kultur

Unabhängig. Überparteilich

Seit einigen Tagen pappt auf dieser Seite dann und wann eine Google-Anzeige mit den Worten “Stoppt Gotteslästerung”, die auf eine Seite der Deutschen Vereinigung für eine Christliche Kultur verlinkt, die ich hier nun bewusst nicht verlinke. Dort lässt sich ein Appell an den Bundespräsidenten schicken, auf dass dieser eine Theatervorführung verdamme, in der nackte Menschen das Evangelium nachstellen und sich dabei geißeln – so zumindest die Kurzzusammenfassung der Christen auf das Stück “Messiah Game” der Berliner Compagnie Felix Ruckert, das wohl gerade bei der Theaterbiennale wiederaufgeführt wurde (es stammt aus dem Jahr 2005). Es ist ein Stück, das mal gute, mal weniger gute Kritiken bekommen hat, eigentlich wäre es also nicht wert darüber viele Worte zu verlieren. Aber durch seine Herangehensweise sorgt es wohl stets für Provokationen. Und damit für Aufmerksamkeit. Was darauf schließen lässt: die Deutsche Vereinigung für Christliche Kultur und ihre Aktion “Kinder in Gefahr” ist ein Projekt von Felix Ruckert, um dem eigenen Stück den nötigen Auftrieb zu geben. Dagegen spricht freilich, das auf der Seite der katholischen Fundis zu lesen ist, sie hätten sich bereits 1983 in Frankfurt zusammengefunden, um die “geistigen, sozialen und kulturellen Werte der christlich-abendländischen Kultur und Zivilisation die von einer seit mehr als fünf Jahrhunderte anhaltenden zersetzenden Revolution nach und nach zerstört werden soll” zu schützen. Wie es auch sei: ich distanziere mich hiermit klar von den Inhalten des Ruckert’schen Tanztheaters wie auch der “Kinder in Gefahr”. Und sage: seine Anzeigenkunden kann man sich nicht aussuchen. Aber was tut man nicht alles für rund einen Dollar im Monat.

Foto: flickr/lemoncat1

Das Ende des Feuilletons

Kultur versus Feuilleton

Immerhin: in den gedruckten Zeitungen pflegt das Feuilleton noch ein Auskommen. Ein gar stattliches teilweise sogar, wie etwa bei der Süddeutschen Zeitung, die sich nicht zu fein ist, das Feuilleton bereits direkt nach dem Hauptteil einzulegen – und nicht etwa, so wie es alle tun, zuerst den Wirtschafts- und Finanzteil zu zeigen. Die Kultur, so soll das wohl aussehen, die wird bei uns noch hochgehalten. Nun, wie wir seit der Simpsons-Episode vom vergangenen Sonntag wissen sterben die Printmedien. Und damit auch das Feuilleton.

Bleiben wir doch bei der Süddeutschen. Gibt es das Feuilleton in der Online-Ausgabe? Nein. Dort gibt es nur Kultur. Und die ist in der Reihenfolge nicht nur hinter die Politik, sondern auch hinter Wirtschaft und Finanzen gerutscht.

Das gleiche trostlose Bild bietet sich bei der Welt, die in ihrer Printausgabe das Feuilleton so pflegt. Im Zuge der Online-Offensive musste das Wort weichen. Auch hier wieder: Kultur.

Der Spiegel war wenigstens immer so ehrlich, Kultur Kultur zu nennen und macht das selbstverständlich auch online.

Die Frankfurter Rundschau versteckt ihr Feuilleton hinter dem Kulturbegriff. Erst klickt man auf “Kultur & Medien”, dann erst bricht sich das Feuilleton Bahn. Allerdings gleichberechtigt neben Musik, Film, Literatur, Architektur und eben Medien. Wenn es eine weitere Entwertung des Begriffes Feuilleton gebraucht hätte – hier ist sie. Ähnlich verfährt die Zeit, wenn auch nicht ganz so schwammig.

Und das die WAZ mit ihrem Web 2.0-Portal derwesten den Kulturbegriff ganz hoch, und das Feuilleton ganz unten hält, war ja sowieso klar. Schlimmster Sündenfall: Googlenews, die nicht nur das Feuilleton, sondern gleich den Kulturbegriff abgeschafft haben. Dort findet man eine Filmkritik unter der Rubrik Unterhaltung – eingekeilt zwischen “Nachrichten” aus dem Dschungelcamp oder über die No Angels.

Immerhin, bei der FAZ hat das Feuilleton ein Refugium. Natürlich. Vielleicht traut man dort den Lesern noch zu, das sie mal eine Tageszeitung in der Hand hatten oder wissen, was hinter dem Begriff Feuilleton so alles steckt. Der Grund könnte auch darin liegen, das eigentlich jede Untersuchung über Tageszeitungen ergeben hat, dass das Feuilleton so gut wie nicht gelesen wird. Was sehr schade ist, einerseits. Sich andererseits in der Onlinewelt natürlich noch viel genauer nachvollziehen lässt. Deswegen stehen jetzt in den Online-Kulturteilen auch Bildergalerien über das neue Bond-Girl oder über irgendwelche Theaterstücke, in denen sich die Darsteller mal wieder ausziehen und gegenseitig mit Kunstblut beschmieren mussten. Das ist sicher sehr unterhaltend. Feuilletonistisch aber nicht mehr. Was wir daraus schließen können: Heinrich Heine wäre bestimmt kein Online-Journalist geworden. Und in wenigen Jahren werden wir den Begriff Feuilleton nur noch im Französischunterricht kennenlernen. Als das, was es ist: ein Blättchen. Und Blätter gibt’s nicht mehr. Nur noch Klicks, Klicks, Klicks.