieben, wenn es darum geht, einen Standpunkt besonders klar zu machen. Beispiel aus dem Deutsche-Bahn-Text:

While aerodynamic ICEs slice through Europe every day at 300 Wi-Fi-enabled km/h, City Night Line’s snub-nosed engines gently pull sleeping passengers through the night…

Soweit ich weiß, fährt der ICE derzeit nur zwischen Frankfurt und Köln und in Frankreich 300 und auch nur auf einem kleinen Streckenabschnitt gibt es drahtloses Internet – aber sei’s drum.

Und wie bereitet man ein an sich langweiliges Restaurant-Porträt bei Monocle auf? Man setzt eine Berühmtheit wie Ariana Huffington in den Laden, unterhält sich mit ihr, isst, fotografiert, zahlt die Zeche und erfreut den Leser mit einem Porträt, das durch den Magen geht:
Ariana Huffington in Monocle
flickr

Am Ende der Ausgabe ist doch noch etwas Hochglanzpapier eingebunden – für eine Fotoreportage über den TransAsya Express von Istanbul nach Teheran. Und als Goodie noch ein paar Seiten Comic von Takanori Yasaka.

Man kann also nicht behaupten, dass man nichts bekommt für 12 Euro. Leider ist der Abo-Preis nur geringfügig geringer (umgerechnet etwa 10 Euro pro Ausgabe). Dafür ist die Anzeigendichte des Monocles wirklich sehr gering. Schaut mal rein, wenn ihr es Euch leisten könnt :)