Das richtige Leben

Vogel im Strommast

Matthias Kalle spricht unserer Generation im Zeit Magazin das Wort. Er schreibt:

Sie liegen in ihren Betten und träumen von ihrer Jugend, von den Sehnsüchten, die sie früher hatten, von den Jungs und den Mädchen, die sie vergaßen zu küssen, von all den Möglichkeiten, die ungenutzt blieben, und sie träumen von Erinnerungen, die sie niemals haben werden. Und wenn sie aufwachen, dann möchten sie für einen kurzen Moment am liebsten schreien.

Es ist ein recht dunkler, schwermütiger, weltschmerzvoller Artikel mit nur leichten Aufheiterungen, man könnte glatt verzweifeln und gleichzeitig denkt man sich: Ja, so ist es, recht hat er, hat er wirklich recht? Natürlich gibt es unübersehbare Unterschiede zur Eltern- und Großelterngeneration mit ihren Geschichten vom Krieg und vom Wiederaufbau und vom Straßenkampf und Protesten und Auseinandersetzungen, dem Kalten Krieg und der ersten Banane. Geschichten wie diese klingen nun wie Schlaglichter eines großen, eines gelebten Lebens und mithalten können wir schon gar nicht. Dabei hatten sie, und das ist vielleicht entscheidend, viel weniger Möglichkeiten (, die sie ungenutzt verstreichen ließen), das Netz aus gesellschaftlichen Zwängen und geschichtlichem Schicksal war enger geknüpft, die Erziehung strenger, die Anekdoten herber.
Und so leben wir unser Leben freier, die Läufte sind verschlungener, undurchsichtiger, die Zukunft unwägbarer. Und irgendwann werden auch wir erzählen, wie es war, nicht zu wissen, wie man einen vernünftigen Job bekommt. Wie es war, als Uni-Absolvent unterbezahlt zu sein. Davon in einer Seifenfabrik Schweinchenseife hergestellt oder in einer Autoradiofabrik Bedienknöpfe in die Oberschale gehauen zu haben. Die Geschichten liegen, unsere Geschichte liegt auf dem Tisch, das Sammeln und Verdichten bringt die Zeit mit sich. Das Gefühl, viel verpasst zu haben, wird bleiben. Wir sind nur so ehrlich, es zuzugeben.