Journalismus

Verschwörungstheorien beim DJV

Nun klingt es erst einmal vernünftig, was Christine Dressler in der Zeitschrift “Blickpunkt” des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) formuliert:

Journalisten sollten sich davor hüten, offizielle Verlautbarungen vorbehaltlos zu übernehmen.

Leider bezieht sich dieses Zitat auf ein Buch von Gerhard Wisnewski, das im August 2011 erschienen ist. Als Buchtipp ist der Text im Verbandsorgan der hessisch-thüringischen Sektion des DJV gekennzeichnet. Dort heißt es weiter:

Die Neuausgabe “Operation 9/11. Der Wahrheit auf der Spur” widerlegt die offizielle Version noch fundierter: Nicht islamische Terroristen um Osama bin Laden, sondern US-Regierung und FBI führten die Attentate aus und verschleierten ihre “Operation”, indem sie bin Laden bereits wenige Stunden danach als Drahtzieher präsentierten.

Und warum, fragen Sie sich, hat die amerikanische Regierung es auf sich genommen, vier Linienmaschinen in ihre Gewalt zu bringen, um damit Anschläge auf ihre eigenen Bürger zu verüben? Auch dafür liefert die Buchkritik eine bestechend einfache Antwort: Die Attentate “sollten der Regierung eine Rechtfertigung dafür liefern, den Krieg gegen den Islam zu intensivieren und die weltweite Überwachung durchzuführen”.
Solche Behauptungen nennt Frau Dressler “sachlich statt reißerisch”. Ein Glück, dass es im Impressum des Quartalsheftes heißt: “Veröffentlichungen stellen die persönliche Meinung des Verfassers dar.” Nur schade, dass solchen Veröffentlichungen dann auch Raum gegeben wird.

Mein Fotograf

Es mag eine gewisse déformation professionnelle sein, die mich bei Artikeln über das wirklich tragische Luftschiff-Unglück bei Reichelsheim daran denken lässt, das die Einrichtung von freien Fotografen gewisse Vorteile hat – zumindest, wenn man seine Leser davon überzeugen will, das man ganz, ganz nah dran war. Am Zeppelin und überhaupt. Jedenfalls …

Bei der Frankfurter Rundschau heißt es: “Der Bad Homburger Fotograf Joachim Storch, der auch für die Frankfurter Rundschau arbeitet, berichtet ergänzend …”

Die Wetterauer Zeitung schreibt: “WZ-Mitarbeiter Joachim Storch befand sich an Bord des Zeppelins, der am Sonntagabend in Reichelsheim abstürzte.”

Die Frankfurter Neue Presse weiß zu vermelden: “Auf dem Rückflug vom Hessentag in Oberursel ist am Sonntagabend über Reichelsheim ein Luftschiff abgestürzt. Mit an Bord: FNP-Fotograf Joachim Storch…”

Und die Bild-Zeitung schließlich: “Bild-Fotograf überlebt Zeppelin-Drama in Hessen: ‘Ich hatte Todesangst’”

Soweit bis hierher.

Kein Happy ending am Mönchwaldsee

Ja, es kann einen auch betrüblich stimmen, einen gut gelaunten Bericht des Schriftsteller John von Düffel in der aktuellen Neon zu lesen. Schreibt er dort doch davon, dass der Mönchwaldsee bei Frankfurt zu den idylischeren Flecken des Landes zählt. Nun, Herr Düffel war wohl länger nicht dort, wird an ebendiesem See doch in wenigen Tagen die neue Landebahn des Frankfurter Flughafens fertiggestellt. Das kühle Nass ist zu einer Seite hin von Stacheldraht gesäumt und gehört schon seit längerem offiziell der Fraport Aktiengesellschaft, wenngleich die Umstände der Gebietsumschreibung für einigen Wirbel gesorgt haben. Pünktlich zum Beginn des Winterflugplans am 30. Oktober 2011 soll der erste Flieger neben dem Mönchwaldsee landen. In zwei Wochen wird das schon mal mit einem großen Fest gefeiert. Motto der Fraport-Party: Happy landings.

