Nahaufnahmen

Ich und das Leben der anderen

Gestern ist ein JOURNAL FRANKFURT erschienen, in dem erstmals kein Foto von mir im Editorial zu sehen ist – weil Buchmesse ist, soll der Text ruhig mal im Vordergrund stehen. Heute habe ich mir zum ersten Mal überlegt, das beizubehalten. Als ob die chronische Medienkrise noch nicht genug wäre, man kann ja als Journalist nicht mal mehr in Ruhe (andere Leute würden sagen “bräsig”) in der S-Bahn sitzen, ohne gleich Leser zu verlieren:

Das JF hat sich über Jahre immer wieder positiv geäußert, dass Frankfurt fahrradfreundlicher werden sollte / geworden ist. Und was macht der Chefredakteur? Sitzt bräsig in einer fast leeren S-Bahn – heute vormittag um kurz nach 10h in Oberursel – auf den Klappsitzen, die für Kinderwagen, Fahrräder und großes Gepäck vorgesehen sind. Und dort bleibt er auch ungerührt sitzen, als eine Frau mit Rad einsteigt. Obwohl die Klappsitze ihm gegenüber bereits von einem anderen Fahrrad samt Fahrer eingenommen sind, und seine Klappsitzreihe somit die einzige andere zugängliche Möglichkeit ist, ein weiteres Fahrrad sicher abzustellen, macht der Herr Chefredakteur keine Anstalten, einen der vielen anderen leeren Plätze einzunehmen. Herr Bremer, kleiner Literaturtip – das blaue Schild, das sich über diesen Sitzen befindet. Und nicht nur reden, sondern auch handeln, sonst gilt nämlich das Label “scheinheilig”. Heute habe ich mir zum 1. Mal überlegt, ob ich das JF wirklich kaufen soll.
Billy Bike

Leider anonym.

Wie man eine Schusswaffe loswird

walther

Es geht alles ganz einfach. Ordnungsamt, Tür auf, Waffenschein, Waffe, Munition auf den Tisch, der Beamte zieht eine Kopie, schreibt dann ins Original das Abgabedatum, durchladen, nachgucken, Munition, aha, ja gut, dann vielen Dank auch. Die (geerbte) Walther PPK meines Vaters liegt nun in einem Safe und irgendwann wird sie abgeholt und ins Landeskriminalamt gebracht, wo man wahrscheinlich entscheidet, sie zu recyclen, also einzuschmelzen. “Schade drum”, meint der Beamte, weil Walther ja eine gute Firma sei. Heute möchte sie dennoch niemand mehr haben, keine Sportschützen, keine Sammler, weil es tausende von ihr gibt und fast vierzig Jahre alt ist sie nun auch bereits. In diesem alten Hamburger Tatort mit Manfred Krug da könne man die noch sehen, aber die Polizei benutze die schon lange nicht mehr. Dennoch, eine gute Waffe. Es stimmt ja auch, die Pistole liegt fest in der Hand, sie ist mechanische Ingenieurskunst und doch soviel mehr als das. Nämlich eine Möglichkeit zum Mord.

browning

Etwa zehn Millionen registrierte Schusswaffen gibt es in Deutschland, heißt es in Zeitungsartikel von 2005. Nach dem jüngsten Amoklauf war von acht Millionen die Rede, was nichts anderes heißt als: so genau weiß man es nicht. Der Amoklauf war auch der, entschuldigung, Startschuss für eine Gesetzesinitiative, aus der wieder nichts wurde. Warum das so ist, kann man wunderbar in der aktuellen Zeit nachlesen. Da heißt es unter anderem:

Die Gesetzesmacher berieten sich (…) mit den Gegnern einer Verschärfung. Befürworter kamen dagegen nicht zu Wort. Wer etwa SPD-Verhandlungsführer Körper fragt, ob er denn auch mit der Gegenseite gesprochen habe, bekommt eine kurze Antwort: “Welche Gegenseite? Wir haben keinen öffentlich wirksamen Gegenpol in der Debatte.”

