Journalismus

Der amerikanische Journalismus in der Krise

Wieder eine neue Untersuchung, die so klingt, als wäre sie ein weiterer Sargnagel auf den US-amerikanischen Print-Journalismus. Blüht uns das hier auch:

  1. 67 Prozent denken, der traditionelle Journalismus habe nicht mehr viel mit dem zu tun, was sie von Nachrichten erwarten.
  2. 64 Prozent sind unzufrieden mit dem Journalismus in ihrer Gemeinde.
  3. 48 Prozent holen sich ihre Nachrichten aus dem Internet, 29 Prozent aus dem Fernsehen, 11 Prozent aus dem Radio, 10 Prozent aus Tageszeitungen.

Quelle: Zogby Interactive Survey

Letztendlich alles halb so schlimm, denn dass das Internet zur Nachrichtenübermittlung einfach viel besser geeignet ist, als Tageszeitungen versteht sich eigentlich von selbst. Für Printjournalisten heißt das eigentlich nur zweierlei: Nachrichten kommen künftig online, ins Gedruckte müssen Geschichten von hoher Qualität, (Foto-)Reportagen, Hintergründe, Feuilletonistisches. Und das gilt nicht nur für die USA.

Monocle, February 2008

Ausriss aus Monocle
flickr

Monocle issue 1012 Euro ist ein stolzer Preis für ein Magazin. Selbst für eines, das nur zehnmal im Jahr erscheint. “A briefing on global affairs, business, culture & design” heißt es im Untertitel von Monocle und das Gute daran ist: es stimmt. In der Februarausgabe, die ich am Bahnhofskiosk ergattert habe, steht soviel mir Unbekanntes drin, dass sich die Ausgabe schon wieder gelohnt hat. Auch unter Inspirationsgesichtspunkten ist Monocle ein wirklich wunderbares Magazin. Das Layout ist wunderbar, die Fotos haben eine durchgängige Bildsprache, das Papier ist nicht Hochglanz und trotzdem angenehm fest. Es gibt eine Modestrecke, was an sich schon mal langweilig wäre, aber weil der Zugverkehr das große Thema dieser Ausgabe ist, hat man ein männliches Model von Tokyo nach Hakata und ein weibliches von Köln nach Leipzig fahren lassen (siehe Bild oben). Und das Beste daran: die beiden hübschen Menschen tragen Klamotten, die wir Normalos auch in der Öffentlichkeit tragen würden.

Die Texte atmen den erfrischenden Geist anglo-amerikanischen Journalismus und besonders gelungen sind die Anlesetexte. Zum Beispiel dieser hier über ein Porträt der italienischen Journalistin Milena Gabanelli:

In a media world dominated by reality TV and celebrity chat shows posing as news, Milena Gabanelli’s ‘Report’ stands out. Since 1997, her investigations have tackled corruption in Italy head on, criticising politicians while other programmes cosy up.

Oder hier über die Idee der deutschen Bahn den Schlafwagen zu reanimieren:

flickr

Schöne Wendung: in einer sich beschleunigten Welt entdeckt ein Konzern die Langsamkeit. Natürlich ist das zugespitzt und auch im Text wird übertrieben, wenn es darum geht, einen Standpunkt besonders klar zu machen. Beispiel aus dem Deutsche-Bahn-Text:

While aerodynamic ICEs slice through Europe every day at 300 Wi-Fi-enabled km/h, City Night Line’s snub-nosed engines gently pull sleeping passengers through the night…

Soweit ich weiß, fährt der ICE derzeit nur zwischen Frankfurt und Köln und in Frankreich 300 und auch nur auf einem kleinen Streckenabschnitt gibt es drahtloses Internet – aber sei’s drum.

Und wie bereitet man ein an sich langweiliges Restaurant-Porträt bei Monocle auf? Man setzt eine Berühmtheit wie Ariana Huffington in den Laden, unterhält sich mit ihr, isst, fotografiert, zahlt die Zeche und erfreut den Leser mit einem Porträt, das durch den Magen geht:
Ariana Huffington in Monocle
flickr

Am Ende der Ausgabe ist doch noch etwas Hochglanzpapier eingebunden – für eine Fotoreportage über den TransAsya Express von Istanbul nach Teheran. Und als Goodie noch ein paar Seiten Comic von Takanori Yasaka.

Man kann also nicht behaupten, dass man nichts bekommt für 12 Euro. Leider ist der Abo-Preis nur geringfügig geringer (umgerechnet etwa 10 Euro pro Ausgabe). Dafür ist die Anzeigendichte des Monocles wirklich sehr gering. Schaut mal rein, wenn ihr es Euch leisten könnt :)

Blaue Augen

blaue Augen

Auf den deutschen Nachrichtenseiten geht gerade diese wunderschöne Geschichte um, dass alle blauäugigen Menschen miteinander verwandt wären. Spiegel Online überschriftet: “Alle Blauäugigen haben den gleichen Urahn”. Und die Süddeutsche lässt sich in einer Bildunterschrift sogar zu einer Vermutung hinreißen, die viele Männerträume zu Inzuchtfantasien werden lassen dürfte: “Wer blaue Augen besitzt, ist vermutlich auch mit Angelina Jolie verwandt. Ziemllich entfernt natürlich.” Der Standard sieht’s weniger romantisch und schreibt schlicht: “Blauäugige sind Nachfahren eines einzigen ‘Iris-Mutanten’”.

