Feuilleton

Eröffnungsrede im Kunstverein Familie Montez

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde, Genossinnen und Genossen, Tagediebe und Taugenichtse, Models und Malerinnen, Kunstverständige und Kunstsammler, prekär Beschäftigte und Mäzene, verehrte Salonlöwen und Trophäenfrauen, Schauspielerinnen und Lebenskünstler, Spieler und Mauerblümchen, Banker und Immobilienhaie, Abhänger und Kulturetat-Gläubige kurz gesagt: hallo Frankfurt!
Und das soll Kunst sein? Bevor ich zur Beantwortung dieser Frage komme…
Ich freue mich sehr, heute hier stehen zu dürfen. Freue mich darüber, dass es Mirek und seine Familie mal wieder geschafft haben.

Das Wort Familie sagt schon viel aus. Die CDU spricht gerne von der Keimzelle der Gesellschaft. Eingeweihte wissen, dass man Familienmitglieder einspannen kann, und als Gegenleistung Luft und Liebe verspricht.

Daraus muss man in einer Stadt wie Frankfurt einen Trend machen. Warum dem Museum der Weltkulturen oder Michael Quast neue Gebäude hinterherwerfen? Warum das Schauspiel mit über 100 Millionen Euro fördern? Das Lola Montez zeigt, wie es geht: ein abgerissenes Fabrikgelände, kaum Miete, keine Heizung – und schon wähnt man sich so cool wie in Berlin, das Feuilleton schreibt begeistert von Frankfurts wahrer und einziger Off-Location. Off ist in. Und der Kulturdezernent sollte nicht eher ruhen, bis Max Hollein in einem unbeheizten Städel die Nächte frierend unter seinem Schreibtisch verbringen muss. Das ist dann – und damit komme ich zur Beantwortung der Frage – natürlich Kunst. Schlafen Sie mal jahrelang ohne Heizung in einer Industriehalle!
Rein inhaltlich gesprochen: Nein, das hier ist keine Kunst, es war nie welche, wird nie welche sein. Das Ordnungsamt hat in einem Brief die Frage, ob hier Kunst sei, ganz eindeutig beantwortet. Ich darf zitieren: Der Kunstverein nutzt diese Räume “zur Lagerung von Obst und Gemüse”. In diesem Sinne: einen genussreichen Abend und guten Appetit!

8.9.2011, “Und das soll Kunst sein?” im Kunstverein Familie Montez, Breite Gasse, Frankfurt

Aufregung, die keine ist

Die Zeit veröffentlicht ein Interview, in der “unsere” Nationaltorhüterin sagt, sie mag Männer und Frauen. Soweit so unspektakulär. Nachrichtenagenturen greifen das Thema auf, und schreiben genau das. Die Bild-Zeitung fragt mal nach und erfährt von Sabine Angerer: “Ich sehe darin überhaupt kein Problem, mich zu Frauen und Männern zu bekennen.” Die Zeitung ergänzt: “Während bei den Männern die Homosexualität im Fußball noch immer ein Tabuthema ist, gehen die Frauen damit wesentlich offener um.” Mit anderen Worten: es ist alles ziemlich relaxed, und die Berichterstattung durchweg positiv.
Und dann kommt die taz und wittert “große Aufregung”. Sie behauptet:

Jetzt zerreißen die Medien sie, und im Netz wird die deutsche WM-Torhüterin als Heldin gefeiert wegen ihres Mutes, und sie wird infrage gestellt: Na, was soll das denn für ein Frauenfußball sein? Jedenfalls ist es ein großes Thema. Dabei dachte man doch, es ist heute längst komplett egal, ob jemand homo, hetero, bi, transgender oder sonst was ist.

Das Blabla endet nicht damit, sondern steigert sich zur Feststellung:

Offensichtlich ist es 2010 immer noch fragwürdig, nicht eindeutig hetero zu sein, solange man Fußball spielt. Anders als in anderen Sportarten.

Hat zwar auch niemand der aufschreienden Medien behauptet, aber so macht man heute eben Boulevard von links. Bravo!

Lost and Sound

lost-and-soundDies ist eigentlich eine Reportage, eine sehr lange, gebunden und herausgegeben von Suhrkamp und vielleicht war es ja dieses Büchlein von Tobias Rapp, dass die Verlagsleitung zuversichtlicher machte, den Umzug nach Berlin anzugehen. Es passiert dort ja so unheimlich viel. Lost and Sound ist eine Hommage an Berlin, an die Clubszene, an die elektronische Musik. Der Autor nimmt sich Zeit. Er beobachtet. Hört zu. Schreibt auf. Es geht ums Berghain und die dortige Panoramabar, um das Watergate, es geht um die Generation Easyjet, die zu porträtieren schon lange fällig war, vor allem, weil sie ein Phänomen des vergangenen Jahrzehnts war, wenn die Billigflieger endlich am steigenden Ölpreis scheitern (was, so man den Medienberichten aus dem vergangenen Jahr glauben mag, schon längst hätte passieren müssen).