Nunja: es gibt zumindest keinen offiziellen Ansprechpartner. Es gibt keine Vereine und keine Verbandsvorsitzenden. Aber es gibt so etwas wie eine öffentliche Meinung. Da wäre zum Beispiel diese Emnid-Umfrage:

78 Prozent wollen Gewehre und Pistolen in Privathaushalten generell verbieten. Nur 20 Prozent sind gegen einen solchen Schritt.

Die Jagdverbände und die Schützenvereine ärgerte dies. Sie schickten Briefe an die Politiker und brachten so alle Vorschläge zum Fall. Ein Amoklauf, so ihr Argument, hätte durch nichts verhindert werden können. Außerdem würden nun alle Menschen mit einer Waffe unter Generalverdacht gestellt. (Der saarländische Jägermeister verglich das damit, dass der Besitz eines Autos ja auch nicht … undsoweiter wofür er sich später immerhin entschuldigte.) Der Deutsche Jagdverband ist jedenfalls recht stolz auf sich und seine Mitglieder:

Einzelne Jäger haben den DJV-Protestbrief innerhalb von 9 Tagen 3.000 Mal aus dem Internet heruntergeladen, um ihre Bundestagsabgeordneten anzuschreiben. Das alles zusammen zeigte Wirkung.

Den besten Kommentar zu der nun erfolgten “Verschärfung” des Waffenrechts, die unter anderem das Verbot von Paintball-Spielen vorsieht, erschien in der Süddeutschen:

Die Verschärfung des Rechts sieht nun also so aus, dass man mit Waffen, die nicht scharf sind, nicht mehr schießen darf, sehr wohl aber ohne Restriktion mit scharfen Waffen.

nobel

Man könnte auch von einem Versagen der Politik sprechen. Denn die Frage, warum man mit Mordwaffen (denn zu nichts anderem werden sie konstruiert) auf Zielscheiben schießen muss, um Sport zu treiben, konnte die Große Koalition nicht beantworten. Reichen nicht auch Luftgewehre und -pistolen? Egal, wie gut eine Waffe in der Hand liegt, egal, wie “schön” das Gefühl sein mag, ihren Rückstoß und ihre Macht zu spüren, in Privatbesitz gehört weder Klein- noch Großkalibriges. Zynisch gesagt, kann man nur hoffen, dass der nächste Amoklauf nicht in ein Wahljahr fällt. Dann gäbe es vielleicht eine Chance für ein Verbot von Kleinwaffen. Bis dahin müssen wir unsere Waffen eben selbst zur Schmelzanlage bringen. Und vielleicht sollten wir einen Verein gründen, der sich für ein solches Verbot einsetzt. Damit die Politiker zu ihren Beratungen auch jemand hinzuziehen können, der nicht zur Waffenlobby gehört.

Der deutsche Wald

Wald I

Der Wald heute ist Geschichte im Konjunktiv, unsere Gegenwart mit einem Fragezeichen – und das ist eben etwas anderes als Ironie. Der Wald hat heute eine eigene Präsenz, man könnte fast sagen, er hat sich von uns emanzipiert, er braucht uns nicht mehr, er hat uns schon zurückgelassen.
Georg Diez, Ein Mythos und sein Comeback, in: Die Zeit, 26.7.2007

Auf die Berge will ich steigen,
Wo die dunklen Tannen ragen,
Bäche rauschen, Vögel singen,
Und die stolzen Wolken jagen.

