Nahaufnahmen

Fußballfans

Weil ich ja im Grunde meines Herzens ein verschlossener Bursche bin, habe ich mir so überlegt, vielleicht Fußballfan werden zu sollen. Jedenfalls waren in der S-Bahn-Station, in der ich ewig lange auf meine Bahn warten musste, weil ich die andere verpasste, waren da zwei Typen, die sich sowas von überhaupt nicht kannten, aber sich urplötzlich anblickten, gegenseitig auf ihr Eintracht-Emblem zeigten und dann angeregt über das Spiel und den Trainer und verschiedene Spieler schnatterten, so als ob sie sich schon ewig kennen würden. Ob der Trainer nun weg solle oder nicht (eher nicht), ob dieser oder jener Spieler nun gut gewesen sei (ja, durchweg), ob der spät erkämpfte Sieg verdient und schließlich nicht auch “total wichtig” gewesen sei (JAAA!) undsoweiterundsofort. Na ja, jedenfalls ist das doch eigentlich großartig, dass man darüber so sprechen kann, obwohl man sich nicht kennt und irgendwie wollten die beiden mich wohl auch einbinden, und einer bot mir sogar Weingummis an und entschuldigte sich dafür, dass sie mich bestimmt stören würden, weil ich doch bestimmt in meinem Buch lesen wolle, in dem ich so intensiv blätterte. Dabei habe ich gar nicht so richtig gelesen, sondern nur die Seiten angestarrt, weil ich erst über so manches anderes und dann eben darüber nachgedacht habe, ob ich Fußballfan werden sollte. Leider interessiere ich mich überhaupt nicht für Fußball, obwohl während meiner Geburt angeblich die Kickers gespielt und ihre Fans lauthals ins Krankenhaus herübergebrüllt haben, ich also das Fußballfantum schon in die Wiege gelegt bekommen haben müsste (wenn auch genaugenommen nicht das Eintracht-Fantum, aber egal). War aber weder so noch anders. Und Fußballfans zu entgegnen, ach echt, wer hat denn heute gespielt, das kommt nie gut und man erntet Blicke zwischen Unverständnis und Mitleid. Man kann sich, und das ist nun meine Schlussfolgerung, nicht dafür entscheiden, Fußball gut zu finden und wildfremde Menschen auch, nur weil die das gleiche Vereinswappen mit sich herumtragen. Dafür muss man vielleicht, wie man so sagt, eine Ader haben. Ich starre lieber Bücherseiten an und denke währenddessen über manches anderes nach.

Ein neuer Trend?

Vielleicht mögen Sie nun denken, dieses Tagebuch sei nicht nur mehr oder weniger ein Wochenbuch, sondern vielleicht gar ein Zweiwochenbuch geworden, so unregelmäßig erschienen mittlerweile die Beiträge, nein, Sie könnten auch einwenden, dass es zu einem gewissen Niveauverlust gekommen sei. Diesen Eindruck möchte ich gar nicht erst versuchen, zu bestätigen, doch erstens bin ich anderweitig nicht untätig gewesen und zweitens ist mir ein neuer Trend aufgefallen. Dass Toilettenwände dafür genutzt werden, Schriftsprache zu hinterlassen, ist gewiss nichts Neues. Doch recht oft bin ich nun schon dem Phänomen begegnet, dass dort kaum noch “Wer das hier liest ist doof” zu lesen ist oder gar “USA-SA-SS” oder ähnliche sinnfreie Sprüche, sondern weibliche Vornamen. Das Wort “Anna”, das ich leider mit meiner üblen Handykamera im Dimmerlicht aufnehmen musste, stand zum Beispiel in einer Herrentoilette Frankfurts. Auch “Jenny” habe ich bereits entdeckt. Einmal sogar “Marie”. Ja, wirklich. Jedenfalls: das hat keinen Stil. Nicht nur, dass nicht klar über die Gefühle zu dieser oder jener Dame Auskunft gegeben wird, es steht dort einfach nur ein Name, sondern auch, dass diese Namen in einem recht unappetitlichen Kontext, nämlich öffentlichen Toiletten, zum Ausdruck kommen, verstehe ich nicht ganz. Spricht daraus Hass, Abneigung? Oder doch der Zwang, den Namen seiner Liebsten einfach überall zu hinterlassen, wo man sich, wenn auch nur kurz, niederlässt, also auch an den widrigsten Orten?

