Des Spiegels Mut
21 Sep 2009

Das Magazin Spiegel beweist Mut – und Finanzkraft. Denn ein solches Wechselcover, das je nach Blickwinkel mal Merkel mal Steinmeier zeigt und wie es seit heute am Kiosk liegt, dürfte dann doch die Gewinnmarge pro Heft ein wenig nach unten drücken. Dafür aber die Verkaufszahlen hoffentlich kräftig in die Höhe. Denn Publikumszeitschriften in Deutschland setzten bislang was ihr Titelbild angeht auf ein Motto, dass Angela Merkel für ihre Neuauflage eines Adenauer-Wahlkampfs wieder aus der Mottenkiste geholt hat: keine Experimente! Zeit für eine kleine, subjektive Rückschau auf die mutigsten Cover-Ideen des Druckgewerbes.
1. Humanglobaler Zufall hieß das große Werk des Axel-Springer-Konzerns. Ein Experiment, das letztlich nach vier Ausgaben scheiterte. Ein Experiment, das in Sachen Illustriertengestaltung aber Maßstäbe setzte, weil Rendite keine Rolle spielte. Die erste Ausgabe: mit Gold auf dem Cover und mit einem roten Lesefaden. Die zweite Ausgabe: etwas langweiliger mit fühlbaren Klebeecken auf dem Cover. Die dritte wieder ganz groß mit einem Wechselcover, mit dem sich auch der Spiegel jetzt feiert (wobei die Hausmitteilung des Nachrichtenmagazins schon korrekt schreibt, in dieser Größe und in dieser Auflage hätte es das noch nicht gegeben). Auf der vierten Ausgabe dann: ein Thermocover, dass sich verändert, wenn es mit warmen Fingern befühlt wird. Mal sehen, ob sich der Spiegel an sowas rantraut.

2. National Geographic ist ein Magazin, das schon in den 80er-Jahren Fotografien, große Reportagen und Infografiken in einer Opulenz zeigte, wie man sie selbst heute nur selten findet. Und es ging, ebenfalls bereits in den 80er-Jahren erstaunliche Wege der Covergestaltung. 1984: ein Cover mit einem integriertem Hologramm, das einen Adler zeigt. 1985: ein noch größeres Hologramm. Und 1988 schließlich der absolute Wahnsinn: ein kompletter Umschlag als Hologramm, sogar die Anzeige auf der Rückseite war als solches gestaltet, ein Hingucker am Kiosk und danach nie wieder irgendwo gesehen. Wahrscheinlich waren Hologramme irgendwie auch so ein Ding, das in den 90ern furchtbar out war, denn fortan fristeten die regenbogenfarbnen Silberlinge ihr Dasein auf Kreditkarten und Waren, deren Authentizität der Hersteller beweisen wollte.
3. Esquire Magazine! Okay, inhaltlich nicht wirklich prall, Männermagazin eben, da kann man, leider, nicht viel Anspruch erwarten. Mit seinen Covern aber stets auf der Höhe der Zeit (und weit entfernt von den billigen Anmachen der Kollegen von Maxim oder FHM) und ohnehin mit einer famosen Geschichte, die ohne Ikonen wie George Lois nicht denkbar wäre. Im vergangenen Jahr dann dreht man richtig auf – und verkaufte ein Cover mit elektronischer Tinte. Technologisch ganz weit vorne und eine schöne Idee, die auch interessant aussah (wie dieses Youtube-Video zeigt), die derart ausgestattete Luxusauflage von 100.000 Heftchen kostete aber gleich zwei Dollar mehr als die normale Variante, hatte ein beinhartes Cover und eine Batterie, was unter Umweltgesichtspunkten ein Frevel ist, denn am Schluss sind die zerlesenen Magazine nämlich bestenfalls im Altpapier gelandet. Ansonsten liefert Wired den besten Kommentar zum E-Ink-Esquire:
Wake us when print media gets close to something we saw much closer to the actual beginning of the 21st century in 2002’s “Minority Report,” when newspaper headlines changed dynamically during the morning commute.
Außerdem, so Wired, habe das Time Magazine gezeigt, wie man ein aufregendes Cover ohne großen Aufwand produziere: dort arbeitete man einfach eine spiegelnde Oberfläche ein, um zu zeigen, wer der Mensch des Jahres ist: You!
Unnützes Wissen: die Wackelbild-Technologie des Spiegel heißt Lenticularfolie oder Linsenfolie. Nicht unbedingt eine neue Technik. Jetzt fehlt nur noch, dass jemand die Stereogramme aus den 90er-Jahren wieder hervorholt. Sie erinnern sich?