Heinrich Heine, Die Harzreise, im Herbst 1824

Es ist ja richtig, dem wiederkehrenden Nationalismus die kalte Schulter zu zeigen. Längst ist die herbeifantasierte Leitkultur in den politischen Mainstream eingesickert, wir sind mal wieder wer beziehungsweise: waren; auch das hat diese Krise geschafft, von der die ganze Zeit zu hören ist. Doch das Gefühl, das ist doch da, manchmal. Einige haben es, wenn sie nach langem Auslandsaufenthalt eine Bäckerei betreten und Brotlaib an Brotlaib liegen sehen, während ihnen der Duft von Sauerteig entgegenschlägt, gemischt mit allerlei Süßigkeiten und Teilchen und dem Puderstaub von fettigen Berlinern.

Mir dagegen geht es ans Herz, durch den Wald zu laufen. Jetzt im Frühling ist er am Schönsten. An seinen Rändern zwitschern die Vögel und in seinem Innern wird er unheimlich und dunkel und so still, dass das Knarren der Wipfel im Wind zu hören ist, und nur wer den Blick dorthin erhebt, wo diese sich wiegen, der kann hier ein Mosaiksteinchen blauen Himmel, dort ein Steinchen vorbeiziehende Wolke erspähen. Sehr selten das Röhren eines Hirsches, die Tiere scheu, nur eine Taube hat sich unter dem verästelten Wurzelwerk eines umgestürzten Baumes verheddert und schlägt die Flügel aneinander.

Wald II

In den achtziger Jahren hieß es, der Wald würde sterben. Bilder von entlaubten Ästen, von Stämmen, die wie abgebrannte Zündhölzer in den industriegrauen, bleischweren Himmel zeigten, der einen sauren Regenschauer nach dem anderen auf die gepeinigte Flora entließ. Es ist nicht ganz so schlimm, aber es ist auch nur unwesentlich besser geworden. Die Waldzustandsberichte, die die Bundesländer Jahr für Jahr veröffentlichen, sprechen eine deutliche Sprache, nur dringen sie nicht mehr auf die Titelseiten der Ilustrierten, sind sie kaum noch eine Randnotiz in der Tagesschau. Der deutsche Wald stirbt nicht, aber er ist krank, besonders in den Ballungsräumen, wo er von Autobahnen und Flughäfen begrenzt wird und das Knarren der Wipfel übertönt wird vom Rauschen der Motoren. Man kann dagegen nicht viel machen, denn die Menschen sehen zum Clubwochenende auf Mallorca ebensowenig eine Alternative wie zu einer Autofahrt im SUV.

Der Fortschritt, so heißt es, lasse sich eben nicht aufhalten. Und so werden einige hundert Hektar Wald fallen, damit eine neue Landebahn entstehen kann. Wir lieben die Asphaltdecke eben mehr als ein Blätterdach. Anderswo, so versichert man, werde aufgeforstet. Das bedeutet aber nicht, dass Straßen eingerissen und Industrien eingeebnet würden. Es werden Bäume gepflanzt, wo vorher Felder waren. Es ist nicht übel, aber es nicht das gleiche.

Wald III

Jetzt wo sich Regen und Sonnenschein abwechseln, hat ein alter, gewachsener Wald seinen ganz besonderen Duft. Da tritt man an eine Lichtung und die Sonne bricht sich Bahn und dann sieht man, wie einige hundert Meter entfernt Wolken aufsteigen aus dem dunklen Grün. “Da rauchen die Füchse”, sagt der Volksmund und man zweifelt daran ebensowenig wie an einem Hasen und einem Igel, die sich zu späterer Stunde dort “Gute Nacht” sagen werden. Wenn der Wind die sanften Hügel nimmt, dann rauscht es und die Regentropfen fallen auf den Spaziergänger hinab. In Erdlöchern sammelt sich Regenwasser und wenn man ganz genau hinsieht, dann erkennt man, wie sich darin die Bäume spiegeln, während das Wasser kleine Blasen wirft. Es ist egal, ob der Spaziergänger nun da wäre oder nicht. Das alles passiert, auch wenn es niemand sieht. Deswegen kann im Wald alles mögliche passieren, deswegen die Mythen.