Aus naheliegenden Gründen weiß ich nicht, wie es auf den Damentoiletten aussieht. Sollte dort dieser Brauch jedoch auch gepflegt werden, so sollte die derzeit so eifrig Trends hinterherhoppelnde Internetseite der Süddeutschen Zeitung schleunigst eine möglichst hundertseitige Klickstrecke mit den am meisten auf Klowänden hinterlassenen Vornamen anfertigen und vielleicht Diedrich Diedrichsen dazu einladen, dieses im Feuilleton zu dialektisieren. Und morgen schreibe ich dann auch wieder über niveauvollere Beobachtungen. Versprochen!

Apple-Wasser

Habe heute in Reminiszenz an die neuen iPods bei der Arbeit jede Menge Apple-Wasser in mich reingekippt. Hat aber weder geschmeckt, noch mich so cool wie Steve Jobs werden lassen …

Diplomarbeit online


Die NATO und die Raketenabwehr. Die Diskussion der NMD in Frankreich und Großbritannien von 1998 bis 2003.

Alles neu macht der Juni

Nur kurz vermeldet: meine Homepage ist neu:

Die Diplomarbeit, die mir ein Print-on-Demand-Verlag neulich versprach abzunehmen, werde ich nach und nach im Netz veröffentlichen (das Ding ist immerhin schon vier Jahre alt und es nicht wert, für 50 bis 100 Euro ohne Satz und Lektorat über den Buchhandel vertickt zu werden). Demnächst mehr dazu.

Und auch hier werden bald neue Seiten aufgezogen. Das Schwarz macht einen im Sommer ja ganz depri – im Herbst darf es gerne wiederkommen. Wer dagegen ist, der spreche jetzt oder möge für immer schweigen.

In eigener Sache

Hier war es recht ruhig für ein paar Wochen, was daran lag, dass es an anderer Stelle nicht so ruhig war. Aber dennoch schön. Seit gestern ist ein neues Journal Frankfurt am Kiosk, neu in vielen Hinsichten, vordergründig vor allem mit Blick auf die Gestaltung (das Layout, Design, wie man’s auch immer gerade nennt). Alles etwas luftiger, erwachsener (wobei erwachsen eigentlich ein nicht soo gut gewähltes Wort ist, weil, wie ein Leser heute meiner Meinung nach zurecht anmerkte: erwachsen sein doch irgendwie spießig und langweilig ist. Alle sind erwachsen, keiner mag’s sein? Das wär noch mal ‘nen extra Beitrag an dieser Stelle wert.)

Ich find, das neue Heft ist ziemlich gut geworden und das sage ich nicht, weil ich dort angestellt bin oder das mitverbrochen habe (so drückte sich eine Leserin heute Abend am Telefon aus – aber, bevor der falsche Eindruck entsteht: bislang ists Feedback größtenteils positiv), sondern ich sage das, weil ich das Journal nach dem Relaunch wirklich für substantiell verbessert halte. Der Redaktion wird mehr Raum als bislang eingeräumt (was einen Redakteur natürlich freut), der Terminkalender rückt in den Hintergrund (Vollständigkeit war in einem Printprodukt sowieso schon immer eine Illusion, online kommt man ihr nahe). Dazu hatte ich die Ehre eine mehrseitige Reportage über die Flüchtlingsunterkunft am Flughafen zu schreiben, die es, obwohl eigentlich politisch und damit verkaufsmindernd, sogar aufs Titelblatt geschafft hat. Einen Redakteur und einen Fotografen etliche Tage recherchieren zu lassen, ihnen Zeit zu geben für ein solches Projekt ist ein großer Luxus, den sich ein Stadtmagazin erstmal leisten können/wollen muss.

Schließlich habe ich mich nun wenigstens beruflich mit dem 140-zeichen-ins-netz-schreiben-dienst twitter angefreundet, da erfährt man zwar auch viel Belangloses von den Mitlesern und MItschreibern, aber gleich am dritten Tag etwas intensiverer Nutzung kam gleich eine Geschichte über den twitternden Krankenwagenfahrer cibis zutage, der nun auf der letzten Seite des Hefts von meinem Kollegen Christoph porträtiert wurde. Soll noch mal einer sagen, die neuen Medien wären der Tod der alten – nein, sie bereichern sie vielmehr. Konvergenz ist alles. Deswegen darf auch im Pflasterstrand-Blog übers neue Heft diskutiert werden.

Demnächst dann wieder mehr von dieser Warte.