Überraschung! Die NPD ist rechts

Der Spiegel und die taz veröffentlichen Details aus internen E-Mails der NPD. Um es kurz zu machen: dass die NPD-Anhänger Ausländer nicht leiden mögen, ja, sie gar beschimpfen, außer Landes wissen möchten, dass sie sich ins Reich zurückwünschen, das ist alles keine Neuigkeit. Dass Neonazis unter ihresgleichen offensichtlicher hetzen als in der Öffentlichkeit: big deal! Dass es ein neues Verbotsverfahren bräuchte: eine Binsenweisheit. Was also hat sie gebracht, die große Aufdeckung von 60.000 Briefen? Nun, zum Beispiel die Erkenntnis, dass die taz kein Wort über Datenschutz verliert – nur lapidar mitteilt, dass der kleine veröffentlichte Teil der Mails geprüft wurde und teilweise zensiert. Die Frage, ob das sonst so vehement geforderte Recht auf Privatsphäre auch für Neonazis gilt, wurde gar nicht erst gestellt. Weil man sie sich schon selbst beantwortet hatte.

Der Bürgerpräsident

Wie heißt es doch: betrachten Sie immer beide Seiten einer Geschichte. Die Geschichte ist in diesem Fall eigentlich keine. Aber im ausgehenden Sommerloch immer gerne genommen: wo urlauben unsere Politiker. Die Bild-Zeitung konnte mit Leserreporter-Fotos von Bundespräsident Christian Wulff nebst Gattin und Anhang auf Mallorca aufwarten. Nach den Jubelarien in der Bild vor und nach der Wahl verwunderte die Schlagzeile wenig: “So normal macht Papa Präsident Urlaub.”

Und so geht’s weiter: “ER in blauer Leinenhose und kariertem Hemd, SIE im weißen Jeans-Rock mit Blümchen-Bluse – so „normal“ spaziert Bundespräsident Christian Wulff (51) mit First Lady Bettina (36) durch Port Andratx auf Mallorca.” usw. usf.

Spiegel online wusste am selben Tag folgendes zu berichten:

So schön kann Mallorca-Urlaub sein: Bundespräsident Wulff und Familie haben sich im Luxusanwesen ihres Freundes Carsten Maschmeyer entspannt. Natürlich, so betont das Präsidialamt, hat Wulff sich nicht einladen lassen. Doch ein Geschmäckle bleibt.

So normal wie Papa Präsident eben Urlaub macht.

Des Spiegels Mut

spiegel-wendecover

Das Magazin Spiegel beweist Mut – und Finanzkraft. Denn ein solches Wechselcover, das je nach Blickwinkel mal Merkel mal Steinmeier zeigt und wie es seit heute am Kiosk liegt, dürfte dann doch die Gewinnmarge pro Heft ein wenig nach unten drücken. Dafür aber die Verkaufszahlen hoffentlich kräftig in die Höhe. Denn Publikumszeitschriften in Deutschland setzten bislang was ihr Titelbild angeht auf ein Motto, dass Angela Merkel für ihre Neuauflage eines Adenauer-Wahlkampfs wieder aus der Mottenkiste geholt hat: keine Experimente! Zeit für eine kleine, subjektive Rückschau auf die mutigsten Cover-Ideen des Druckgewerbes.

1. Humanglobaler Zufall hieß das große Werk des Axel-Springer-Konzerns. Ein Experiment, das letztlich nach vier Ausgaben scheiterte. Ein Experiment, das in Sachen Illustriertengestaltung aber Maßstäbe setzte, weil Rendite keine Rolle spielte. Die erste Ausgabe: mit Gold auf dem Cover und mit einem roten Lesefaden. Die zweite Ausgabe: etwas langweiliger mit fühlbaren Klebeecken auf dem Cover. Die dritte wieder ganz groß mit einem Wechselcover, mit dem sich auch der Spiegel jetzt feiert (wobei die Hausmitteilung des Nachrichtenmagazins schon korrekt schreibt, in dieser Größe und in dieser Auflage hätte es das noch nicht gegeben). Auf der vierten Ausgabe dann: ein Thermocover, dass sich verändert, wenn es mit warmen Fingern befühlt wird. Mal sehen, ob sich der Spiegel an sowas rantraut.