Wald IV

Es gibt noch soviel Wald, dass ein paar hundert Hektar lächerlich wirken. Rund 11 Millionen Hektar, ein Drittel des Landes, sind von ihm bedeckt. Es ist nicht nur typisch für dieses Land, dass es eine Schutzgemeinschaft Deutscher Wald gibt. Es ist auch typisch, dass diese Zahl aus der Bundeswaldinventur von 2003 stammt. Alles ist vermessen. Nur das Gefühl ist nicht in Tabellen zu gießen.

Knallerbsen

Der Name dieses Geschöpfs ist Schneebeere oder Symphoricarpos albus, aber natürlich sagt das niemand. Knallerbse ist der gebräuchlichere Name. Als Kinder haben wir sie mit Wucht auf den Boden geworfen, immer fester und fester, weil wir wollten, dass sie “Knall” machten, oder wir traten drauf, doch das hat beides nur bedingt funktioniert. Sie sollten knallen wie diese kleinen Kracher, die auch Knallerbsen hießen oder hessisch politisch-unkorrekt Juddeferze. Wir bewarfen uns auch gegenseitig, weil das irgendwie auch knallte. Und wenn man sie isst, knallt’s auch, jedenfalls vermuteten wir den Tod in diesen kleinen, wächsernen Kugeln (Boule de cire), darum hatte ich auch einmal eine Heidenangst, als mir ein solches Geschoss in der Nähe des Mundes zerplatzte. Eine etwas übertriebene Reaktion, aber damals gab es ja noch kein Internet. Sie denken jetzt bestimmt, ich hätte einen, verzeihung, Knall, aber nein, das sind nur so die Gedanken, wenn ich am Rande des winterlichen Stadtwalds eine weiße Frucht am Ende eines Zweigs entdecke. Na, und dann fällt mir noch die Geschichte ein, die uns Journalisten im vergangenen Jahr bei der Präsentation des deutschfranzösischen ICE im Bahnbetriebswerk Frankfurt-Griesheim erzählt wurde. Der führt ebenfalls Knallerbsen mit – aus Sicherheitsgründen. Falls es mal knallt.

Musik von 2008

Ich hatte mich irgendwann dagegen gewehrt, last.fm zu benutzen, zumindest unter meinem richtigen Namen. Schließlich setzt man mit einer Software, die jedes Lied mitschreibt, dass man zu Hause oder unterwegs hört, in gewisserweise seinen Ruf bei kulturinteressierten Freunden aufs Spiel. Etwa, weil dann für jeden ersichtlich ist, dass man Annett Louisan gehört hat (was ich gerade wieder tue und so ganz nebenbei auf das Interview mit der jungen Frau beim Pflasterstrand verweisen darf) oder Robbie Williams oder sowas. Deswegen habe ich vor einem Jahr dann doch einen neuen Account unter anderem Namen angelegt. In der Rückschau ist mir nichts mehr peinlich und deswegen kommen nun 110 Musiker, die mich in diesem einen Jahr freuten, glücklich machten oder traurig oder wütend oder alles zusammen. Oder gar nichts. Denn Musik darf man auch mal nebenbei hören. Und das überproportional viele weibliche Stimmen darunter sind. Die Auflösung folgt nach dem Klick. Mehr →

