Glaube, Liebe, Hoffnung
12 Mrz 2008
Jetzt wo die Frühlingsstürme die Winterdepression wegfegen und die Sonne die schweren Gedanken vertreibt und man selbst zwischen den hypercoolen Hochhausgetürmen Freudensprünge wagen kann und ein Liedchen trällern, kann es ja nicht falsch sein, auch mal das Gute auszusprechen. Überall diese schlechten Nachrichten – erst recht was den Journalismus, ja die Medien im Allgemeinen angeht. Warum das so ist? Ich wage mal die These: weil wir selbst gerne das Schlechte hervorheben, egal, wo auf der Welt. Die Politik: verdorben. Die Zukunft: verdüstert. Unsere Jugend: verdummt. Und so weiter. Als Journalist pflegt man die Angewohnheit, skeptisch zu sein. Grundsätzlich ja gut. Aber man soll ja nichts übertreiben, auch das Schlechtreden, -finden und -machen nicht. Nur ist man’s ja sooo gewohnt. Auch die tollste Sache der Welt muss doch einen Haken haben, oder? Wo ist die schlechte Seite der Medaille? Wo der Aufhänger? Na, vom amerikanischen Journalismus könnte man sich zumindest hier in Deutschland mal die Seite abschneiden, manche Sachen auch einfach mal großartig zu finden. Oder auch mal seine Meinung zu sagen und nicht zum Einerseits-andererseits-Mensch zu werden. Sonst endet man als Zyniker oder Depressiver oder Alkoholiker oder gleich alles zusammen. Insbesondere wenn man den eigenen Berufsstand ebenso im Verfall sieht wie den Rest Welt. Beides ist nämlich falsch.
Also ein paar frühlingshafte Thesen zur Zukunft des Journalismus:
- Die zwischenmenschliche Kommunikation steigt rapide. Und wenn Menschen kommunizieren, brauchen sie Informationen, Ideen, Inspiration. Und gelesen wird auch immer mehr. Egal, was Steve Jobs sagt.
- Der Journalismus ist keine Gilde, keine Kaste und keine Zunft. Und das ist verdammt nochmal gut so. Dass die Hürde selbst zum Produzenten von Nachrichten zu werden rapide gesunken ist, kann nichts anderes als eine Stärkung der Demokratie bedeuten. Herrschaftswissen gibt es weniger, dafür mehr Macht beim Volk. Warum die gleichen Journalisten, die wie die Besessenen der freien Marktwirtschaft das Schwert führen, ihren eigenen Berufsstand mit aller Macht vor den so gescholtenen “Laien” zu verteidigen suchen, muss man auch erstmal verstehen. Es ist jedoch gewiss kein Zufall.
- Es gibt keinen Niedergang der Medien, nur einen der Massenmedien. Es ist ein Wandel im Gang. Zusammen mit der fortschreitenden Individualisierung der Gesellschaft und der massiven Umverteilung der medialen Produktionsmittel ergibt sich eine Aufsplitterung – in verschiedene Medienformen, von denen das Internet die breitesten Ausdrucksmittel bietet. Aber auch in verschiedene Medien. Dass die Auflage der Printmedien insgesamt sinkt, ist kein Zeichen für die zunehmende Kulturverlassenheit unserer Gesellschaft. Es ist nur ein Zeichen von Revolution. Und dass die Bild-Zeitung am stärksten vom Auflagenschwund betroffen ist wirklich nicht so übel, oder?
- Die gleiche These der Zersplitterung und Re-Individualisierung trifft auch auf das politische Engagement zu. Für sich betrachtet mag der Mitgliederschwund bei den großen Volksparteien, das Desinteresse bei politischen Themen und auch die sich verringernde Wahlbeteiligung ein Skandal, ein Verlust, ein Warnzeichen sein. Doch letztendlich sind die Möglichkeiten nur größer geworden, sich politisch zu betätigen. Der Aufstieg von Nichtregierungsorganisationen, die breite Diskussion innerhalb der von den Mainstream-Medien weitgehend im wahren wie übertragenen Sinne links liegen gelassenen Gegenöffentlichkeit, die Bildung neuer und durchaus erfolgreiche Parteien – dies alles belegt eher eine zunehmend politisierte, eine interessierte und neugierige Gesellschaft.
- Die Jugend ist schlauer als gedacht. Und die Lästerei über sie mag man kaum mehr hören. Jede Generation hat sich das anhören müssen. Dass sie aus Taugenichtsen bestehe, dass sie an der Gesellschaft nicht teilhabe, dass sie kurzum: desinteressiert sei. Wie jeher könnte nicht ferner der Realität sein. Und dass die Jugend der Erwachsenenwelt auf die Nerven geht – nun gut, das war und ist nun mal ihr Job.
Es sind die Zutaten für eine große Zukunft. Eine spannende, weil noch undefinierte Zukunft. Aber welche Zukunft stand denn je fest? Schöpfen wir also Glaube, Liebe, Hoffnung. Und genießen den Frühling. Der beginnt offiziell am 21. März. Spätestens dann wird’s Zeit für ein paar gute Nachrichten.








Mrz 16, 2008 @ 03:02:30
Hallo Nils
Wunderbar, Ihr Artikel!
Oder auch mal seine Meinung zu sagen und nicht zum Einerseits-andererseits-Mensch zu werden. Sonst endet man als Zyniker oder Depressiver oder Alkoholiker oder gleich alles zusammen.
Ich habe einen Traum: Dass wir alle das Glück erkennen, in einer Gesellschaft zu leben, in der die freie Meinungsäusserung ausgeübt und verteidigt werden kann. Ich habe den Traum, dass mehr “Meinungsträger” ihre eigenen Träume formulieren – und nicht immer gleich relativieren.