Feuilleton

Musikhören leichtgemacht

Songerize

Hm, irgendnen Lied im Kopf, aber die passende Platte nicht zur Hand? Da hätte ich was: Songerize. Erklären muss man nicht viel. Nur, dass natürlich nicht jedes Lied vorrätig ist. Spezialwünsche? Hier nicht. Und selbst bei Clocks von Coldplay kam bei mir ne Live-Version, nicht die Studioaufnahme. Aber für den Anfang, die Seite ist noch recht neu, schon mal nicht schlecht.
Alternativen:
last.fm (direkt auf der Startseite können nun auch komplette Songs gesucht und angehört werden, sehr fein)

Gimado (größere Auswahl als bei Songerize, keine zufällige Auswahl der Stücke)

SeeqPod (durchsucht auch youtube etc. nach Musikvideos mit den entsprechenden Lieder – so findet man dann auch mal deutsche Interpreten, was bei den anderen (bis auf last.fm) zum Teil schwierig ist)

gefunden bei Mashable

Cat Power

Cat Power
Foto: tnarik

Durch Blueberry Nights bin ich auf Cat Power gestoßen, die Sängerin heißt Chan Marshall und hat nicht nur zwei Lieder zum Soundtrack beigesteuert, sondern auch mitgespielt (als Katya). Was aber noch toller und passender ist, dass ihr neues Album gerade erschienen ist. Manchmal kraftvoll, fast alles gecovert (nur merkt man das nicht) und melancholisch, aber es ist ja noch Winter, da kann man das noch durchgehen lassen. Also: anhören. Oder mal den Film gucken. Oder es lassen. Mir egal, jetzt wo ich Jukebox durchgehört habe. Und wer mal schnuppern möchte, den Titelsong “The Greatest” zu Blueberry Nights kann man hier runterladen. Hach!

Die Vorhörung:

Liberté, toujours!

Sie nennen es Sicherheit

Es sind mal wieder diese Begrifflichkeiten. Euphemismen, um genau zu sein. Vorratsdatenspeicherung. Was für ein deutsches Wortungetüm. Und noch dazu verharmlosend. Treffender wäre Überwachung. Etwas polemisch, aber dennoch zutreffend: Überwachung Unschuldiger.
Darum geht es: seit dem 1. Januar des Jahres werden sämtliche Verbindungsdaten aufgezeichnet, und zwar ohne dass es einen Verdacht geben muss. Wer ruft wen wann an, welche Seiten besuchen wir im Internet, wer schreibt wem eine E-Mail, von wo aus schreiben wir eine SMS – all das wird nun seit ein paar Wochen gespeichert und nach sechs bis sieben Monaten wieder gelöscht.

Das alles ist schwerlich konform mit dem Grundgesetz, am Ende des Monats will das Verfassungsgericht entscheiden. Der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung hat kürzlich nach Auswirkungen des Gesetzes auf Alltag und Arbeitsleben von 8000 Bürgern gefragt, heute wurden einige Ergebnisse veröffentlicht. Auszüge:

Der Journalist [...] teilt mit, er habe im Januar 2008 eine Unterhaltung mit einem Informanten „ins Freie verlegen müssen, da dieser, selbst via Telefon, nicht auf dem üblichen Wege kommunizieren wollte.

Der Journalist [...] schreibt: „Viele Informanten lehnen inzwischen nicht nur Telefonate oder emails ab, sondern auch direkte Gespräche und Treffen.“

Der Hausarzt [...] schreibt: „Meine Praxis betreut suchtkranke Patient/inn/en. Von diesen trauen sich bereits mehrere nicht mehr, über Telefon bzw. Mobiltelefon oder e-mail Kontakt aufzunehmen, da sie Sorge haben, der Kontakt zu meiner Praxis könnte von staatlichen Stellen registriert werden.“

Das ganze Elend lässt sich in diesem PDF-Dokument nachlesen.
Es zeigt durchaus irrationale Züge, denn die Inhalte der Gespräche, Mails oder SMS werden ja nicht gespeichert. Gleichzeitig offenbart sich auch die Fragilität der Freiheit. Die ist schon nicht mehr gegeben, wenn die Menschen Angst haben, sich über bestimmte Themen zu äußern. Mir sind in den vergangenen Wochen auch kleine Veränderungen im Umgang mit elektronischer Kommunikation aufgefallen – zum Beispiel, dass manch Gesprächspartner am Telefon schon mal über den Überwachungsstaat witzelte. Oder andere sich dann doch lieber persönlich treffen wollten, selbst wenn es um eigentlich harmlose Recherchen ging.

