Faserland

Es ist ja irgendwie ganz schön hip, immer die neuesten Bücher zu empfehlen, am Besten die, die noch nicht mal jemand lesen kann, weil sie erst noch erscheinen und nur die Fahnen schon verschickt wurden oder Leseexemplare, die man später nicht auf eBay oder amazon verkaufen kann. Aber nicht nur deswegen hat es für mich keinen Sinn über das neue Buch von Christian Kracht zu schreiben, das den wunderbaren Titel “Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten” trägt und zu dem der Verlag folgenden Trailer hat produzieren lassen:

Nein, es ist viel eher so, und deswegen komme ich überhaupt auf Kracht, dass ich gerade, in ungefähr zehn Straßenbahnfahrten zur Arbeit und zurück, “Faserland” gelesen habe und, ich meine, das ist ja nun wirklich ein wunderbares Stück Popliteratur, wobei ich den Begriff Popliteratur nie verstanden habe, weil nur, weil jemand Markennamen nennt oder sich auch mal traut Belanglosigkeiten zu schreiben, ist das nicht gleich Pop, sondern eigentlich doch eher Literatur. Na, jedenfalls ist das Buch 1995 erschienen und aus heutiger Perspektive ein schönes Zeugnis jener Zeit, als geraved wurde und gekokst und gevögelt, und das alles dermaßen verkommen und roh erscheint, und die Reise durch die BRD von Nord nach Süd eher einem Ausflug in den Zoo gleicht, nur dass dort vor allem Nazis, Technohippies und Barbour-Jacken-Träger zu besichtigen sind, und ab und an auch eine hübsche Frau, selbst wenn sie wenige Sekunden später in einem Keller liegt und versucht, sich Drogen in den Fuß zu spritzen. Alles natürlich im Plauderton und mit viel indirekter Rede, was Faserland eine schöne Eleganz verleiht. An dem Buch ist eigentlich nur auszusetzen, dass dieser weiße dtv-Einband total schnell schmutzig wird. Auf eBay oder amazon kann ich das Ding jedenfalls nicht mehr verkaufen, ohne irgendwie schlechte Bewertungen zu bekommen. Aber das, also Verkaufen will ich eigentlich auch nicht. Vielleicht les ich es in zehn Jahren nochmal und schreib was drüber, sofern es dann immer noch im Trend liegt, neue Bücher zu besprechen.