Guten Tag

Ich war einige Tage im Harz, in einem Dorf. Es hatte geschneit, natürlich über Nacht und so knatschten die Schuhe im Weiß. Ich muss sagen, dass ich den Geschmack von frisch gefallenem Schnee vollkommen vergessen hatte. Was sehr schade ist, denn er schmeckt, wie ich feststellen musste, tatsächlich außerordentlich gut nach gefrorenem Nichts. Wer mehr dazu wissen will, der schaue sich den wunderbaren Film “Snowcake” an. Abgesehen vom Schneegeschmack auf meiner Zunge hatte ich noch eine Wiederentdeckung: die Begrüßungen zwischen einander wildfremden Menschen auf der Straße. Das ist nämlich so üblich auf einem Dorf. Da schaut man sich noch in die Augen und sagt “Morgn” oder “Tach” teilweise auch “Gutntach”. Dabei lächelt man nicht, aber der Augenkontakt, der ist wohl wichtig, schon einige Meter vor der Begrüßung wird eifrig taxiert. Wer nicht zurückgrüßt, so wie der gerade angekommene, noch vom Schneegeschmack überwältigte und von der Begrüßung überrumpelte Städter, der muss damit rechnen, dass der Grüßende die Augen zu Schlitzen verengt und etwaigen Begleitungen unverständliche Unflätigkeiten zumurmelt. Auch irritiertes Stirnrunzeln konnte ich beobachten. Dann aber hatte ich’s gerafft und grüßte fortan artig zurück.

In der Stadt sind gerade fünf Grad über Null, da ist nicht viel mit Schnee essen. Ist auch sonst nicht zu empfehlen, denn was da so runterrieselt bezeichnen Experten ja schließlich als Industrieschnee und diesen zu essen käme dem Lecken an einem entsorgten Katalysator gleich, was wohl nur die hartgesottensten Kfz-Mechaniker als Wonne empfinden könnten und, wer weiß, vielleicht nicht einmal die. Jedenfalls: Die Menschen auf der Straße zu grüßen, davon konnte mich niemand abhalten. Der erste, den ich grüßte, war ein Mann mit einem grauen Mantel aus dem ein weißes Hemd blitzte. Er sagte nichts, grübelte aber wohl darüber nach, wo wir uns schon einmal gesehen hatten. Die zweite Person war eine junge Frau, deren plötzliches, ärgerliches Stirnrunzeln verriet, dass sie angestrengt darüber nachdachte, wie noch einmal genau dieser Griff ging, den sie im Selbstverteigungskurs vor drei Jahren an der Volkshochschule gelernt hatte. Selbstredend kein Gruß zurück. Die dritte Person war ein Busfahrer, der den Gruß erwiderte, wohl weil man ihn doch noch ab und an grüßte, weil der Bus ja wie ein Gebäude und sein Fahrer wie der Hausherr wirkt, da will man wohl nicht unhöflich sein, auch nicht als Stadtbewohner. Ich stieg aus dem Bus aus und grüßte ein Kind. Es sagte sofort “Guten Tag”, mit so einer Mischung aus Respekt (vor Erwachsenen) und Automatismus (was sagt man da? Gu-ten-Ta-hag! hörte es wahrscheinlich seine Erziehungsberechtigten leiernd sagen). Dann grüßte ich eine Politesse. Sie fragte mich gleich, ob sie mir helfen könne. Ich beschloss, das Experiment abzubrechen. Land und Stadt würden sich wohl nie vereinen lassen, soviel wusste ich nun. Es ist eben nicht das Gleiche. Nur vergisst man genau das gerne; so wie den Geschmack frisch gefallenen Schnees.

