Können wir nicht mal über was anderes reden?
25 Okt 2008

Ich kann nicht mehr. Jeden Tag in den Zeitungen, jeden Montag Seiten über Seiten im Spiegel, jeden Donnerstag die Zeit, auch im TV stets das Gleiche, als ob es kein anderes Thema mehr gäbe. Es ist ein wirklicher Overkill und Beweis dafür ist, wie schwer es mir gerade fällt das Wort überhaupt zu schreiben: Finanzkrise. Dabei ist mir in gut vierwöchiger Dauerberieselung nicht mal klar geworden, worum es eigentlich geht, was das Problem ist, kann das nicht einer der aberdutzenden Experten auf den Punkt bringen? Und kann man nicht ein einziges Interview führen, in dem die F. (ich kürze jetzt einfach mal ab), nicht vorkommt? Zum Beispiel gestern in der taz das Interview mit Harald Schmidt, man fängt so an zu lesen und es geht um den Hamlet natürlich, um deutsches Regietheater, Peymann und das ganze Zeug und als sich schon eine gewisse Beruhigung eingestellt hat, zack: F. Neulich auf der Buchmesse, da gibt Paulo Coelho ganz offen zu, dass auch er mit der F. belästigt wird, “weil die Leute wohl denken, das Autoren zu allem eine Meinung haben”. Im Moment denken aber alle, alle hätten zu allem eine Meinung. Deswegen kann man kein Feuilleton mehr lesen, ohne es mit dem Wirtschaftsteil zu verwechseln und keinen Wirtschaftsteil, der nicht ohne apokalyptische Katastrophenmeldungen und keinen Leitartikel, der ohne das Wort F. auskommt. Man kann nicht mal die Frankfurter Skyline anschauen, ohne an diese verf. F. zu denken. Es ist allgegenwärtig. Danach kommt gleich Reich-Ranicki. Wenn es zwei Sätze gibt, die verboten gehören, weil sie nun wirklich zu oft gefallen sind dann: “Durch die F. droht die Rezession.” Und: “Reich-Ranicki hat ja so recht.” Leider mischen sich beide Themen auch unmerklich in normale Konversationen ein, private Gespräche, wo doch die F. besonders da nichts zu suchen hat, eigentlich. Es ist im Übrigen erstaunlich, über welch unendlich wichtigere Dinge man sich unterhält, klammert man die F. und MRR und vielleicht noch einige andere Sachen vorher aus. Man muss eben immer nur den roten Buzzer vor Augen haben, der nervtötend brummt, wenn den Kandidaten ein bestimmtes, verbotenes Wort herausrutscht. Sie wissen schon, wie in diesen Spielshows. Spielshows – womit wir wieder bei der Börse wären. Es ist wie verhext. Können wir nicht mal über was anderes reden?






