Ganz unten
19 Mrz 2008
Oliver Gehrs verreißt in seinem Videoblog in dieser Woche “nur” das Spiegel-Sonderheft “Das starke Geschlecht”. Natürlich vollkommen zurecht – und auf die Tatsache, das beim Spiegel nur Männer in den Führungspositionen sitzen hatte Gehrs schon bei anderer Gelegenheit drauf hingewiesen.
Leider gäbe es im aktuellen Spiegel noch etwas weitaus Schlimmeres, Grundsätzlicheres zu kritisieren, nämlich ein Interview mit dem Münchner Paartherapeuten Stefan Woinoff. Man muss gar nicht lange lesen, um das Kotzen zu kriegen, im Grunde nur bis zur ersten Antwort:
Woinoff: Als ich meine Frau kennengelernt habe, war sie 20 und ich 31, sie war Studentin und ich Assistenzarzt – ich glaube schon, dass das archaische Beuteschema da ein wenig mitgewirkt hat.
SPIEGEL: Was ist das “archaische Beuteschema”?
Woinoff: Das sind die Kriterien, nach denen man sich einen Partner auswählt. Die sind bereits in der Steinzeit entstanden, prägen uns aber bis heute.
Genau. Und seit der Steinzeit ist auch nichts weiter passiert. Die Empfehlung des Wissenschaftlers lautet: Frauen sollten nicht so hohe Ansprüche haben und “nach unten” heiraten, also sozial schlechter gestellte Männer heiraten, damit Karriereweiber auch mal nen Mann und vor allem natürlich Kinder bekommen, geht ja sonst nicht. Mal außer acht gelassen, dass es in anderen europäischen Ländern durchaus auch funktioniert, ohne dass die Frauen nach ihre Ansprüche zurückschrauben. Wobei sowieso fraglich ist, ob solche Kriterien tatsächlich eine Rolle spielen und es nicht eher an den tradierten Verständnis der Männer liegt, das hierzulande Frauen viel zu geringen Einfluss haben (nein, ich will mich jetzt nicht ranschleimen, es ist einfach so).
Die Familientraditionen muss man gar nicht in der Steinzeit suchen, sondern in der Ideologie der Mutterschaftskreuze, die man heute ganz christdemokratisch Herdprämie nennt. Die Frauen auf Mütter zu reduzieren, die Männer als Ernährer zu sehen ist in der Ideologie des Nationalsozialismus viel eher verankert. Und das dass Problem vielleicht nicht bei den Frauen liegt, die nicht gerne nach unten heiraten, sondern bei den Männern, die nicht gerne nach oben heiraten, ist bei Herrn Woinoff wohl nicht angekommen. Andererseits: ohne provokante Thesen kannste kein Buch verkaufen. Und auch kein Spiegel-Interview bekommen. So gesehen hat dann doch alles seine Richtigkeit.








Mrz 20, 2008 @ 10:21:22
Hallo Nils, völlig d’accord, und eigentlich halte ich insgesamt diese “oben” und “unten”-Diskussion für obsolet.
Ich habe aber doch eine Anmerkung, wenn ich mich auf diese Schichtendiskussion mal einlasse: Gibt es wirklich (signifikant viele) Männer, die “nicht gerne nach oben heiraten”? Sicher gibt es einige, die das (diskriminierte) “Heimchen am Herd” einer klugen, weltläufigen, gut situierten, geist- und kulturreichen Powerfrau mit Entscheidungskompetenz vorziehen. Aber mal ehrlich: Wenn sie eine echte Wahl zwischen beiden “Frauentypen” hätten, für welche würden sie sich dann entscheiden? Wie entscheiden sich im umgekehrten Fall denn die Frauen? (Eben!) Ich vermute, dass es einfach an der (fehlenden) Auswahl scheitert – für beide Geschlechter. Und wenn die Lage, was ich sehr bedauere, leider immer noch so ist, dass Frauen in angeseheneren Berufen immer noch deutlich unterrepräsentiert sind, dann ergibt sich rein rechnerisch schon ein deutlicher Überhang auf Seiten der Arzt-Studentin-Paare gegenüber den Ärztin-Student-Paaren. Ich halte das eher für ein rechnerisches Problem, das aus unserer gesellschaftlichen Asymmetrie (was die berufliche Chancengleichheit angeht) herrührt. Mit archaischen Mustern hat das – aus meiner Sicht – wirklich kaum etwas zu tun.
Mrz 20, 2008 @ 13:09:47
Da kann ich Harry nur beipflichten. Ein rechnerisches Problem bei so einer Verteilung.
Außerdem sollten wir das “Wo die Liebe hinfällt” auch in heutiger Zeit nicht ganz beiseiteschieben.
Und was heißt hier, seit der Steinzeit nix verändert und das sei ja ganz unglaublich. Hat sich seit den Affen nicht viel verändert, und das erhält unsere Art wahrscheinlich allein am Leben…
Mrz 21, 2008 @ 10:18:19
okay, kurze Gegenrede: 54 Prozent der Abiturienten sind weiblich. 42 Prozent der Uni-Absolventen ebenfalls. Allerdings verdienen Frauen mit Uni-Abschluss nur unwesentlich mehr als Männer, die lediglich ein Abitur haben. Es geht also gar nicht um mangelnde Auswahl, sondern doch um mangelnde Chancengleichheit.
Und wo wir grade bei Statistik sind: Akademikerinnen sind gar nicht so selten kinderlos, wie gedacht. Bei früheren Untersuchungen zur Kinderlosigkeit hat man jedoch lediglich Frauen bis 39/40 betrachtet, Akademikerinnen bekommen jedoch auch danach noch Kinder, einfach weil sich die Lebensplanung eben weiter nach hinten verschiebt. Hier ein interessantes PDF dazu.
Mrz 21, 2008 @ 11:04:41
hey hey hey… und trotz billiger mädchen wird noch ein feminist aus dir.
Mrz 21, 2008 @ 11:31:37
Wieso “wird”? Das isser doch schon längst…
Aber eine kleine Anmerkung zum den Zahlen der Uni-Absolventen: Als Kunstgeschichtlerin, Pädagogin oder Germanistin verdient man in der Regel eben nicht so viel wie als Informatiker, Physiker oder Jurist. Hab leider kein passendes PDF zur Hand, welches meine These unterstützt :-)
Im Grunde hast du ja recht, Nils. Aber SO EINFACH ist es eben auch nicht.
Mrz 22, 2008 @ 20:52:44
Aber ich LIEBE einfache Theorien! Du hast natürlich recht: ich bin totaler Feminist, wobei ich als Mann eine gewisse Genugtuung über das derzeitige patriarchale System ja nicht verhehlen kann. Aber: warum ergreifen Frauen denn so wenig den Beruf des Informatikers, Physikers oder meinetwegen auch Juristen (Frauenanteil übrigens 42 Prozent)? das ist die eigentlich spannende Frage…
hier noch eine Studie, nach der Frauen, die sich für attraktiv halten, höhere Ansprüche haben (scheint irgendwie gerade en vogue zu sein, das Thema):
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27557/1.html
Mrz 25, 2008 @ 13:57:34
O-Ton TP: “Im Prinzip müssen alle Bedingungen erfüllt werden, nur Intelligenz scheint nicht gar so wichtig zu sein”… – das wiederum spricht dann doch wieder für die archaische Programmierung: Damals war Intelligenz – zumindest die, die sich mit Koeffizienten um 130 hätte testen lassen ;-) – eben noch nicht erfunden.