Das erste Industrieland
13 Jun 2011
Den Plänen Berlusconis für einen Wiedereinstieg in die Atomenergie haben die Italiener eine Abfuhr erteilt. Acht neue Kernkraftwerke – das wollten über 90 Prozent der Bevölkerung nicht. Abgeschafft hatte man die Atomenergie ohnehin schon lange, wenige Jahre nach dem Tschernobyl-Unglück waren alle vier Kraftwerke abgeschaltet. Man muss sich das immer wieder in Erinnerung rufen, denn in vielen Medien wird Deutschland oft als das erste Industrieland bezeichnet, das den Ausstieg wagt (allerdings einen, der erst in über zehn Jahren Wirklichkeit wird). Der Focus-Chefredakteur Uli Baur schreibt zum Beispiel:
Deutschland will als erstes großes Industrieland aus der Atomenergie aussteigen, und das natürlich besonders schnell – und perfekt dazu. So wie es eben zu uns passt.
Sylvius Hartwig nutzt in der Badischen Zeitung die Gelegenheit dazu, daraus eine einsame Entscheidung Deutschlands zu stricken:
Deutschland wird das einzige große Industrieland ohne Kernenergie sein. China, Russland, England, Frankreich, die USA verkünden, dass sie den Ausbau fortsetzen werden. Mit der sich abzeichnenden Politik sieht die Zukunft dunkel aus, denn wir haben nicht die Wahl eines Ausstiegs ohne Folgen.
Und das Hamburger Abendblatt tut gleich so, als sei der Ausstieg ein ganz großer Wurf: “Als erstes großes Industrieland verzichtet die Bundesrepublik auf Atomkraft.”
Der Begriff vom “ersten Industrieland” stammt ursprünglich aus der Feder der Bundeskanzlerin. Sie hat ihn auch gerade noch einmal wiederholt: “Wir können als erstes Industrieland der Welt die Wende zum Zukunftsstrom schaffen.” Genau das mag für Italien nicht gelten. Ist aber auch nebensächlich, wenn man der Bevölkerung einreden will, das Industrieland und Atomenergie zwei Begriffe sind, die nicht zu trennen sind.





