Ganz unten

Oliver Gehrs verreißt in seinem Videoblog in dieser Woche “nur” das Spiegel-Sonderheft “Das starke Geschlecht”. Natürlich vollkommen zurecht – und auf die Tatsache, das beim Spiegel nur Männer in den Führungspositionen sitzen hatte Gehrs schon bei anderer Gelegenheit drauf hingewiesen.
Leider gäbe es im aktuellen Spiegel noch etwas weitaus Schlimmeres, Grundsätzlicheres zu kritisieren, nämlich ein Interview mit dem Münchner Paartherapeuten Stefan Woinoff. Man muss gar nicht lange lesen, um das Kotzen zu kriegen, im Grunde nur bis zur ersten Antwort:

Woinoff: Als ich meine Frau kennengelernt habe, war sie 20 und ich 31, sie war Studentin und ich Assistenzarzt – ich glaube schon, dass das archaische Beuteschema da ein wenig mitgewirkt hat.

SPIEGEL: Was ist das “archaische Beuteschema”?

Woinoff: Das sind die Kriterien, nach denen man sich einen Partner auswählt. Die sind bereits in der Steinzeit entstanden, prägen uns aber bis heute.

Genau. Und seit der Steinzeit ist auch nichts weiter passiert. Die Empfehlung des Wissenschaftlers lautet: Frauen sollten nicht so hohe Ansprüche haben und “nach unten” heiraten, also sozial schlechter gestellte Männer heiraten, damit Karriereweiber auch mal nen Mann und vor allem natürlich Kinder bekommen, geht ja sonst nicht. Mal außer acht gelassen, dass es in anderen europäischen Ländern durchaus auch funktioniert, ohne dass die Frauen nach ihre Ansprüche zurückschrauben. Wobei sowieso fraglich ist, ob solche Kriterien tatsächlich eine Rolle spielen und es nicht eher an den tradierten Verständnis der Männer liegt, das hierzulande Frauen viel zu geringen Einfluss haben (nein, ich will mich jetzt nicht ranschleimen, es ist einfach so).

Die Familientraditionen muss man gar nicht in der Steinzeit suchen, sondern in der Ideologie der Mutterschaftskreuze, die man heute ganz christdemokratisch Herdprämie nennt. Die Frauen auf Mütter zu reduzieren, die Männer als Ernährer zu sehen ist in der Ideologie des Nationalsozialismus viel eher verankert. Und das dass Problem vielleicht nicht bei den Frauen liegt, die nicht gerne nach unten heiraten, sondern bei den Männern, die nicht gerne nach oben heiraten, ist bei Herrn Woinoff wohl nicht angekommen. Andererseits: ohne provokante Thesen kannste kein Buch verkaufen. Und auch kein Spiegel-Interview bekommen. So gesehen hat dann doch alles seine Richtigkeit.