Guten Tag
1 Dez 2008
Ich war einige Tage im Harz, in einem Dorf. Es hatte geschneit, natürlich über Nacht und so knatschten die Schuhe im Weiß. Ich muss sagen, dass ich den Geschmack von frisch gefallenem Schnee vollkommen vergessen hatte. Was sehr schade ist, denn er schmeckt, wie ich feststellen musste, tatsächlich außerordentlich gut nach gefrorenem Nichts. Wer mehr dazu wissen will, der schaue sich den wunderbaren Film “Snowcake” an. Abgesehen vom Schneegeschmack auf meiner Zunge hatte ich noch eine Wiederentdeckung: die Begrüßungen zwischen einander wildfremden Menschen auf der Straße. Das ist nämlich so üblich auf einem Dorf. Da schaut man sich noch in die Augen und sagt “Morgn” oder “Tach” teilweise auch “Gutntach”. Dabei lächelt man nicht, aber der Augenkontakt, der ist wohl wichtig, schon einige Meter vor der Begrüßung wird eifrig taxiert. Wer nicht zurückgrüßt, so wie der gerade angekommene, noch vom Schneegeschmack überwältigte und von der Begrüßung überrumpelte Städter, der muss damit rechnen, dass der Grüßende die Augen zu Schlitzen verengt und etwaigen Begleitungen unverständliche Unflätigkeiten zumurmelt. Auch irritiertes Stirnrunzeln konnte ich beobachten. Dann aber hatte ich’s gerafft und grüßte fortan artig zurück.
In der Stadt sind gerade fünf Grad über Null, da ist nicht viel mit Schnee essen. Ist auch sonst nicht zu empfehlen, denn was da so runterrieselt bezeichnen Experten ja schließlich als Industrieschnee und diesen zu essen käme dem Lecken an einem entsorgten Katalysator gleich, was wohl nur die hartgesottensten Kfz-Mechaniker als Wonne empfinden könnten und, wer weiß, vielleicht nicht einmal die. Jedenfalls: Die Menschen auf der Straße zu grüßen, davon konnte mich niemand abhalten. Der erste, den ich grüßte, war ein Mann mit einem grauen Mantel aus dem ein weißes Hemd blitzte. Er sagte nichts, grübelte aber wohl darüber nach, wo wir uns schon einmal gesehen hatten. Die zweite Person war eine junge Frau, deren plötzliches, ärgerliches Stirnrunzeln verriet, dass sie angestrengt darüber nachdachte, wie noch einmal genau dieser Griff ging, den sie im Selbstverteigungskurs vor drei Jahren an der Volkshochschule gelernt hatte. Selbstredend kein Gruß zurück. Die dritte Person war ein Busfahrer, der den Gruß erwiderte, wohl weil man ihn doch noch ab und an grüßte, weil der Bus ja wie ein Gebäude und sein Fahrer wie der Hausherr wirkt, da will man wohl nicht unhöflich sein, auch nicht als Stadtbewohner. Ich stieg aus dem Bus aus und grüßte ein Kind. Es sagte sofort “Guten Tag”, mit so einer Mischung aus Respekt (vor Erwachsenen) und Automatismus (was sagt man da? Gu-ten-Ta-hag! hörte es wahrscheinlich seine Erziehungsberechtigten leiernd sagen). Dann grüßte ich eine Politesse. Sie fragte mich gleich, ob sie mir helfen könne. Ich beschloss, das Experiment abzubrechen. Land und Stadt würden sich wohl nie vereinen lassen, soviel wusste ich nun. Es ist eben nicht das Gleiche. Nur vergisst man genau das gerne; so wie den Geschmack frisch gefallenen Schnees.








Dez 01, 2008 @ 14:38:45
Eine schöne Idee, schade dass du abgebrochen hast, ich würde mitmachen…
Ich kenne sowas auch noch vom Bodensee – immer wenn ich meine Freunde und Familie besuche, gehört das “Straßengrüßen” dazu, und wehe du machst da nicht mit! Ein paar Tage später bekomme ich dann immer eine Rüge von meinen Eltern: “Warum hast du Frau XYZ nicht gegrüßt? Das nächste Mal machst du das gefälligst!” :)
Gruß,
Venden
Dez 02, 2008 @ 21:17:53
In der Schweiz ist das in jedem Dorf üblich.
Wunderschön geschriebene Beobachtungen!
Mühe habe ich nur mit dem “knatschen” der Schuhe im Schnee. Knatschen die wirklich?
Jetzt bin ich der Nörgler.
Darum: Ich habe mich bestens unterhalten. Und zum Nachdenken bin ich auch noch gekommen.
Dez 02, 2008 @ 23:14:29
Guten Tag,
und vielen Dank für die Blumen. Vollkommen richtig: Schnee knirscht, wenn er kalt genug ist. Knatschen kann er nur, wenn man ihn isst. Und selbst das ist unwahrscheinlich. wie auch immer: ich hab’s gelassen in der Hoffnung, dass diese Seite zu den wenigen Fundstellen bei Google gehört, wenn man nach “Knatscht Schnee” sucht. Die Antwort für alle, die nun hier landen, lautet: nein.
Dez 03, 2008 @ 16:57:13
Ja!
Schnee knatscht! Und das ist ein anderes Geräusch als knirschen. Umschreiben ist schwierig. Da liegen auch nur Nuancen dazwischen…
Ach ja, lieber Nils, bei Google kannste dich dann als 173er in die Liste der Schneeknatscher hinten anstellen. Wieder nix mit dem Alleinstellungsmerkmal :-)