Liebling Liebling

Hm, das Ding kommt wohl aus Berlin. Wo auch sonst. Sieht man jedenfalls an den Protagonisten, denen der Liebling eine Bühne bietet. Das Titelblatt ist seltsam, das Format sowieso, dabei ist es nun bereits die dritte Ausgabe, die ich mir gekauft habe. Man mag sich einfach nicht dran gewöhnen. Spätestens ab Seite 100 zerfällt die Zeitung zu einem Stapel voll Altpapier. Dafür sind aber wirklich tolle Texte drin, zwei jedenfalls. Zum Beispiel die Worte von Peter Saville, der mal Plattencover gestaltete und nun, festhalten, Creative Director of Manchester ist. Ein Teilzeitjob, wie Saville sagt. Und weiter:

Orte brauchen keine Logos oder Slogans. Sie brauchen ein kollektives Gefühl des Fortschritts. Eine Vision. Menschen wollen dieses Gefühl eines Ziels spüren. Und die Politik muss diese Vision als Anspruch an sich selbst ständig formulieren. Unser politisches System birgt nämlich eine Gefahr: Mittlerweile sind so viele Menschen mit Regierungsaufgaben beschäftigt, dass Steuerung zum Selbstzweck wird. Was wirklich in der Welt passiert, entgeht ihnen.

Sehr hübsch, möchte man glatt den größtenteils unvisionären und provinziellen Lokalpolitikern Frankfurts hinter die Ohren schreiben. Aber gut, das ist halt Frankfurt und Frankfurt wird wie immer nicht erwähnt. Berlin, Hamburg, München und Köln erwähnt Saville dagegen. Das ist auch schon ein Zeichen.
Der zweite ganz schöne Text ist fast ganz hinten, auf Seite 145. Dort schreibt Lars Harmsen über die gute alte, weil langsame Zeit und weiß auch nicht so recht, warum die Welt immer schneller wird, nur:

2008 liegt die Knarre im Anschlag. Auf den Empfänger gezielt. Keine Antwort in 24 Stunden? Job weg. Ausgemustert. Loch in der Brust. Wir haben die Lunte gezündet. Raketenstart in Lichtgeschwindigkeit.

Und zum Schluss heißt es wunderbarerweise:

Geschichte wiederholt sich. Könnte allerdings sein, dass die Beats so schnell wie Speedcore werden. Mit bis zu 1.500 bpm, vom menschlichen Gehör nicht mehr wahrnehmbar. Dann ist alles nur noch Rauschen. Wie beim Einschlafen in absoluter Stille. Es erinnert an Brandung. Salz auf den Lippen. Füße im Sand. Ich geh jetzt surfen.

Was soll man sagen: Sätze, wie aus einem Song von Kante oder Tocotronic oder ich weiß nicht wem. Bleibt nur eine Frage, eine Frage, die selbstverständlich nur einem Ökospießer wie mir einfallen kann: ist es ökologisch vertretbar eine Zeitung für wahnsinnig günstige 2,80 Euro zu kaufen, eine Zeitung für die gefühlt ein ganzer Spiegel-Jahrgang recycled oder ein halber Tropenbaum fallen musste? Antwort: ja, ist es. Entweder benutzt man es als Geschenkpapier. Oder schenkt es jemanden, der tapezieren will. Damit haben dann auch die vielen Seiten mit seltsamen Foto-, Kunst-, Irgendwas-Strecken ihren Sinn.