Shanghai Express

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Josef von Sternburg hat mit Shanghai Express wohl einen der am Besten fotografierten Schwarzweißfilme gedreht. Jede Einstellung, jedes Bild ist eine Komposition für sich. Dies liegt gewiss nicht zuletzt an Marlene Dietrich, fast durchscheinend wie ein Engel gefilmt, man glaubt, ein Hauch könnte sie wie Rauch von der Leinwand hinwegwabern lassen. Sie beherrscht unendlich viele Gesten und Reize in wenige Sekunden zu verpacken, was den zeitgenössischen Kritikern dann doch manchesmal ein wenig zu weit ging.

Der Film jedoch beginnt ganz schlicht. Das Gewusel eines Bahnsteigs vor der Abfahrt, Gepäckstücke, Passagiere, Träger, dann eine Sänfte, aus der die Dirne Hui Fei (Anna May Wong) steigt, die eigentliche Hauptperson, Feis Zimmergenossin, kommt vollkommen unprätentiös im Taxi, ist erst kaum zu sehen und schon wieder weggehuscht, als man eben erst glaube, sie unverschwommen wahrzunehmen. Shanghai Lily (Marlene Dietrich) ist eben nur die ästhetische Verheißung, die im nächsten Moment schon wieder verschwunden ist. So gesehen fasst die Eingangssequenz den Film schon ganz gut zusammen. Der Zug macht sich stampfend auf den Weg von Peking nach Shanghai. Es ist ein bei aller Hektik so ruhiger Anfang, von Sternberg nimmt sich viel Zeit. Als der Zug rollt, nimmt das Unheil ohnehin seinen Lauf. Da trifft Lily ihren einstigen Liebhaber Doc Harvey (Clive Brook) wieder, der einst eifersüchtig von ihr ließ. Da stoppen, wir befinden uns in der Zeit des chinesischen Bürgerkriegs, erst Regierungstruppen, dann Rebellen den Zug. Da wird Hui Fei vom Rebellenführer Cheng vergewaltigt, auch Lily bleibt dies nicht erspart, um ihren Ex vor der Blendung zu retten. Die Befreiung des Zuges gelingt, als Fei ihren Peiniger ersticht.

Als der Zug endlich in Shanghai eintrifft: das Geständnis der Liebe. Und das alles in achtzig Minuten: Stil und Gewalt, Liebe und Glück. Heute bräuchte man dafür 200 Millionen Dollar und drei Stunden mit Luftaufnahmen und großem Bohei. Josef von Sternburg braucht nur Marlene Dietrich, Haltung und eine große Portion Magie.