Faserland
21 Okt 2008
Es ist ja irgendwie ganz schön hip, immer die neuesten Bücher zu empfehlen, am Besten die, die noch nicht mal jemand lesen kann, weil sie erst noch erscheinen und nur die Fahnen schon verschickt wurden oder Leseexemplare, die man später nicht auf eBay oder amazon verkaufen kann. Aber nicht nur deswegen hat es für mich keinen Sinn über das neue Buch von Christian Kracht zu schreiben, das den wunderbaren Titel “Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten” trägt und zu dem der Verlag folgenden Trailer hat produzieren lassen:
Nein, es ist viel eher so, und deswegen komme ich überhaupt auf Kracht, dass ich gerade, in ungefähr zehn Straßenbahnfahrten zur Arbeit und zurück, “Faserland” gelesen habe und, ich meine, das ist ja nun wirklich ein
wunderbares Stück Popliteratur, wobei ich den Begriff Popliteratur nie verstanden habe, weil nur, weil jemand Markennamen nennt oder sich auch mal traut Belanglosigkeiten zu schreiben, ist das nicht gleich Pop, sondern eigentlich doch eher Literatur. Na, jedenfalls ist das Buch 1995 erschienen und aus heutiger Perspektive ein schönes Zeugnis jener Zeit, als geraved wurde und gekokst und gevögelt, und das alles dermaßen verkommen und roh erscheint, und die Reise durch die BRD von Nord nach Süd eher einem Ausflug in den Zoo gleicht, nur dass dort vor allem Nazis, Technohippies und Barbour-Jacken-Träger zu besichtigen sind, und ab und an auch eine hübsche Frau, selbst wenn sie wenige Sekunden später in einem Keller liegt und versucht, sich Drogen in den Fuß zu spritzen. Alles natürlich im Plauderton und mit viel indirekter Rede, was Faserland eine schöne Eleganz verleiht. An dem Buch ist eigentlich nur auszusetzen, dass dieser weiße dtv-Einband total schnell schmutzig wird. Auf eBay oder amazon kann ich das Ding jedenfalls nicht mehr verkaufen, ohne irgendwie schlechte Bewertungen zu bekommen. Aber das, also Verkaufen will ich eigentlich auch nicht. Vielleicht les ich es in zehn Jahren nochmal und schreib was drüber, sofern es dann immer noch im Trend liegt, neue Bücher zu besprechen.







Okt 22, 2008 @ 09:11:59
Ich habe Faserland “damals” gelesen, wohl nicht 95, aber vor langer Zeit. Und auch mir hat die Leichtigkeit gefallen, in der Kracht die Reise seines Protagonisten beschreibt. Obwohl meiner Erinnerung nach die beschriebenen Szenen einen auch hätten schwermütig zurücklassen können. Als kleine Szene ist mir immer noch vor Augen, wie eine Zugfahrt beschrieben wird, das Herausschauen aus dem Fenster im Fahrtwind und das Gefühl, wenn man einen leichten Sprühnebel verspürt…
Sehr lesenswert fand ich damals. Etwas anderes von Kracht habe ich nie gelesen. Wahrscheinlich deshalb, weil mich der Hype um ihn und die anderen Popliteraten abgeschreckt hat.
Auch hier gibt es wieder eine Lektion für mich: Nicht alles was gehypt wird, ist schlecht. Und nur weil alle Coldplay hören kann einem die Musik vielleicht doch gefallen. (Und man sollte dann kein schlechtes Gewissen haben).
Okt 22, 2008 @ 09:23:14
Das Buch habe ich 1996 gelesen. Ich verstehe es rückblickend als eine Art “Anti Generation Golf” denn vieles ist in diesem “wir sind die verlorene Generation und können nichts für unsere Verko(r)kstheit” Duktus geschrieben. Aber ich fand das Buch natürlich auch gut, ist vielleicht auch eine Art tragischer “Catcher in the Rye” für die heutige Generation um die Mitte 30.
Das Kracht als Popliterat bezeichnet wurde hat sicherlich auch damit zu tun, dass er sich mit Leuten wie Benjamin von Stuckrad-Barre gleichsetzen lies und mit ihm auch Lesungen abhielt.
Okt 23, 2008 @ 00:11:08
okay, ich oute mich nun gleich zweimal: erstens – stuckrad-barre fand ich auch mal ganz toll, was heißt: fand ich. finde ich immer noch, zumindest die richtigen bücher, die er ja nun nicht mehr schreibt, weiß gott warum bzw. er hat eigentlich nur soloalbum geschrieben und danach nicht mehr viel.
zweitens: coldplay – höre ich gerade wieder ständig, aber vielleicht auch nur um die herbststimmung fester spüren zu können. dafür sind die jungs schon ganz gut. und tocotronic natürlich: kapitulation. das passt dann auch wieder zu kracht – alles ist verkommen und irgendwie schon traurig und nachdenklich, aber gleichzeitig so unglaublich wirr und komisch (um nicht lustig zu sagen)…
Okt 23, 2008 @ 08:31:35
Tja, Stuckrad-Barre, mit dem kann ich mich nicht anfreunden. Es geht gar nicht darum was oder wie er schreibt, sondern wie er sich in der Öffentlichkeit darstellt. Das ist mir zu selbstverliebt und popstarrig. Womit ich auch schon bei Coldplay bin: Die fand ich mit ihrem ersten Album (Parachutes?) ganz toll. Genau deshalb, weil man sich dazu so herrlich in Herbstmelancholie suhlen kann. Natürlich dachte ich auch, dass sie eine Art Geheimtipp sind und sie nicht jeder kennt. Aber als sie dann die größten Stadien füllten und Chris Martin ständig wegen seiner Gattin in der Gala stand war ich enttäuscht. Da lob ich mir Blumfeld, die werden wohl nie in der Gala stehen, einfach nicht fotogen genug ;-) Ist wohl mein Problem, dass ich erfolgreichen Pokünstlern ihren Ruhm nicht gönne und sie für mich alleine will…