Das alles geht zurück auf eine Studie, die in der Onlineausgabe von Human Genetics veröffentlicht wurde und sich hier vollständig einsehen lässt. Im Vergleich zu den Zeitungsartikeln fällt auf, wie Wissenschaftsjournalismus funktioniert: man nehme den wissenschaftlichen Originaltext, befreie ihn von allen Fachbegriffen und Zahlen, extrahiere ein paar griffige Zitate, ersetze etwaige Zeichnungen durch Bilder von Angelina Jolie – voilà!

Und warum haben wir nun unterschiedliche Augenfarben? Da geben sich die Autoren der Zeitungsartikel zumindest ratlos. Steht ja auch nicht in der Studie, deren Ziel war, die genetische Spur der blauen Augen zurückzuverfolgen. Spiegel Online etwa mutmaßt:

Warum sie sich gerade in Nordeuropa so weit verbreitet haben, darüber gibt es bislang nur Spekulationen – etwa, dass die blaue Farbe in dunklen Wintern oder aber an langen, hellen Sommertagen irgendeinen Vorteil bieten könnte. vielleicht fanden Europäer potentielle Geschlechtspartner mit blauen Augen aber auch einfach attraktiv.

Und auch die Süddeutsche folgert:

Womöglich waren die Menschen aber auch schon Tausende Jahre vor Siegfried dem Drachentöter von blauen Augen so fasziniert, dass deren Träger zu attraktiven Sexualpartnern wurden.

So weit, so doof. Die logischte Erklärung kommt aber aus einem zehn Jahre alten Zeit-Artikel, in dem die Frage beantwortet wird, ob eigentlich alle Babys bei der Geburt blaue Augen haben (nein):

Der Zweck der Pigmente besteht lediglich darin, Licht zu absorbieren und so das Auge zu schützen. Deshalb haben auch Menschen in südlichen Ländern meist dunklere Augen als ihre nördlichen Artgenossen.

Wie kompliziert das mit der Vererbung blauer Augen ist, lässt sich ganz einfach am EyeCalculator sehen. So gesehen müssten sich die Menschen in Finnland (90 Prozent Blauäugige) ganz schön angestrengt, um letztlich eine solch hohe Dichte an blauen Augen zu erreichen. Glauben wir also der Theorie der natürlichen Selektion. Und hoffen, dass sich solch interessante Berichte auch vermarkten lassen, ohne eine hübsche blauäugige Frau zu zeigen.

Foto: reportergimmi

Dan Rather

Dan Rather
Foto: scriptingnews

Diese Woche Spiegel kaufen, lohnt sich. Da ist zum Beispiel ein schönes, manchmal vielleicht ein bisschen zu wohlwollendes Porträt der US-Reporterlegende Dan Rather drin, in dem der Kampf beschrieben wird, den der Journalist derzeit mit seinem einstigen Arbeitgeber CBS News ausfechtet. Aber auch wunderbare Zitate von Rather wie dieses:

Die Distanz zwischen denen, die die Konglomerate führen, und den Journalisten wird größer und größer und damit verschwindet selbst in den Medien das Verständnis dafür, dass Nachrichten ein öffentliches Gut sind. Die Frage ist, ob man die Öffentlichkeit dafür interessieren kann und ob sie noch wach ist, zu bemerken, was sich da verändert.”

Aus: Die letzte Meldung, Spiegel 5/2008
Mehr zu Dan Rather bei Wikipedia.

Die Regierung hat immer recht

Ich glaube, wir müssen offener mit den Problemen umgehen und dem Publikum klarer machen, dass wir nur eine Version der Wahrheit abbilden. Aber ist das Publikum wirklich bereit, das zu hören? Dass wir vielleicht von unserer eigenen Regierung manipuliert werden? Ich glaube, viele Leute schalten die Nachrichten ein, um zu hören, dass ihre Regierung letztendlich recht hat.

“Schon unser Vokabular ist parteiisch”, der Auslandskorrespondent Joris Luyendijk in der taz.

Old School

“If you want to be a qualified and good journalist, you must understand politics, must know Marxism and must master some of the basic disciplines of Marxist journalism,” he went on.

“We need to use the Marxist position, the Marxist point of view and the Marxist method to observe and deal with things,” he told his class. “What is the position? It is the party’s position and the people’s position. What is the point of view? Dialectical materialism and historical materialism. What is the method? It is how to deal with conflicts correctly.”

For China’s Journalism Students, Censorship Is a Core Concept, by Edward Cody – The Washington Post