national-geographic-holo

2. National Geographic ist ein Magazin, das schon in den 80er-Jahren Fotografien, große Reportagen und Infografiken in einer Opulenz zeigte, wie man sie selbst heute nur selten findet. Und es ging, ebenfalls bereits in den 80er-Jahren erstaunliche Wege der Covergestaltung. 1984: ein Cover mit einem integriertem Hologramm, das einen Adler zeigt. 1985: ein noch größeres Hologramm. Und 1988 schließlich der absolute Wahnsinn: ein kompletter Umschlag als Hologramm, sogar die Anzeige auf der Rückseite war als solches gestaltet, ein Hingucker am Kiosk und danach nie wieder irgendwo gesehen. Wahrscheinlich waren Hologramme irgendwie auch so ein Ding, das in den 90ern furchtbar out war, denn fortan fristeten die regenbogenfarbnen Silberlinge ihr Dasein auf Kreditkarten und Waren, deren Authentizität der Hersteller beweisen wollte.

3. Esquire Magazine! Okay, inhaltlich nicht wirklich prall, Männermagazin eben, da kann man, leider, nicht viel Anspruch erwarten. Mit seinen Covern aber stets auf der Höhe der Zeit (und weit entfernt von den billigen Anmachen der Kollegen von Maxim oder FHM) und ohnehin mit einer famosen Geschichte, die ohne Ikonen wie George Lois nicht denkbar wäre. Im vergangenen Jahr dann dreht man richtig auf – und verkaufte ein Cover mit elektronischer Tinte. Technologisch ganz weit vorne und eine schöne Idee, die auch interessant aussah (wie dieses Youtube-Video zeigt), die derart ausgestattete Luxusauflage von 100.000 Heftchen kostete aber gleich zwei Dollar mehr als die normale Variante, hatte ein beinhartes Cover und eine Batterie, was unter Umweltgesichtspunkten ein Frevel ist, denn am Schluss sind die zerlesenen Magazine nämlich bestenfalls im Altpapier gelandet. Ansonsten liefert Wired den besten Kommentar zum E-Ink-Esquire:

Wake us when print media gets close to something we saw much closer to the actual beginning of the 21st century in 2002’s “Minority Report,” when newspaper headlines changed dynamically during the morning commute.

Außerdem, so Wired, habe das Time Magazine gezeigt, wie man ein aufregendes Cover ohne großen Aufwand produziere: dort arbeitete man einfach eine spiegelnde Oberfläche ein, um zu zeigen, wer der Mensch des Jahres ist: You!

Unnützes Wissen: die Wackelbild-Technologie des Spiegel heißt Lenticularfolie oder Linsenfolie. Nicht unbedingt eine neue Technik. Jetzt fehlt nur noch, dass jemand die Stereogramme aus den 90er-Jahren wieder hervorholt. Sie erinnern sich?

