Wir Bürger

Buergerkrieg - feel the fire

In letzter Zeit wird von einem Begriff in der politischen Berichterstattung inflationärer Gebrauch gemacht. Der Bürgerlichkeit. Da reden CDU und FDP gebetsmühlenartig davon, eine bürgerliche Mehrheit bekommen zu wollen. Da schreiben Journalisten, gerade etwa für die Zeit im Themenschwerpunkt Immer linker, vom bürgerlichen Lager und nun entdeckt auch der hessische Vorzeige-Biedermann und FDP-Vorsitzende Jörg-Uwe Hahn den Begriff wieder, in dem er fordert, die Grünen dürften sich der Bildung eines bürgerlichen Bündnisses mit Liberalen und Christdemokraten nicht verschließen.

Der Begriff des Bürgertums war in der Geschichte vielen Wandlungen unterworfen. Bürgerrechte als Mittel der Integration erfanden die Römer vor fast genau 1800 Jahren. Fortan war jeder Bürger, der sich im römischen Reich aufhielt, was außerdem den Vorteil hatte, dass das Reservoir für die Legionärsrekrutierung auf einen Schlag sprunghaft anstieg.

Gegen Ende der Feudalzeit begriffen sich die Stände der Handwerker als Bürger und etablierten sich als neue Klasse neben Adel und Klerus.

Karl Marx schließlich ordnete die Bürger als Gegenpart zum Proletariat als kapitalistische Grundklasse ein. Fortan wurde das Antibürgerliche auch Ausdruck des Kommunismus. In der Weimarer Republik griffen aber auch die Rechtspopulisten auf das Vokabular zurück: das Bourgeoise wurde in ihren Kreisen ebenso zum Feind erklärt wie unter den Sozialisten.

Soweit die verkürzte Begriffsgeschichte. Heute steht der Bürger neutral da. Jeder ist Bürger. Und auch jene Berufspolitiker, die behaupten, mehr Bürgernähe wagen zu wollen sind nichts anderes als – Bürger. Auch Arbeitslose und Unternehmer, Fließbandarbeiter und Investmentbanker: Bürger.

Vielleicht ärgert mich der Begriff des “bürgerlichen Lagers” deswegen so sehr. Was soll er noch bedeuten? Wenn auf der einen Seite die Bürger und auf der anderen Seite die Linken stehen, dann bedeutet das nichts anderes als die veraltete Trennung von Antibürgerlich und Bourgeoisie wieder aufleben zu lassen. Zugleich ersparen sich die “bürgerlichen” Parteien damit den Vorwurf rechts zu sein. Man will eben nicht mehr rechts stehen, sondern bestenfalls in der Mitte. Da hört sich bürgerlich doch gleich viel besser an.

Wenn CDU und FDP aber so auf dem Begriff pochen (und die Medien ihn ungefragt übernehmen), dann sollten sie seine veraltete Definition auch auf sich selbst anwenden. Die Christdemokratische Union Deutschlands hat einen rechtspopulistischen Wahlkampf geführt. Und sich damit ins Lager der Antibürgerlichen begeben. Eine bürgerliche Regierung, die könnten unter diesen Voraussetzungen nur SPD, Grüne und Linke bilden. Aber am Besten wär’s man würde bei eingeführten Begrifflichkeiten bleiben. Die Partei “Die Linke” hat das mit ihrem Namen ganz vorzüglich gelöst. Jetzt sollte sich die CDU auch konsequenterweise “Die Rechte” nennen. Da weiß man schließlich, was man hat. (Alternativ schlage ich hier noch die Namen “Die Mitte” für die SPD, “Die Liberalen” für die FDP und “Die Besserverdienenden” für die Grünen vor).

Foto: Wbs 70