Kopieren und einfügen

Apfelbaum im Mai

Gestern war ich im Pfingstgottesdienst und hab keinen Liederzettel mehr abgekommen, weil die Kirche so voll war (Konfirmation! Im Protestantenland Niedersachsen!) und deswegen konnte ich also auch nicht mitsingen und mitmurmeln, zumindest nicht mit aufs Blatt geneigtem Kopf. Aber mir fiel auf: ich konnte erstaunlich viel Text, dabei gilt doch unsere Generation als durchweg ignorant und schlecht gebildet und ebenso sprung- wie flatterhaft. Die Wahrheit ist: es bleibt mehr hängen, als einem lieb sein kann. Sogar die ersten Strophen von Taufliedern (“Ich bin getauft auf deinen Namen, Gott Vater, Sohn und Heil’ger Geist”), Vater unser und evangelisches Glaubensbekenntnis versteht sich ja eh von selbst, dann die Zwischenlieder, Kýrie eléison und so fort.
Die Sache mit auswendiggelerntem Wissen ist: es ist da, nur eben nicht auf Abruf oder auf Kommando, weil ja eigentlich immer irgendwo ein Internetanschluss in der Nähe lauert, wozu also Auswendiglernen, wozu Rezitieren?
Das Kopieren und Einfügen ist eine schicke Sache, aber sie macht uns nicht aus. Vielmehr als Wissen im Geiste zu horten sind wir in der Lage, Wissen aufzudecken, zu finden und, naklar, zu googlen. Der Wissensschatz ist groß geworden, die Bildung geht in die Breite. Natürlich kann es schick sein, alte Verse zu rezitieren. Aber schicker ist es, etwas aus ihnen zu machen, ihre Bedeutung zu diskutieren, sie auf den Prüfstand zu legen und auch sie zu ehren, in dem sie bruchstückhaft einfließen, in dem sie durchs Zitieren am Leben erhalten werden. Das Remixen von Wissen ist alles andere als ein Rückschritt. Es zeigt nur, wie Menschen schon immer gearbeitet haben: ohne Rückgriff auf schon Gedachtes, schon Geleistetes geht es nicht. Bloß das die Transparenz dieses Verfahrens heute größer ist als einst. Deswegen, schnell einkopiert, zum Auswendiglernen Einleitendes zu Reineke Fuchs von JWG:

“Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen; es grünten und blühten / Feld und Wald; auf Hügeln und Höh´n, in Büschen und Hecken, / Übten ein fröhliches Lied die neuermunterten Vögel; / Jede Wiese sprosste von Blumen in duftenden Gründen, / Festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde.

Man fühlt sich gleich zehn Jahre jünger, wenn …

… man einen Stempel auf der Hand hat, auf dem “cool” steht:
cool

Wie das Konzert von Catherine Ringer in der Kapp sonst so war? Weiterlesen beim Journal, gucken bei flickr.

You don’t fool me …


Comic von we the robots

Ihr werdet mich jetzt bestimmt für absolut humorfrei, griesgrämig und irgendwie bemitleidenswert halten, aber: Ich mag keine Aprilscherze. Besonders keine von Medien. Erst recht nicht, wenn sie nicht lustig sind. Nun ist die Definition des Wortes “lustig” höchst subjektiv. Aber wenn ich heute früh schon in der FAZ eine halbe Seite dafür vergeudet sehe, dass Bulle und Bär nach Eschborn umziehen und den Börsenplatz künftig ein Liesel-Christ-Denkmal zieren wird, dann muss ich meine Cornflakes leider verschlucken und in mich hineinhusten. Was haben wir gelacht.

Wenn ich dann arbeite und die erste Viertelstunde weitgehend koffeinfrei und noch etwas verschlafen damit verbringe, eine Meldung von hr-online nachzurecherchieren, nach der im Landtag eine Drehbühne eingebaut ist, die aus dem Frankfurter Theater stammt, damit nicht immer die gleiche Partei neben der Linken sitzen muss und dann erleichtert bin, dass ich nur die sehr humorvolle Pressesprecherin des Schauspiel Frankfurts und nicht die bestimmt sehr humorfreien, wenn nicht sogar schadenfreudigen Mitarbeiter des hessischen Landtags erreicht habe, bevor mir auffiel das auch dies ein, im Nachhinein sehr offensichtlicher, aber bestimmt nicht komischer Aprilscherz war, dann ist meine Meinung über Aprilscherze zugleich noch ein wenig mehr gesunken. Gottseidank war das Wetter bombastisch. Mensch, der Frühling ist da, was soll einen da noch runterziehen. Scherze sind es gewiss nicht, zumindest solche, die auf dem humoristischen Level von Faschingssitzungen rangieren.

PS: Das Humorloseste an Aprilscherzen sind aber mit Sicherheit die Erklärungen die nachgereicht werden, das ist so, als ob man an einem Witz, bei dem keiner gelacht hat, versucht, die Pointe zu erklären. Hört bitte auf damit!

PPS: Ja, ich weiß, es gab auch lustige Aprilscherze. Den von unserm Kinoredakteur fand ich zum Beispiel cool: Roland, der Film. Oder die fliegenden Pinguine bei der BBC. Aber das sind Ausnahmen.