Byebye Galore

galore

Ich bin ja ein großer Freund von Interviews. Also hätte ich auch ein großer Freund von Galore sein müssen. War ich auch. Auch schon am Anfang als sie noch dieses von Porträtfotos zugestellte Cover hatten, aber mehr noch danach, als zum Beispiel Judith Holofernes rehäugig im Kiosk lag. Das Konzept war klar: Interviews, bitte. Porträts. Schöne Fotos. Angenehme Fragen. Lange Strecken. Zuletzt sah die Galore leider so aus wie auf dem ganz rechten Cover zu sehen, das die vorletzte Ausgabe des Magazins zeigt. Am 10. Juni liegt die Zeitschrift noch einmal am Kiosk, danach wird im Internet weitergefragt – mit Zugriff auf die über 900 bereits geführten Interviews und einem neuen pro Woche, das kann man sich wohl gerade noch so leisten (doch wer die derzeitigen Werbeetats der Firmen kennt, weiß, auch das wird schwierig). Klar, es ist Medienkrise. Aber bei 20.000 verkauften Exemplaren und 2500 Abos kann es wohl nicht nur an den Anzeigen gelegen haben. Es ist wohl eher so: Galore kam zu früh, um als Nischentitel funktionieren zu können. Also wurde man beliebig, baute Kleinkram ins Heft, stellte den Titel mit Typo und lauten Anreißern voll, verunstaltete das vordem so klare Logo, man könnte auch sagen: die Marke wurde verwässert. Jetzt, da man mit einem kleinen, feinen (wenn Sie so wollen: rehäugigen) Magazin vielleicht einen Blumentopf gewinnen könnte, sieht Galore aus wie jede xbeliebige Illustrierte am Kiosk. Manchmal ist Anbiederung vielleicht doch nicht der rechte Weg.

Die neue taz

tazneuInhaltlich ist die tageszeitung schon lange eine ganz normale Zeitung. Agenturmeldungen in den Randspalten, namentlich gekennzeichnete Artikel in der Mitte, Hintergrundstücke und Reportagen, zwei Seiten Kommentare, Sport, politisch irgendwie leicht links der Mitte und manchmal mit leichtem Wehmut an frühere Zeiten, was ja auch nicht ungewöhnlich ist, wenn man gerade 30 geworden ist. Nun also ein neues Layout, in das einige unbezahlte Überstunden geflossen sein dürften; ein Layout, das beim Guardian abgeschaut worden sein soll, in Wahrheit aber irgendwie Rundschauesk rüberkommt. Aufgeräumt, seriös, tausendmal gesehen. 2,30 Euro kostet die Samstagsausgabe, da muss man am Kiosk nochmal im Portemonnaie kramen, um nachzulegen. Bekommt aber farbige Seiten und eine Sonntagsbeilage mit dem kindischen Namen sonntaz, die aber wirklich gut ist. Wie ein Magazin eben, nur auf billigem Zeitungspapier gedruckt. Achso, das mit der Rundschau: irgendwie dann doch komisch, dass FAZ und der Axel-Springer-Verlag jeweils eine ganze Seite mit Glückwünschen gebucht haben, die pseudolinke Konkurrenz aber nicht. Der fehlt wahrscheinlich die Kohle. Aber Springer hat auch so den besten Spruch: “Ist es nicht schön, ein Alter erreicht zu haben, in dem man Cocktails trinkt, anstatt sie zu werfen?” steht in der Anzeige. So ist es.

Jetzt müsste die taz neben unterbezahlten Mitarbeitern nur auch noch Ein-Euro-Jobber als Botenjungen beschäftigen und das Abonnement wäre abgeschlossen, denn mal ehrlich: Postversand im Rhein-Main-Gebiet? Die Nachrichten von gestern würde man doch ganz gerne nicht erst am Abend erfahren. Obwohl man dann natürlich einen Cocktail zur Lektüre trinken könnte. Cin cin!

Sparsam sein

Die Tageszeitung Die Welt freut sich über die neue S-Klasse von Mercedes. Die habe sich nämlich den Titel “sparsamste Luxuslimousine mit Benzinmotor” gesichert. Wer diesen Spitzentitel vergibt? Achso, naja, Mercedes selbst. Der Hybridmotor verbrauche nämlich nur 7,9 Liter und stoße lediglich 186 Gramm Kohlendioxid aus. Dass die Wörter “nur” und “lediglich” ein ökologischer Hohn sind, muss man nicht weiter erklären. Klar: ein 3,5-Liter-V6-Benzinmotor muss sein. Unter 250 PS geht gar nichts. Und dass solche Verbrauchswerte im Alltag kaum zu erreichen sind, wen kümmert’s? Hauptsache man hat die “sparsamste Luxuslimousine mit Benzinmotor” im Angebot, damit sich die sparsamsten Millionäre der Welt durch ebendiese kutschieren lassen können, solange es noch Öl gibt. Das alles erinnert ein wenig an den Flugzeugbauer Airbus, der freudestrahlend vom Dreiliterflugzeug faselte, und den A380 zum sparsamsten Großflugzeug verniedlichte. Wobei drei Liter nur erreicht werden, wenn man das auf die Zahl der Passagiere umrechnet und diese in engen Economyreihen untergebracht sind. Das wäre doch auch mal eine Idee für die Vermarktung von Luxuslimousinen: schließlich passen in die S-Klasse locker vier Personen rein. Der Verbrauch pro Passagier sinkt auf “weit” unter zwei Liter. Und der Straßenkreuzer steigt zur sparsamsten Limousine (mit Benzinmotor) aller Zeiten auf. Auf diese Pressemitteilung hat die Welt-Redaktion gewartet.