Ein Zeitdokument also, dieses Buch. Es beginnt so: “Ein neues Berlin entsteht, und keiner kriegt es mit. Fast keiner natürlich, irgendjemand muss es ja bauen”, heißt es im Vorwort, von dem man sich fragt, ob es das braucht. Muss man alles erklären? Warum nun dieses Buch und überhaupt? Es ist ja schon gekauft für 8,50 Euro, gedruckt und verlegt ohnehin. Dann lieber doch gleich weiter zum echten Anfang, zum Wochenbeginn am Mittwoch:

Es ist kurz nach Mitternacht, und falls die Stadt schon schlafen sollte, macht sie das woanders. Auf der Stahltrasse, die zur Oberbaumbrücke führt, rumpelt die letzte U-Bahn in Richtung Friedrichshain. Wir sind am Schlesischen Tor in Berlin-Kreuzberg. Lange ist es noch nicht her, da sagten sich hier Fuchs und Hase gute Nacht (…) Auch noch Ende der Neunziger, als das Clubleben in Mitte spielte und Techno over war. Kleinere Gruppen von Menschen schieben sich durch die Falckenstraße in Richtung Spreeufer. Zwei Engländer fragen nach dem Weg, sie kommen etwas ratlos aus einer Hofeinfahrt. Das Watergate? DIe Tür da vorne, die Treppe hoch. Es ist Mittwoch, das Wochenende ist noch zwei Arbeitstage weg, das Kribbeln ist schon da.

So schreibt Tobias Rapp und dieser Stil hat etwas sehr schönes, nämlich eine Haltung. Und keine Position de Beobachtenden, sondern die des Begleiters durch eine, zwei, viele Berliner Nächte. Richtig interessant wird’s, wenn der Fokus auf dem Easyjetset liegt, wenn klar wird, dass die Subkultur nicht nur lokale Verwurzelung hat, sondern durch das Internet Menschen in aller Welt Klarheit über das Gefühl bestimmter Orte bekommen. Die Clubszene verknüpft sich, vernetzt sich, schlägt Wellen wie ein Tsunami, nämlich welche, die man auf dem offenen Meer kaum wahrnimmt und dann stehen plötzlich hunderte Menschen aus aller Herren Länder vorm Berghain oder dem Watergate.

Das kommt so auch in Städten wie Frankfurt vor, aber es ist weniger geworden mit den Jahren, selbst wenn der Techno hier seinen Ursprung haben mag (und Ricardo Villalobos gewissermaßen ein Darmstädter Bub ist). Die wahren Metropolen bleiben sinnstiftend und, so könnte man annehmen, sie bleiben es auch, wenn der Jetset-Hype vorbei ist. Vielleicht wird die Sehnsucht nach Orten sogar größer, wenn es nicht mehr so leicht ist, fast geistesabwesend zu ihnen zu gelangen. Diese ganze Geschichte und die ganzen Geschichten, die dazugehören, also Gespräche mit Clubmachern und DJs, mit Gästen und Zugereisten und Türstehern und den Leuten auf der Feier nach der Feier, hat Rapp aufgeschrieben. Zum Schluss steht noch ein Gespräch mit einer 39-jährigen Raverin und ihrer 17-jährigen Spießertochter, ein bisschen dies und das und 20 Plattenkritiken, von denen man jetzt auch nicht so genau weiß, warum sie da nun nochmal stehen müssen, vielleicht damit nochmal fast 60 Seiten geschunden werden können, oder man glaubt nun wirklich noch nicht alles erzählt zu haben. Aber es ist eigentlich unnötig. Das Buch endet also auf Seite 206 mit den Sätzen:

Der Montag ist also gewissermaßen monothemaatisch, es gibt wenig zu berichten. Wer am Montagvormittag in ein Ketaminloch fällt, wer im Hinterzimmer irgendeines Ladens vor einem zugeschneiten Glastisch sitzt und sich mit geschlossenen Augen von einer ihm unbekannten Frau die Haare schneiden lässt, wer redet und redet und redet und redet, Leuten, von denen er nur den Vornamen kennt, weil er sie gerade erst kennengelernt hat, die intimsten Dinge erzählt, wer ziemlich wahllos alles in sich hineinwirft, was eben noch an Drogen da ist, der hat tatsächlich keine andere Agenda mehr. Das ist der Montag. Am Dienstag ist dann endgültig niemand mehr unterwegs.

Und dann ist auch schon wieder Mittwoch.

Zwei an einem Tag

zwei_an_einem_tagEmma und Dexter. Dex und Em. Eine Liebesgeschichte in Schlaglichtern geschildert, Immer nur ein Tag, der 15. Juli, 20 Jahre lang. Zwei Menschen, die ein Kuss an einer englischen Straße bindet, die sich anziehen, die eigentlich nicht ohne einander können, aber das Leben besteht nun einmal aus verpassten Chancen. Emma arbeitet in einem schmierigen Texmex-Lokal, träumt vom Schriftstellertum. Dexter reist erstmal um die Welt, nach Indien und überhaupt, es sind die 80er, er lernt eine Producerin kennen, stolpert ins Fernsehen, verliert die Bodenhaftung, seinen Witz, die Selbstironie.

