Die Blase, in der wir leben

Living in a Bubble

Ich lese viel. Ich denke zwar, es ist immer noch wenig, weil so wenig Zeit, so viele Buchstaben. Aber dennoch bin ich immer überrascht, wenn ich Menschen treffe, die so wenig lesen, dass sie die Bild-Zeitung oder den Einkaufszettel zu ihren konsumierten Medien zählen. Der Grund für mein Erstaunen ist, abgesehen von einer elitär-geprägten geistigen Grundhaltung natürlich, dass ich auch viele Leute kenne, die viel lesen. Und wenige die gar nicht lesen. Dabei sind die letzteren in der Überzahl. Eindeutig in der Überzahl. Und nun wage ich mal die für mich beunruhigende Annahme: es werden mehr werden. Nur auffallen wird mir das nicht. Weil wir in einer Blase leben. Die Vermischung von Schichten findet nicht statt, und die Abgrenzung zwischen verschieden gebildeten Menschen nimmt zu. Die Stadt macht’s möglich. Ist ja auch irgendwie klar: während sich früher alle freitags bei der freiwilligen Feuerwehr oder im Tante-Emma-Laden oder in der Dorfschenke trafen, hat die Individualisierung dazu geführt, dass wir in der Wahl unserer Bezugspersonen größere Freiheit und damit zugleich geringere Toleranz walten lassen. Kaum ein Akademiker, der sich mit einem Realschulabsolventen trifft. Ist vielleicht traurig, aber die Realität.

In den USA, die uns ja – so wird behauptet – immer so fünf bis zehn Jahre voraus sind, wird gerade schon mal das Ende des Lesens ausgerufen. Interessant zum Beispiel, was Steve Jobs der New York Times zum neuen eBook-Lesegerät Kindle sagt:

“It doesn’t matter how good or bad the product is, the fact is that people don’t read anymore,” he said. “Forty percent of the people in the U.S. read one book or less last year. The whole conception is flawed at the top because people don’t read anymore.”

The Passion of Steve Jobs by John Markoff, New York Times

Demnach hat das Buch egal ob nun elektronisch oder nicht als Businessmodell ausgedient. Zumindest als Big-Business-Modell. Denn es gibt ja noch uns, die In-der-Blase-lebenden. Die anderen, so schlussfolgert Caleb Crain im New Yorker, verlieren nicht nur die Lust am Lesen, sondern auch die Fähigkeit dazu:

According to the Department of Education, between 1992 and 2003 the average adult’s skill in reading prose slipped one point on a five-hundred-point scale, and the proportion who were proficient—capable of such tasks as “comparing viewpoints in two editorials”—declined from fifteen per cent to thirteen.

Twilight of the Books by Caleb Crain, New Yorker

Keineswegs, so führt Crain fort, ein Problem in den USA – die interessanteste Studie zu dem Thema komme mitten aus old europe, den Niederlanden, genauer gesagt. Selbst ältere Menschen lesen nicht mehr in dem Maße, in dem sie es früher taten.

Mich stimmt das traurig. Bislang habe ich immer die These vertreten, dass Jugendliche ja noch nie Tageszeitungen gelesen haben, sondern ihre Zeit eben mit Langeweile, grenzenloser Unsicherheit, Egozentrik, SMS und Knutschen verbracht haben und auch in 500 Jahren verbringen werden. Was ja auch großartig ist, auf seine Art. Wenn nun aber auch immer mehr 40-Jährige weniger Leselust haben, erklärt das auch, warum der Konsum von Gedrucktem weniger wird.

Und zum Schluss will ich mir die Wahrheit keineswegs zurechtlegen, sondern nur eine Frage stellen: Könnte es sein, dass Printprodukte einfach deswegen weniger verkauft werden, weil die Leute weniger lesen? Und das böse Internet mit seinen Blogs und Podcasts nur wenig damit zu tun hat? Machen wir’s uns in unserer Blase gemütlich!

Foto: quatro.sinko