Kopieren und einfügen
11 Mai 2008
Gestern war ich im Pfingstgottesdienst und hab keinen Liederzettel mehr abgekommen, weil die Kirche so voll war (Konfirmation! Im Protestantenland Niedersachsen!) und deswegen konnte ich also auch nicht mitsingen und mitmurmeln, zumindest nicht mit aufs Blatt geneigtem Kopf. Aber mir fiel auf: ich konnte erstaunlich viel Text, dabei gilt doch unsere Generation als durchweg ignorant und schlecht gebildet und ebenso sprung- wie flatterhaft. Die Wahrheit ist: es bleibt mehr hängen, als einem lieb sein kann. Sogar die ersten Strophen von Taufliedern (“Ich bin getauft auf deinen Namen, Gott Vater, Sohn und Heil’ger Geist”), Vater unser und evangelisches Glaubensbekenntnis versteht sich ja eh von selbst, dann die Zwischenlieder, Kýrie eléison und so fort.
Die Sache mit auswendiggelerntem Wissen ist: es ist da, nur eben nicht auf Abruf oder auf Kommando, weil ja eigentlich immer irgendwo ein Internetanschluss in der Nähe lauert, wozu also Auswendiglernen, wozu Rezitieren?
Das Kopieren und Einfügen ist eine schicke Sache, aber sie macht uns nicht aus. Vielmehr als Wissen im Geiste zu horten sind wir in der Lage, Wissen aufzudecken, zu finden und, naklar, zu googlen. Der Wissensschatz ist groß geworden, die Bildung geht in die Breite. Natürlich kann es schick sein, alte Verse zu rezitieren. Aber schicker ist es, etwas aus ihnen zu machen, ihre Bedeutung zu diskutieren, sie auf den Prüfstand zu legen und auch sie zu ehren, in dem sie bruchstückhaft einfließen, in dem sie durchs Zitieren am Leben erhalten werden. Das Remixen von Wissen ist alles andere als ein Rückschritt. Es zeigt nur, wie Menschen schon immer gearbeitet haben: ohne Rückgriff auf schon Gedachtes, schon Geleistetes geht es nicht. Bloß das die Transparenz dieses Verfahrens heute größer ist als einst. Deswegen, schnell einkopiert, zum Auswendiglernen Einleitendes zu Reineke Fuchs von JWG:
“Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen; es grünten und blühten / Feld und Wald; auf Hügeln und Höh´n, in Büschen und Hecken, / Übten ein fröhliches Lied die neuermunterten Vögel; / Jede Wiese sprosste von Blumen in duftenden Gründen, / Festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde.