Die viel wichtigere Frage ist aber auch, wieviele sich gar nicht erst an eine Redaktion wenden, weil sie denken, das könnte dann irgendwie rauskommen. Es ändern sich eben nicht nur die Gewohnheiten. In der Pressemitteilung des Arbeitskreises heißt es:

Bürger, die keine E-Mails mehr versenden, Journalisten, die den Kontakt zu Informanten verlieren, Unternehmer, die Unterlagen wieder per Post verschicken müssen – die von CDU, CSU und SPD eingeführte Vorratsdatenspeicherung führt in weiten Bereichen der Gesellschaft zurück in die Zeit, als es weder Telefon noch Internet gab.

Eigentlich sollte man hoffen, dass manch Abgeordneter der großen Koalition nicht wirklich wusste, was da eigentlich beschlossen wurde. Doch sie wussten es. Und selbst die 26 SPD-Abgeordnete, die eigentlich gegen das Gesetz waren, stimmten dafür:

Eine Zustimmung ist auch deshalb vertretbar, weil davon auszugehen ist, dass in absehbarer Zeit eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts möglicherweise verfassungswidrige Bestandteile für unwirksam erklären wird.

Quelle: wikipedia

Das muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen: Parlamentsabgeordnete stimmen einem Gesetz zu, dass sie selbst für verfassungswidrig halten. Ganz groß!

Und sollte das Bundesverfassungsgericht am 27. Februar die verfassungswidrigen Bestandteile für unwirksam erklären, dann wird es noch eine ganze Weile dauern, das zerschlagene Porzellan wieder zu kitten und das Vertrauen vieler Menschen in die Bürgerrechte wiederherzustellen. Trotzdem schade, dass die nächste Bundestagswahl noch so weit weg ist …

Foto: jpbader

My Blueberry Nights

My Blueberry Nights

Ich muss an dieser Stelle zugeben, das mir der Name Wong Kar Wei bis vor Kurzem kein Begriff war. Zugleich kann ich nur jedem raten, dem es ähnlich geht, diese Bildungslücke zu schließen. Am Besten funktioniert das im Kino, in dem der aktuelle Film des Regisseurs gerade läuft. My Blueberry Nights hat nämlich auch den Vorteil, dass nahezu jeder Schauspieler bekannt ist. Auch den Menschen, die Wong Kar Wei nicht kennen. Norah Jones spielt die Hauptrolle. Jude Law ist mit dabei und die nicht minder wunderbare Natalie Portman, die schwermütige Rachel Weisz und der ebenso gefühlsgelagerte David Strathairn. Und wem das alles noch nicht reicht, diesen Film anzuschauen, dem sei gesagt: Gefühl, viel Gefühl und Ruhe, grenzenlose Ruhe und dann das Wissen um die richtigen, die wichtigen Momente im Leben. Und schließlich die Gewissheit, dass man manchmal lange Wege gehen muss, um dahin zurückzufinden, wo alles anfing. Weil man nur so ein gelassenerer, ein gereifterer Mensch werden kann, der weiß, dass das Leben nicht immer geradlinig verläuft, um schön zu werden. Also nochmal: Wong Kar Wei. Blueberry Nights. Anschauen.

Außerdem gelobe ich hiermit, die mir ans Herz gelegten Filme “In the mood for love” und “Chunking Express” nachzuholen. Dann kann nichts mehr schiefgehen.

Foto: Prokino Filmverleih

Blaue Augen

blaue Augen

Auf den deutschen Nachrichtenseiten geht gerade diese wunderschöne Geschichte um, dass alle blauäugigen Menschen miteinander verwandt wären. Spiegel Online überschriftet: “Alle Blauäugigen haben den gleichen Urahn”. Und die Süddeutsche lässt sich in einer Bildunterschrift sogar zu einer Vermutung hinreißen, die viele Männerträume zu Inzuchtfantasien werden lassen dürfte: “Wer blaue Augen besitzt, ist vermutlich auch mit Angelina Jolie verwandt. Ziemllich entfernt natürlich.” Der Standard sieht’s weniger romantisch und schreibt schlicht: “Blauäugige sind Nachfahren eines einzigen ‘Iris-Mutanten’”.

Das alles geht zurück auf eine Studie, die in der Onlineausgabe von Human Genetics veröffentlicht wurde und sich hier vollständig einsehen lässt. Im Vergleich zu den Zeitungsartikeln fällt auf, wie Wissenschaftsjournalismus funktioniert: man nehme den wissenschaftlichen Originaltext, befreie ihn von allen Fachbegriffen und Zahlen, extrahiere ein paar griffige Zitate, ersetze etwaige Zeichnungen durch Bilder von Angelina Jolie – voilà!