Die 64er-Generation

64erIch schwelge gerade in Erinnerungen. Der Grund ist ganz einfach: ein junger Mensch hat die erste Ausgabe der Zeitschrift 64er eingescannt und auf seiner Seite verfügbar gemacht. Diese erste Ausgabe hatte ich auch mal. Mein Onkel hatte sie mir zusammen mit dem dazugehörigen Commodore 64 mitgebracht. Wenn es irgendwann dazu kommt, dass man unsere Generation labeln muss, dann bitte als 64er – zumindest die männliche Hälfte. Mein C64 steht immer noch in meinem alten Kinderzimmer unter dem Bett, vor Jahren hab ich ihn nochmal ausgekramt als ich meine Eltern besucht. Er funktionierte einwandfrei, nur etliche der Disketten hatten ihren Geist aufgegeben. Auch damals: Erinnerungsfluten. Denn vor dem C64 habe ich gefühlt die Hälfte meiner Kindheit verbracht. Ich habe nach Schule Freunde mit nach Hause gebracht und wir haben Pirates gespielt, Bubble Bobble oder GI Joe, manchmal auch verbotenerweise Commando Lybia. Aus der oben genannten Zeitschrift habe ich Listings abgetippt, das waren seitenlange Programmcodes, aus denen dann ein Kalender entstehen konnte, oder Fraktalgrafiken oder auch gar nichts, weil man irgendwo mittendrin einen Zahlendreher hatte. In den späteren Ausgaben wurde es noch schwieriger, da galt es unverständliche Zahlenreihen abzutippen, die ein spezielles Programm dann in Code umwandelte – es war eine stupide Aufgabe, reiner Fleiß und ich bewies darin manchmal mehr Verve als bei meinen Schulaufgaben. Bevor ich den C64 besaß, hatte ich einen Atari 400. Er hatte keine richtige Tastatur, weswegen das mit dem Programmieren irgendwie flach fiel, doch dafür konnte man oben Cartridges reinstecken, auf denen Spiele wie PacMan oder Space Invaders waren. Der Atari sah so aus:
atari400
… und als mein Onkel ihn in einem Pappkarton aus seinem Auto holte, habe ich ihn ernsthaft gefragt, warum er mir Dachziegel mitgebracht hatte. Es waren, aus heutige Sicht, die spaßigsten Dachziegel mit denen ich je zu tun hatte. Den C64 hatte ich, glaube ich, bis ich 16 war. Danach bin ich direkt auf einen Pentium60 von EsCom umgestiegen, der etwa 10 Kilo wog und in einer einen Meter hohen Metallkiste vor sich hinbrummte und statt einem Fernseher einen Monitor benötigte. Es war nicht mehr ganz das gleiche. Zeit konnte man aber immer noch prima damit vergeuden. Alles in allem kann man sagen, dass ich wegen dieser Zeit vom Computerspielen geheilt bin. Ich habe genug für mein ganzes Leben gespielt. Aber ich denke immer noch gerne an die Zeit zurück – und kann es immer noch nicht ganz fassen. Cooler als die 68er, das muss man zugeben, waren wir auf jeden Fall.

via nerdcore

10 Mittel gegen Herbsttraurigkeit

1. Nach getaner Arbeit lange spazierengehen. Egal wie das Wetter ist.
2. Wenn alle lachen, einfach mal mitlachen.
3. Filme schauen. Dabei Wim Wenders meiden.
4. Kerzen anzünden, Tee mit Vanillegeschmack kochen, Tim und Struppi lesen.
5. The Daily Show with Jon Stewart schauen:

6. Baden.
7. Eine Tafel Milka-Kuhflecken-Schokolade essen.
8. Morgens vor dem Spiegel Grimassen schneiden.
9. Ins Kissen schreien.
10. Reportagen lesen über Leute, denen es wirklich schlecht geht.

Impressumspflicht und Offline-Spam

Es gibt ja diese sogenannte Impressumspflicht, wonach also jeder Webseitenbetreiber in Deutschland gezwungen wird, eine ladungsfähige Anschrift anzugeben. Diese darf keine Firmenadresse sein und auch kein Postfach, weil die Gesetzgeber davon ausgehen, dass man dort etwaige Post nicht so toll empfangen kann wie zu Hause. Also ist die ladungsfähige Anschrift eine Privatadresse. Das ist, dachte ich, insoweit nicht so schlimm, weil man ja als Besitzer einer .de-Adresse sowieso seine Privatsphäre an die denic abgibt, die solche Daten auch der Öffentlichkeit preisgibt. Seit ich aber nun die Impressumspflicht erfülle, um abmahnenden Drecksanwälten die Arbeit zu ersparen, mir unverlangt Kostennoten zu schicken, bekomme ich Post. Pressemitteilungen von einer Weinhandlung, von einigen PR-Firmen undsoweiter. Pressemitteilung heißt: die wissen, dass ich Journalist bin. Privatadresse heißt: sie haben sich auf meiner Homepage bedient, denn im Telefonbuch oder irgendwelchen Verzeichnissen stehe ich nicht. Nun meine Frage: dürfen die das? Und wenn nicht: was ließe sich dagegen unternehmen? Meine erste Idee war ja, die Post als unverlangt wieder zurückzusenden. Oder noch besser mit einem “Empfänger verstorben”.