Lokal bloggen (und dabei Geld verdienen)

Ich bin immer noch leicht fasziniert von der Idee der New York Times, einen lokalen Blog ins Leben zu rufen. Hello? Die New York Times lässt sich herab, weit herab, weiter als der Lokalteil der Zeitung, der natürlich schon großartig ist, aber wahrscheinlich irgendwie querfinanziert durch den überregionalen Teil. Die Idee ist ein Stadtteilblog und schon die Idee der Finanzierung dürfte bei hiesigen bundesweiten Klickmaschinen und vor sich hinpusselnden Regionalportalen Kopfschütteln hervorrufen: Anzeigen – wie bitte soll das funktionieren, bei einer Zielgruppe, die nur einige zehntausend Menschen umfasst? Wo sollen da die Klicks herkommen?

Nun, die Klicks sind nicht ausschlaggebend. Ausschlaggebend ist der gute Name der New York Times, der die Einzelhändler, die kleinen Läden und Lokale vor Ort davon überzeugen soll, mehr Geld für eine Anzeige zu schalten als gemeinhin üblich. Google-Guru Jeff Jarvis hat die Zusammenhänge ganz schön zusammengefasst, in dem er feststellt, dass die meisten Kleinunternehmer gut daran täten, Anzeigen in einem neuen Umfeld als in Lokalzeitungen zu schalten, doch nur wenige bisher die Vorteile klar vor sich sehen.

The assumptions I so often hear about local advertising – it doesn’t work; it doesn’t pay enough; small businesses are ignorant – need to be updated. The assumption that most needs to be updated is that a business needs an ad. It may need other tools to be found in search and to reach the right people and to improve relationships with them. All that may count as marketing, but not necessarily with an old ad in a new medium.

Okay, noch ist es nicht so weit. Die NYT gibt sich noch ziemlich selbstkritisch, ob es den den Stadtteilblog mit einem angestellten Redakteur wirklich gegenfinanzieren kann, die Ideen, wie das funktionieren könnte, sollen am Besten gleich die Leser haben, wie Jim Schachter bei TechCrunch schreibt:

We expect to sell ads to local merchants using our telesales and self-serve ad solution. Our two pilot sites are staffed with full-time NYTimes reporters. That’s not cheap. Obviously, it’s also not a sustainable model. We’re trying to figure out what would be. Can we create a combination of journalism, technology and advertising that people who don’t work for us can adopt? How much or how little oversight by us would be needed to keep the quality high? Would people pay to be associated with us? Would there be enough revenue that some split between us and a non-NYT blogger would work? I’d love to know what readers here think.

Gute Fragen. Ich denke, dass es funktionieren könnte, wenn man noch einen Anzeigenverkäufer engagiert, der die Geschäfte wirklich offensiv abklappert und den ganzen Gratiszeitungen das Geschäft streitig macht, die oft übervoll mit Billiganzeigen in den Briefkästen (oder neben der Altpapiertonne) liegen. Es wird nicht einfach sein, den Wechsel für die Geschäftsleute zu begründen, doch wenn der Blog durch seine Geschichten Stadtteilgespräch werden kann, dann kann daher durchaus ein monetärer Gewinn stehen.