Und warum haben wir nun unterschiedliche Augenfarben? Da geben sich die Autoren der Zeitungsartikel zumindest ratlos. Steht ja auch nicht in der Studie, deren Ziel war, die genetische Spur der blauen Augen zurückzuverfolgen. Spiegel Online etwa mutmaßt:

Warum sie sich gerade in Nordeuropa so weit verbreitet haben, darüber gibt es bislang nur Spekulationen – etwa, dass die blaue Farbe in dunklen Wintern oder aber an langen, hellen Sommertagen irgendeinen Vorteil bieten könnte. vielleicht fanden Europäer potentielle Geschlechtspartner mit blauen Augen aber auch einfach attraktiv.

Und auch die Süddeutsche folgert:

Womöglich waren die Menschen aber auch schon Tausende Jahre vor Siegfried dem Drachentöter von blauen Augen so fasziniert, dass deren Träger zu attraktiven Sexualpartnern wurden.

So weit, so doof. Die logischte Erklärung kommt aber aus einem zehn Jahre alten Zeit-Artikel, in dem die Frage beantwortet wird, ob eigentlich alle Babys bei der Geburt blaue Augen haben (nein):

Der Zweck der Pigmente besteht lediglich darin, Licht zu absorbieren und so das Auge zu schützen. Deshalb haben auch Menschen in südlichen Ländern meist dunklere Augen als ihre nördlichen Artgenossen.

Wie kompliziert das mit der Vererbung blauer Augen ist, lässt sich ganz einfach am EyeCalculator sehen. So gesehen müssten sich die Menschen in Finnland (90 Prozent Blauäugige) ganz schön angestrengt, um letztlich eine solch hohe Dichte an blauen Augen zu erreichen. Glauben wir also der Theorie der natürlichen Selektion. Und hoffen, dass sich solch interessante Berichte auch vermarkten lassen, ohne eine hübsche blauäugige Frau zu zeigen.

Foto: reportergimmi

A small world

Erde

Die Welt ein Dorf, Teil zweimillionenirgendwas, aber dennoch immer wieder erstaunlich. Also, ich lese im wunderbaren Design-Blog Monoscape über Andrej Glusgold. ich klicke drauf und lande beim französischen Fotografie/Kunst-Blog la main gauche. Dort wiederum finde ich dieses tolle Bild, düster, strange, wunderbar.

Die Künstlerin heißt Anke Merzbach und – tadaa! – wohnt in meiner Stadt. Unglaublich, oder? Und jetzt: schaut Euch ihre Seite an.

Foto: NASA

Großartig!

Wenn ich 200 Menschen parat hätte, ich weiß nicht, ob ich auf eine ähnlich einfache wie geniale Idee gekommen wäre (okayokay, wäre ich nicht, ich geb’s ja zu!). Now watch this:

Und die hier haben’s gemacht: Improv everywhere (dort sieht man noch tolle Details, zum Beispiel einen fünf Minuten langen Kuss, Fotos gibt’s außerdem auch bei flickr)

gefunden bei Greatwhiteark.

Wir Bürger

Buergerkrieg - feel the fire

In letzter Zeit wird von einem Begriff in der politischen Berichterstattung inflationärer Gebrauch gemacht. Der Bürgerlichkeit. Da reden CDU und FDP gebetsmühlenartig davon, eine bürgerliche Mehrheit bekommen zu wollen. Da schreiben Journalisten, gerade etwa für die Zeit im Themenschwerpunkt Immer linker, vom bürgerlichen Lager und nun entdeckt auch der hessische Vorzeige-Biedermann und FDP-Vorsitzende Jörg-Uwe Hahn den Begriff wieder, in dem er fordert, die Grünen dürften sich der Bildung eines bürgerlichen Bündnisses mit Liberalen und Christdemokraten nicht verschließen.

Der Begriff des Bürgertums war in der Geschichte vielen Wandlungen unterworfen. Bürgerrechte als Mittel der Integration erfanden die Römer vor fast genau 1800 Jahren. Fortan war jeder Bürger, der sich im römischen Reich aufhielt, was außerdem den Vorteil hatte, dass das Reservoir für die Legionärsrekrutierung auf einen Schlag sprunghaft anstieg.

Gegen Ende der Feudalzeit begriffen sich die Stände der Handwerker als Bürger und etablierten sich als neue Klasse neben Adel und Klerus.

Karl Marx schließlich ordnete die Bürger als Gegenpart zum Proletariat als kapitalistische Grundklasse ein. Fortan wurde das Antibürgerliche auch Ausdruck des Kommunismus. In der Weimarer Republik griffen aber auch die Rechtspopulisten auf das Vokabular zurück: das Bourgeoise wurde in ihren Kreisen ebenso zum Feind erklärt wie unter den Sozialisten.

Soweit die verkürzte Begriffsgeschichte. Heute steht der Bürger neutral da. Jeder ist Bürger. Und auch jene Berufspolitiker, die behaupten, mehr Bürgernähe wagen zu wollen sind nichts anderes als – Bürger. Auch Arbeitslose und Unternehmer, Fließbandarbeiter und Investmentbanker: Bürger.

Vielleicht ärgert mich der Begriff des “bürgerlichen Lagers” deswegen so sehr. Was soll er noch bedeuten? Wenn auf der einen Seite die Bürger und auf der anderen Seite die Linken stehen, dann bedeutet das nichts anderes als die veraltete Trennung von Antibürgerlich und Bourgeoisie wieder aufleben zu lassen. Zugleich ersparen sich die “bürgerlichen” Parteien damit den Vorwurf rechts zu sein. Man will eben nicht mehr rechts stehen, sondern bestenfalls in der Mitte. Da hört sich bürgerlich doch gleich viel besser an.

Wenn CDU und FDP aber so auf dem Begriff pochen (und die Medien ihn ungefragt übernehmen), dann sollten sie seine veraltete Definition auch auf sich selbst anwenden. Die Christdemokratische Union Deutschlands hat einen rechtspopulistischen Wahlkampf geführt. Und sich damit ins Lager der Antibürgerlichen begeben. Eine bürgerliche Regierung, die könnten unter diesen Voraussetzungen nur SPD, Grüne und Linke bilden. Aber am Besten wär’s man würde bei eingeführten Begrifflichkeiten bleiben. Die Partei “Die Linke” hat das mit ihrem Namen ganz vorzüglich gelöst. Jetzt sollte sich die CDU auch konsequenterweise “Die Rechte” nennen. Da weiß man schließlich, was man hat. (Alternativ schlage ich hier noch die Namen “Die Mitte” für die SPD, “Die Liberalen” für die FDP und “Die Besserverdienenden” für die Grünen vor).

Foto: Wbs 70

Ich bin ja kein FDP-Freund, aber …

… dass der Bundestagsabgeordnete Hans-Joachim Otto einen Blog betreibt und in diesem auch noch so differenzierte Beiträge schreibt wie diesen über die Frankfurter Firma Crytek, versöhnt mich zutiefst mit den Liberalen. In diesem Zusammenhang darf ich auch auf das Interview mit dem Crytek-Firmengründer Avni Yerli hinweisen, das im Pflasterstrand veröffentlicht ist.

gefunden bei gamearea.frm

Another job well done!

Nachdem eben mein Text im Datennirwana verschwunden ist, bleibt mir nichts anderes als Patrick Star das Wort zu überlassen.

To-Dolist: Nothing

Gute Nacht!

Erinnerungen an einen Tumult

Love

Ich lese gerade im Buch “1968 – eine Enzyklopädie” (erschienen bei edition suhrkamp) – keine schlechte Lektüre, viele Texte, Sartre, Cohn-Bendit, aber auch der hessische Landbote und Walter Benjamin und Rosa Luxemburg und die Thesen über Feuerbach. Und eben auch Hans Magnus Enzensberger dessen Erinnerungen an einen Tumult folgendermaße beginnen:

Das Gedächtnis, ein Sieb. 1968, eine Jahreszahl, in der sich das Imaginäre eingenistet hat. Ein Gewimmel von Reminiszenzen, Allegorien, Selbsttäuschungen, Verallgemeinerungen und Projektionen hat sich an die Stelle dessen gesetzt, was in diesem atemlosen Jahr passiert ist. Die Erfahrungen liegen begraben unter dem Misthaufen der Medien, des “Archivmaterials”, der Podiumsdiskussionen, der veteranenhaften Stilisierung einer Wirklichkeit, die unter der Hand unvorstellbar geworden ist.

In diesem Sinn: freuen wir uns auf all die Veröffentlichungen, Podiumsdiskussionen und Stilisierungen, die uns im Jahr 40 nach der “Revolution” noch erwarten.

Foto: jylcat

Dan Rather

Dan Rather
Foto: scriptingnews

Diese Woche Spiegel kaufen, lohnt sich. Da ist zum Beispiel ein schönes, manchmal vielleicht ein bisschen zu wohlwollendes Porträt der US-Reporterlegende Dan Rather drin, in dem der Kampf beschrieben wird, den der Journalist derzeit mit seinem einstigen Arbeitgeber CBS News ausfechtet. Aber auch wunderbare Zitate von Rather wie dieses:

Die Distanz zwischen denen, die die Konglomerate führen, und den Journalisten wird größer und größer und damit verschwindet selbst in den Medien das Verständnis dafür, dass Nachrichten ein öffentliches Gut sind. Die Frage ist, ob man die Öffentlichkeit dafür interessieren kann und ob sie noch wach ist, zu bemerken, was sich da verändert.”

Aus: Die letzte Meldung, Spiegel 5/2008
Mehr zu Dan Rather bei Wikipedia.