literatur

Zitrus von Valérie Mréjen

zitrusGut, man könnte diesem kleinen Büchlein vorwerfen, dass es mit 7,50 Euro etwas zu teuer geraten sei, weil es nur 75 Seiten hat und in gut vier S-Bahnfahrten durchgelesen ist. Man könnte auch einwenden, die Geschichte sei wohl etwas belanglos und der Umschlag des Buches einfach zu gelb (das Bild hier neben täuscht etwas, das Buch ist tatsächlich viel gelber, zitrusgelb, um genauer zu sein). Aber was hilft es zu jammern, wenn doch oft genug ein Lächeln übers Gesicht huscht, während Madame Mréjen davon erzählt, wie einmal eine Frau ihres Namens hoffnungslos in Bruno verliebt war, Bruno, der sich gerne als Zitrone zeichnet, der manchmal sehr lustig sein kann, meistens aber nervtötend und dem sie nichts übelnehmen kann, weil sie ja so verliebt ist, er aber nicht in sie. Mit jeder Anekdote, die die Protagonistin im Stile einer lakonischen Und-dann-war-noch-dies-und-dabei-fällt-mir-ein-dass-Plauderin zum Besten gibt, wünscht man sich, dass es nichts werden wird mit Valérie und ihrer Frucht. Wird aber schon in den ersten paar Sätzen irgendwie klar:

Wir saßen auf einer Bank bei Les Halles unter einer Art Holzpergola. Es war schön draußen. Er sagte zu mir, ich liebe dich nicht.

Na, Valérie Mréjen hält diesen Stil jedenfalls bis zum Schluss durch. Zitrus hat komische Marotten. Er lässt Obst verschimmeln, weil er das verschimmelte Obst schön findet, wundert sich aber über die vielen Fliegen in seiner Wohnung. Er fotografiert Äcker in allen vier Jahreszeiten. Er hält Verabredungen nicht ein. Hat eine Freundin. Und das ist noch nicht mal ein Bruchteil. Man erfährt viel über Zitrus in diesen 75 Seiten. Und das ist ja auch Liebe, selbst wenn sie unerwidert bleibt, wenn man mal von Kleinigkeiten absieht, also, Liebe ist auch soviel über einen einzigen Menschen zu wissen und wenn dazu dann noch Verliebtheit kommt, dann findet man wohl selbst verschimmeltes Obst liebenswürdig, auch wenn die Begeisterung dafür und dem dahinterstehenden Menschen dann nur für wenige Monate hält und am Ende Schluss gemacht wird, was in diesem Fall ein Happy End ist. Man liest sich gerne bis dahin durch, nein, Schluss mit “man”, ich habe mich gerne durchgelesen bis dahin, in drei, vier S-Bahnfahrten, denn solch eine Ironie- und Melancholie-Mélange ist nicht jedem seine Sache. Um es kurz zu machen, hier der Schluss:

… Nach der Schmierenkomödiantenszene im Bademantel habe ich vorgeschlagen, daß wir Schluß machen. Er war sofort einverstanden. Ich hatte eine Apokalypse erwartet. Wie würde es sein? Das wollte ich mir nicht vorstellen. Letztendlich passierte gar nichts: Das Telefon klingelte nicht mehr. Ich hatte mir den Übergang durchaus drastischer vorgestellt.

Lesen

Ich kapiere nicht, warum sich alle so darüber aufregen, dass die Sendung “Lesen” von und mit Elke Heidenreich nun abgesetzt wurde. Natürlich, die Buchhändler kann man verstehen, weil Bücher, die in der Sendung verrissen oder gelobt wurden (ganz egal), sich schön einfach verkaufen ließen. Die Verlage druckten wohl schon nach, wenn sie nur davon erfuhren, dass Frau Heidenreich diesen oder jenen Autor wohl besprechen würde (, wobei das in letzter Zeit wohl auch nicht mehr so war). Andererseits kommt mir eine Sendung übers Lesen so vor, wie eine Sendung übers Spazierengehen. Der Erkenntnisgewinn ist dann doch eher gering. Die Empfehlungen von Frau Heidenreich erkannte man in den Buchhandlungen ja eh immer gleich am größten Stapel, der da lag, oder ein paar Wochen später anhand der Spiegel-Bestseller-Liste. Und wäre es nicht irgendwie besser, man würde wirklich lesen, anstatt eine Sendung zu schauen, die will, dass man liest?

Foto: *Solar ikon*/flickr/cc-by

Faserland

Es ist ja irgendwie ganz schön hip, immer die neuesten Bücher zu empfehlen, am Besten die, die noch nicht mal jemand lesen kann, weil sie erst noch erscheinen und nur die Fahnen schon verschickt wurden oder Leseexemplare, die man später nicht auf eBay oder amazon verkaufen kann. Aber nicht nur deswegen hat es für mich keinen Sinn über das neue Buch von Christian Kracht zu schreiben, das den wunderbaren Titel “Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten” trägt und zu dem der Verlag folgenden Trailer hat produzieren lassen:

Nein, es ist viel eher so, und deswegen komme ich überhaupt auf Kracht, dass ich gerade, in ungefähr zehn Straßenbahnfahrten zur Arbeit und zurück, “Faserland” gelesen habe und, ich meine, das ist ja nun wirklich ein wunderbares Stück Popliteratur, wobei ich den Begriff Popliteratur nie verstanden habe, weil nur, weil jemand Markennamen nennt oder sich auch mal traut Belanglosigkeiten zu schreiben, ist das nicht gleich Pop, sondern eigentlich doch eher Literatur. Na, jedenfalls ist das Buch 1995 erschienen und aus heutiger Perspektive ein schönes Zeugnis jener Zeit, als geraved wurde und gekokst und gevögelt, und das alles dermaßen verkommen und roh erscheint, und die Reise durch die BRD von Nord nach Süd eher einem Ausflug in den Zoo gleicht, nur dass dort vor allem Nazis, Technohippies und Barbour-Jacken-Träger zu besichtigen sind, und ab und an auch eine hübsche Frau, selbst wenn sie wenige Sekunden später in einem Keller liegt und versucht, sich Drogen in den Fuß zu spritzen. Alles natürlich im Plauderton und mit viel indirekter Rede, was Faserland eine schöne Eleganz verleiht. An dem Buch ist eigentlich nur auszusetzen, dass dieser weiße dtv-Einband total schnell schmutzig wird. Auf eBay oder amazon kann ich das Ding jedenfalls nicht mehr verkaufen, ohne irgendwie schlechte Bewertungen zu bekommen. Aber das, also Verkaufen will ich eigentlich auch nicht. Vielleicht les ich es in zehn Jahren nochmal und schreib was drüber, sofern es dann immer noch im Trend liegt, neue Bücher zu besprechen.