Mich macht nur eines stutzig: Frankfurt sollte mit seiner internationalen, weltoffenen und technikaffinen Bevölkerung eigentlich schon jetzt einige hundert Blogs vorweisen können, Privatmenschen, die über die Stadt, über das, was sie bewegt, was sie ärgert und freut berichten. Doch davon ist nichts zu sehen. Frankfurt ist, was lokalen Citizenjournalism angeht so gut wie tot. Solange nicht private Blogs aus dem Boden sprießen, die sich ganz Frankfurt widmen, wird es schwierig sein, einen Nordend-Blog zu etablieren. Das ist schade. Auch für die öffentliche Meinungsbildung in einer Stadt wie Frankfurt.

Tim wer?

Es ist mit Sicherheit nicht die fragwürdigste Leistung, die in den vergangenen Tagen in den Medien zum Amoklauf zu beobachten war, aber … Auf seinem Titelbild gibt sich der Spiegel noch geheimnisvoll. “Der Amoklauf des Tim K.”, heißt es dort. Im Inneren der Zeitschrift geht man weniger zimperlich mit dem Nachnamen des 17-Jährigen um. Der Spiegel ist längst nicht das einzige Medium, das den vollen Namen von Tim nennt. Süddeutsche, Stern, n-tv – fast alle machen mit. Die FAZ zum Beispiel nicht und die tageszeitung auch nicht. Ich finde das löblich. Gut, der Junge ist tot, da könnte man auch argumentieren: seine Persönlichkeit ist nicht mehr. Soweit ist rechtlich alles in bester Ordnung. Doch was ist mit den Hinterbliebenen von Tim.

Die ausländischen Medien scheren sich schon mal gar nicht um deren Rechte. Die englische Times etwa nennt die vollen Namen der Eltern und die der Großeltern. Wahrscheinlich haben sie ihre Telefonnummern bereits geändert, denn man mag sich gar nicht ausmalen, wieviele Menschen die Onlineauskunft der Telekom genutzt haben und dort Tims Nachnamen und Winnenden eingegeben haben.

Die Adressen stehen dort auch, aber nachdem die Medien noch Tage nach der Tragödie das Haus abfilmten, in dem der Mörder aufwuchs, weil daraus bekanntlich wichtige Informationen über die Motive entstehen, geht das alles schon in Ordnung. Innerhalb der Wikipedia hat man sich mittlerweile entschieden, Tims vollen Namen wieder zu entfernen.

Was bringt es dem Leser, dem Zuschauer oder Zuhörer, wenn er den vollen Namen des Täters erfährt? Verändert es die Sicht auf die Ereignisse? Gebieten es die ungeschriebenen Gesetze des Journalismus, den vollen Namen zu nennen? Nein, nein, nein. Es stimmt ja: Tote können sich nicht äußern, sie können nicht mehr sagen: bitte, veröffentlichen sie meinen Namen nicht, sie sind wehrlos und vielleicht ist es mal eine philosophische Überlegung wert, ob Tim damit ein wenig zu einem Opfer gemacht wird. Oder es wurde hier ein offenes Geheimnis gelüftet, weil man sonst so wenig herausgefunden hat, dass auch in einer dutzend Seiten starken Spiegel-Geschichte nicht viel mehr herauskommt, als dass man mehr auf Jugendliche achten muss und Verbote nichts bringen. Immerhin ist Tim nun weltweit namentlich bekannt. Auch eine Leistung … der Medien.

Mischmasch

die gute woche

Ich habe wieder mehr Papier in der Hand, Bücher, Zeitungen, Zeitschriften und so weiter und das hinterlässt dann doch ein gutes Gefühl. Besser als dieses Onlinegedöns, mit dem man meist nur Zeit verschleudert. Montag im Spiegel ein Interview mit Herrn Döpfner, dessen Onlineversion der Spiegel noch eifrig zurückhält, nur die englische Variante darf schon verlinkt werden, daher kurz zitiert:

SPIEGEL: Speaking of headlines, when Charlotte Roche (author of the German bestselling novel “Wetlands”) lost half her family in a car accident, she was badgered by Bild reporters. At some point Roche ran into you on a plane and told you to your face that you are “a bad person.” How did you perceive that?
Döpfner: As free expression. I thought about it.