Unwichtig

Eigentlich wollte ich was zu dem Bild da oben schreiben, doch nun fällt es mir nicht mehr ein. Vielleicht war der Gedanke zu flüchtig, dass darfst Du jetzt nicht vergessen, dachte ich, als ich vorbeilief. Ist aber passiert. Tut mir leid, aber vielleicht war’s auch einfach nicht so wichtig. Was anderes: gerade habe ich gelesen, dass das Wort Adieu bis zum Ersten Weltkrieg in ganz Deutschland die gängige Abschiedsformel war. Dann hat man aber in einer patriotischen Aktion und aufgrund des Franzosenhasses, der damals so en vogue war, das “Auf Wiedersehen” eingeführt. Immerhin haben sich Tschüß und Ade erhalten, die beide auf den französischen Ursprung zurückgehen. Im Ursprungsland selbst wird Adieu wohl nur noch verwandt, wenn man fast sicher ist, jemanden nicht wiederzusehen, so als endgültige Abschiedsformel also. Dessen ungeachtet könnte man das Adieu in Deutschland eigentlich langsam schon wieder einführen, schließlich hört es sich viel schöner an als Auf Wiedersehen und der Erste Weltkrieg ist ja nun wie auch der Franzosenhass Geschichte. Jetzt weiß ich aber immer noch nicht, was ich zu diesem Bild da oben schreiben wollte. Das muss am Alter liegen. Mein Geist verabschiedet sich langsam …

Funzelfahrt

Herbstspaziergang die Zweite: ganz spontan am Main Richtung Frankfurt gelaufen, die Sonne verschwindet hinter der Stadt, ein Schwarm Gänse huscht vorbei und klingt dabei wie ein kurzes Blätterrauschen, dann das Rudererdorf, das Wasser ist hell erleuchtet, es sieht aus wie ein Laternenfest, geschmückte Boote, mit unzähligen Lämpchen, Kerzen, manche sogar mit kleinen Lagerfeuern gespickt, tänzeln auf dem Wasser. Ich hab dann zu Hause nachgelesen, dass es sich bei dem Spektakel um die 26. Frankfurter Funzelfahrt gehandelt hat. Ist aber eigentlich auch egal, denn: schön war’s. Vielleicht auch weil es so unvermutet kam.

Herbstspaziergänge

Man muss es eben immer alles positiv sehen. Denn der Vorteil der kürzer werdenden Tage ist ja, dass es viel wahrscheinlicher ist, dass man im Nebel oder im Dunkeln durch die Straßen spaziert. Manchmal schaue ich nur auf den Boden und beobachte meinen Schatten wie er nach vorne länger wird und am nächsten Laternenpfahl abrupt wieder verschwindet und dann langsam wiederkommt. Sieht schön aus. Und das mancherorts dann doch recht hässliche Pflaster nimmt man nur noch schemenhaft wahr. Der andere Vorteil des Herbstes ist die gute Luft, diese Mengen an Sauerstoff ist man ja gar nicht mehr gewohnt in einer Großstadt. Davon bekommt man dann rote Wangen. Und wenn es doch mal hell und klar ist, dann erschlagen einen fast die bunten Farben. Gestern waren übrigens gefühlte eine Million Stare zu Gast in Frankfurt, an der Messe und an der Hauptwache waren die Bäume schwarz vor Vögeln. Nein, es gibt überhaupt keinen Grund, den Herbst nicht zu mögen.