Neuen Magazinen, noch dazu solchen, hinter denen kein Riesenverlag steht und die deswegen auch nicht aussehen wie der zweimillionste Aufguss von Zeit Campus oder Brigitte, soll man nicht nur eine Chance geben. Deswegen ist die zweite Ausgabe von
Nach Jahren wieder mal De:Bug gelesen, das “Magazin für elektronische Lebensaspekte”. Sich sofort zurückversetzt gefühlt in eine Zeit in der Techno irgendwie cool war und seitenweise DJ-Kopfhörertests-Lesen zum guten Ton gehörte. Gehörte es aber nie. Die Zeitschrift setzt viel bei ihren Lesern voraus. Technisches Fachwissen, Toleranz gegenüber Rechtschreibfehlern und einem Überangebot an recht unnützen englischen Wörtern (“Digital-Only-Labels” etc.). Die Texte sind umständlich geschrieben. Der Jahresrückblick unter Einnahme härterer Drogen verfasst (vermutlich LSD o.ä.). Das Titelstück über den Niedergang des Vinyls im Bereich der Clubkultur: umfassend, streckenweise redundant, doch insgesamt ziemlich erhellend, vielleicht besonders wenn man sich lange nicht mehr mit dem Thema befasst hat. Die Jahrescharts: ziemlich mutig, die Leser für ihre Wahlen der Produkte, Labels, DJs und tausenderlei anderer Dinge je fertig zu machen oder zu loben wie Hundewelpen. Seltsam zu lesen: ein Autor behauptet, sein Leben befinde sich auf einer Festplatte von Western Digital. Auch sonst: alles so fremd hier. Die Plattenkritiken: wie damals in der Groove. Immer noch unbegreiflich wie man über die zwanzigmillionste Minimal-House-Scheibe so viele Wörter verlieren kann. Meine Vermutung ist ja: die drucken das nur, damit sie weiterhin Promos geschickt bekommen. Wird aber wohl auch immer schwieriger (siehe: Niedergang des Vinyls). De:Bug-Lesen, das ist wie eine Reise ins Paralleluniversum, das nur bedingt Verknüpfungen zur Realität aufweist. Also eigentlich wie RTL-2-Gucken nur eben auf der anderen Seite der Intellektualitätsskala.
Vor ein paar Tagen bekam ich Post von Peaches Geldof, genauer gesagt von Peaches Honeyblossom Michelle Charlotte Angel Vanessa Drummey Nee Geldof wie 


Hm, das Ding kommt wohl aus Berlin. Wo auch sonst. Sieht man jedenfalls an den Protagonisten, denen der Liebling eine Bühne bietet. Das Titelblatt ist seltsam, das Format sowieso, dabei ist es nun bereits die dritte Ausgabe, die ich mir gekauft habe. Man mag sich einfach nicht dran gewöhnen. Spätestens ab Seite 100 zerfällt die Zeitung zu einem Stapel voll Altpapier. Dafür sind aber wirklich tolle Texte drin, zwei jedenfalls. Zum Beispiel die Worte von Peter Saville, der mal Plattencover gestaltete und nun, festhalten, Creative Director of Manchester ist. Ein Teilzeitjob, wie Saville sagt. Und weiter:



