Eröffnungsrede im Kunstverein Familie Montez
16 Sep 2011
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde, Genossinnen und Genossen, Tagediebe und Taugenichtse, Models und Malerinnen, Kunstverständige und Kunstsammler, prekär Beschäftigte und Mäzene, verehrte Salonlöwen und Trophäenfrauen, Schauspielerinnen und Lebenskünstler, Spieler und Mauerblümchen, Banker und Immobilienhaie, Abhänger und Kulturetat-Gläubige kurz gesagt: hallo Frankfurt!
Und das soll Kunst sein? Bevor ich zur Beantwortung dieser Frage komme…
Ich freue mich sehr, heute hier stehen zu dürfen. Freue mich darüber, dass es Mirek und seine Familie mal wieder geschafft haben.
Das Wort Familie sagt schon viel aus. Die CDU spricht gerne von der Keimzelle der Gesellschaft. Eingeweihte wissen, dass man Familienmitglieder einspannen kann, und als Gegenleistung Luft und Liebe verspricht.
Daraus muss man in einer Stadt wie Frankfurt einen Trend machen. Warum dem Museum der Weltkulturen oder Michael Quast neue Gebäude hinterherwerfen? Warum das Schauspiel mit über 100 Millionen Euro fördern? Das Lola Montez zeigt, wie es geht: ein abgerissenes Fabrikgelände, kaum Miete, keine Heizung – und schon wähnt man sich so cool wie in Berlin, das Feuilleton schreibt begeistert von Frankfurts wahrer und einziger Off-Location. Off ist in. Und der Kulturdezernent sollte nicht eher ruhen, bis Max Hollein in einem unbeheizten Städel die Nächte frierend unter seinem Schreibtisch verbringen muss. Das ist dann – und damit komme ich zur Beantwortung der Frage – natürlich Kunst. Schlafen Sie mal jahrelang ohne Heizung in einer Industriehalle!
Rein inhaltlich gesprochen: Nein, das hier ist keine Kunst, es war nie welche, wird nie welche sein. Das Ordnungsamt hat in einem Brief die Frage, ob hier Kunst sei, ganz eindeutig beantwortet. Ich darf zitieren: Der Kunstverein nutzt diese Räume “zur Lagerung von Obst und Gemüse”. In diesem Sinne: einen genussreichen Abend und guten Appetit!
8.9.2011, “Und das soll Kunst sein?” im Kunstverein Familie Montez, Breite Gasse, Frankfurt





Dies ist eigentlich eine Reportage, eine sehr lange, gebunden und herausgegeben von Suhrkamp und vielleicht war es ja dieses Büchlein von Tobias Rapp, dass die Verlagsleitung zuversichtlicher machte, den Umzug nach Berlin anzugehen. Es passiert dort ja so unheimlich viel. Lost and Sound ist eine Hommage an Berlin, an die Clubszene, an die elektronische Musik. Der Autor nimmt sich Zeit. Er beobachtet. Hört zu. Schreibt auf. Es geht ums Berghain und die dortige Panoramabar, um das Watergate, es geht um die Generation Easyjet, die zu porträtieren schon lange fällig war, vor allem, weil sie ein Phänomen des vergangenen Jahrzehnts war, wenn die Billigflieger endlich am steigenden Ölpreis scheitern (was, so man den Medienberichten aus dem vergangenen Jahr glauben mag, schon längst hätte passieren müssen).
Emma und Dexter. Dex und Em. Eine Liebesgeschichte in Schlaglichtern geschildert, Immer nur ein Tag, der 15. Juli, 20 Jahre lang. Zwei Menschen, die ein Kuss an einer englischen Straße bindet, die sich anziehen, die eigentlich nicht ohne einander können, aber das Leben besteht nun einmal aus verpassten Chancen. Emma arbeitet in einem schmierigen Texmex-Lokal, träumt vom Schriftstellertum. Dexter reist erstmal um die Welt, nach Indien und überhaupt, es sind die 80er, er lernt eine Producerin kennen, stolpert ins Fernsehen, verliert die Bodenhaftung, seinen Witz, die Selbstironie.



Der erste Gedanke müsste sein: bitte nicht noch so ein Buch über Holocaust-Überlebende. Ich weiß, schon klar: es ist politisch unkorrekt so zu denken, aber es ist nun mal so. Mich regen auch die ständigen Dokumentationen auf Phoenix auf: immer nur Hitler, Zweiter Weltkrieg, Auschwitz. 

Gut, man könnte 