Journalismus

War ja klar …

… dass nun, nachdem sich Charlotte Roches Feuchtgebiete über vierhunderttausendmal verkauft haben, die ersten feuilletonistisch angehauchten Trendartikel erscheinen, die den ganzen Kladderadatsch zum hippen Zeitgeist deklarieren und sich selbst nicht zu schade sind, bereits millionenfach verbreitete Clichés zu einem langen Erguss zu vermengen, der selbstredend mit netten Bilderstrecken garniert werden darf, schließlich sind wir alle so locker heutzutage und die Frauen willig. Warum man dann aber folgendes Foto mit dem Begriff Masturbation umschreiben muss, das erschließt sich wahrscheinlich nur den Männern beim Axel-Springer-Verlag (vielleicht kann es auch Herr Niggemeier erklären, der hat mit seiner Symbolbild-Sammlung ja schließlich Erfahrung, wer weiß):

Quelle: Torsten Thissen, Frauen entdecken die Lust am Ordinären, Welt Online, 14. April 2008

Nicht wirklich

Es war einem ja schon irgendwie immer klar, geradezu schmerzhaft klar, aber die Fotoserie der Kunstseite Pundo300 führt es noch einmal vor:

100 Produkte im Vergleich zu ihren Werbefotos. Schön ist das nicht wirklich.
gefunden bei rebel:art

Kommentarmüllendlager

Seit einigen Monaten schaue ich öfter als sonst bei Welt Online rein. Ich weiß auch nicht, warum. Aber abgesehen von komischen Bildergalerien mit vielen nackten Frauen (ist im Springer-Konzern wohl irgendwie angesagt), demgegenüber sehr konservativen Kommentaren, die nicht selten den prüden Geist der 50er-Jahre atmen (nochmal: Springer), gibt es dann doch hin und wieder sehr tolle Artikel, man möchte fast sagen: Perlen, denn finden muss man sie erstmal, aber das ist bei Spiegel-Online ja ähnlich. Die Möglichkeit unter jeden Artikel Kommentare setzen zu können unterscheidet Spiegel und Welt-Online dann doch erheblich voneinander. Nachdem ich mich nun schon einige Male durch die Statements einiger Leser geklickt habe, bleibt nur zu bemerken: weg mit der Kommentarfunktion! Zwei Gründe: erstens steht dort zu 90 Prozent nur Schund, teilweise sogar xenophober, rechter Schund, Beleidigungen, Unzutreffendes, Verschwörungstheorien, antisemitisches. Zweitens: macht man SpiegelOnline per Leserbrief auf einen Fehler aufmerksam, ist der meist nach kaum einer Stunde korrigiert und eine Dankesmail liegt im E-Mail-Fach. Bei der Welt verkümmern Hinweise in den endlosen Stollen, die man nicht anders als Kommentarmüllendlager nennen kann. Beispiele? Bitte: am 24. März schreibt Thomas Delekat ein Interview mit dem hessischen Landtagsabgeordneten Tarek Al-Wazir nieder, in dem der Wissenschaftsminister schlicht Korz geschrieben wird, nicht Corts. Trotz Hinweis ist dies bis heute nicht geändert, was ganz einfach daran liegt, das kaum jemand bei der Welt die Kommentare liest, die Autoren nicht, die Online-Redakteure nicht. Gelöscht wird zwar ab und an, aber nur das Gröbste und nur dort, wo es unvermeidlich scheint, dass üble Kommentare auflaufen. Und dass sich ein Journalist einmal dazu herabließe in die Diskussion mit einzusteigen ist ebenfalls äußerst selten. Das Fehler nicht korrigiert werden, ist dabei dann irgendwie auch nachrangig, immer noch lassen sich unter dem Artikel Meinungen wie diese lesen:

Tarek-Al-Wazir..”Chef der hessichen Gruenen”..das sagt alles. Willkommen zur Weimarer Republik..aber damals waren das wenigtstens Deutsche. Wie doof, ein Volk. Armes DL!

Man kann es natürlich auch so sehen, wie der Kommentator Wolle unter einem Artikel über die NPD:

bei der nächsten Wahl wird sich zeigen wer den “etablierten Parteien ” noch vertraut. Die Menschen haben die Nase voll von dem Taktieren und den Lügen dieser ” demokratischen ” Parteien. Nur deshab soll die NPD verboten werden, um einen Konkurenten auszuschalten. Man kann die Wahrheit in diesem Land nicht mehr publizieren. Alle Medien werden von Linken oder extrem Linken beherrscht. Und hier erfolgt auch die Zensur von Lesermeinungen. Eine Ausnahme bildet ” Die Welt “, deshalb großes Lob.

In diesem Sinne: Liebe Welt, vielen Dank für die Wahrheit.

Henri Nannens Preis

Ich will mich ja nicht beschweren. Natürlich sind die Gewinner-Reportagen beim Henri-Nannen-Preis immer großartig und toll und überhaupt. Auch dieses Jahr wieder, das vierte in Folge, in dem ich mich beworben habe. Das mit der Bewerbung ist total einfach. Die Reportage in vierfacher Ausfertigung mit einem kleinen Bewerbungsbogen an Henri-Nannen-Preis, Hamburg geschickt (die Adresse geht wirklich so), diesmal kam nach ein paar Wochen noch die Aufforderung, das Original-Heft nachzusenden, gemacht, getan, gewartet. Nun ist die Liste der Nominierten raus, von der ich über eine Pressemitteilung des Verlags Gruner+Jahr erfuhr. In der Jury des Preises saßen in diesem Jahr: Mitarbeiter oder einstige Mitarbeiter von Geo, Stern, Zeit, Focus, SZ, Spiegel und FAZ. Und, quasi als Joker, Alice Schwarzer.

Nominiert sind dieses Jahr Arbeiten von: Zeit, Spiegel, Stern, FAZ, Geo und SZ. Und, quasi als Joker, der Neuen Zürcher Zeitung.

Dass kann man eigentlich so stehen lassen. Oder so kommentieren wie Oliver Gehrs im Dummy-Blog.

Oder sich darüber ärgern, wenn einem am Rande einer Verleihung eines kleineren Preises als den Henri Nannens gesagt wird: schade, dass Ihr Beitrag im Journal Frankfurt erschien. Hätte ihn das SZ-Magazin abgedruckt, hätte er bestimmt größere Chancen gehabt. Andererseits: dabeisein ist alles. Und die Genugtuung, dass es zumindest theoretisch nicht sooo schlecht ist, was man da so schreibt, reicht ja auch vollkommen. Und nächstes Jahr probiere ich es wieder. Wie gesagt: ich will mich nicht beschweren.