Großartig. Das Interview mit Herrn Mosley in der gleichen Ausgabe über seine Sadomaso-Spielchen überspringe ich jetzt mal, obwohl ich es aus Voyeurismus- und Skandalgründen natürlich auch gleich gelesen habe. Aber im Büro ging’s im Vorfeld der Veröffentlichung unserer SM-Titelgeschichte ja um fast nichts anderes mehr. Ich übertreibe, natürlich.

Dennoch weiter.

Weiter zum Interview mit Minu Barati in der Welt am Sonntag. Schon der Vorspann ist großartig und auf SZ-Wochenende-Niveau, weil da steht, dass sie beim Sprechen ihre Wimpern “pfauenartig” senke und außerdem: “Nun sitzt die schöne Halbiranerin also da, das schwarze Haar verteilt sich wie vergossene Tinte über ihre Schultern.” Dass sich das eine Journalistin namens Dagmar von Taube ausgedacht hat, macht es nur besser. Und Frau Barati, die ich bisher für ein doofes Altpolitikeranhängsel gehalten habe, sagt ganz coole Dinge (vielleicht sollte man Menschen erstmal die Möglichkeit geben, sich zu erklären, bevor man sie verschubladet), also:

Ich verstehe die weibliche Emanzipationsbewegung und ihre Symbole und achte alle Frauen, die für Gleichberechtigung gekämpft haben. Phänotypisch muss man da keine Akzente mehr setzen, und ich finde, dass Latzhosen echt scheiße aussehen. Ich mag gern schöne und besondere Dinge – und mein Freund Klaus Unrath macht die wunderschönsten Kleider für mich. Anziehen muss man sich eh, dann kann man sich auch ein bisschen Mühe geben, wenn man die Möglichkeit dazu hat.

Und genauso ehrlich geht’s auch weiter. Genau wie wir nun zum letzten Punkt der Interviewform-Verherrlichungsstrecke auf neosushi. Kennen Sie eigentlich die jungle world, die linke Wochenzeitung? Ich hatte die zuletzt glaube ich mit 20 in der Hand, aber für ein wenig Idealismus und eine gesunde Portion Antifaschismus ist es ja nie zu spät, right? Jedenfalls war die Überraschung groß, als ich dort ein Gespräch mit Harald Lesch fand, der in der Anlese als, hach, “Jürgen Klopp der Astrophysik” angekündigt wurde. Ich hoffe, es sprengt nicht das deutsche Zitatrecht, wenn ich hier mal etwas ausführlicher werde:

Wenn aber doch ein Außerirdischer landen würde, was würden Sie ihn zuerst fragen?

Welche Musik hörst du?

Welche Musik hören Sie?

Im Moment die Traveling Wilburys. Das würde ich ihm vorspielen. Ich würde einen Außerirdischen nicht nach den Naturgesetzen fragen, das sind die gleichen wie bei uns, davon gehe ich als Astrophysiker aus. Aber ich würde ihn fragen, welche Musik er macht, welche Märchen er seinen Kindern erzählt, welche Bilder er malt und an welche Götter er glaubt.

Und das alles beim Bier?

Da wäre ich vorsichtig. Denn diese Leute könnten möglicherweise sehr schlechte Laune haben. Die fliegen ja oft in so rotierenden Scheiben, deswegen sind sie auch grün, weil denen bestimmt ganz schön übel ist.

Und? Toll, oder? Soviel zu den Zeitungen und Zeitschriften. Und über die Bücher, die mir Zerstreuung verschaffen, dann demnächst mehr. Ein letzter Gedanke noch: dieser Text ist auch ein Beitrag für weniger Gejammer und mehr Großartigfinden in Journalistenblogs. Wie sagt Döpfner doch so schön: “What bothers me is the whining among members of our profession.”