Em und Dex. Wenn sie zusammen sind, dann sprühen die Dialoge vor Humor und Zuneigung. Und wenn sie nicht zusammen sind, dann schreiben Sie sich die schönsten Dinge, so richtig auf Papier und in Luftpostbriefen, die dann tagelang, manchmal mit Kussmund, unterwegs sind; es ist kurz gesagt einfach unfassbar, warum die beiden nicht zusammen sind.

Gelegenheiten, die vorbeiziehen. Da schreibt Dexter einen Liebesbrief, keinen schleimigen, keinen fordernden, sondern einen Liebesbrief, der zögert, weil er nicht zu weit gehen will, aber immerhin soweit geht, zu sagen: brich Deine Zelte im Ekelrestaurant ab, komm nach Indien, ins Land der Darmbeschwerden.

Ich suche mir einen Briefkasten und schicke den Brief ab, bevor ich es mir anders überlege. Nicht, weil ich es für eine schlechte Idee halte, wenn Du herkommst – es ist eine tolle Idee, und du musst kommen – sondern, weil ich vielleicht zuviel geagt habe. Tut mir leid, wenn dich das hier auf die Palme bringt. Die Hauptsache ist, dass du weißt, dass ich oft an dich denke, das ist alles. Dex und Em, Em und Dex. Nenn mich sentimental, aber es gibt niemanden, den ich lieber mit Dünnpfiff sehen würde als dich.

Dex und Em. So gehen die Jahre ins Land. Erwachsenwerden, erste Jobs, ernste Liebeleien. Dex nimmt Drogen, hat viele Frauen. Sie verkrachen sich. Die Mutter, sie stirbt viel zu früh, er ist noch nicht mal dreißig und natürlich wird er nur schwer damit fertig, vor allem, weil er zuviel damit zu tun hat, nicht nüchtern zu bleiben und Zigarettengirls mit Strapsen in Nobelclubs anzumachen. Und natürlich geht auch das vorbei und dann finden sie sich wieder. Emma und Dexter. James Salter wird zitiert:

Manchmal ist man sich der großen Augenblicke in seinem Leben bewusst, wenn sie passieren, manchmal steigen sie aus der Vergangenheit auf. Vielleicht verhält es sich mit Menschen genauso.

Hochzeiten, natürlich treffen sie sich mit Anfang dreißig auf Hochzeiten wieder. Und er heiratet auch. Natürlich nicht Emma. Sondern eine kühle Blonde, kann ja nicht gutgehen, aber ein Kind, das gibt es noch, bevor sie mit seinem Freund abhaut, der ihm auch noch einen Job gegeben hat, weil er seine Fernsehkarriere am Arsch ist. Und Em, die ist Lehrerin geworden und vögelt mit dem anderweitig verheirateten Direktor nach Schulschluss und fragt sich dabei, wie wohl sein Gesicht aussieht, das hinter einem Vollbart versteckt ist. Sie wird es nicht erfahren. Scheidung. Drama. Und dann, soviel darf man vorwegnehmen, weil das ganze Buch auf diesen Augenblick hinarbeitet, klappt es doch noch endlich mit Em und Dex, mit Dex und Em. Mit Dex, den es aus dem Fernsehen gespült hat. Und Em, die an der Schule gekündigt hat und nun tatsächlich Erfolg als (Kinderbuch-)Autorin hat. Glück. Wer es dabei belassen möchte (vor allem, achtung, es ist die Zeit der Herbstdepression), der sollte das Buch nach dem dritten Teil einfach mit einem Lächeln zur Seite legen. Er endet so:

Sie lächelten sich an. Dann, als wäre es ihr gerade erst eingefallen, war sie mit drei schnellen Schritten bei ihm, nahm sein Gesicht, küsste ihn, und er legte ihr die Hände auf den Rücken, entdeckte, dass der Reißverschluss noch offen stand, die nackte Haut noch kühl und feucht war vom Duschen. Sie küssten sich eine ganze Weile. Dann, sie hielt immer noch sein Gesicht, sah sie ihn eindringlich an. “Wenn du mich verarschst, Dexter.” “Mach ich nicht …” “Das ist mein Ernst, wenn du mir was vormachst, mich im Stich lässt oder hintergehst, dann schwöre ich bei Gott, ich reiß dir das Herz raus.” “Das mache ich nicht, Em.” “Wirklich nicht?” “Wirklich nicht, ich schwöre” Sie runzelte die Stirn, schüttelte den Kopf, schlang wieder die Arme um ihn, schmiegte das Gesicht an seine Schulter und gab ein Geräusch von sich, das fast wütend klang. “Was ist los?”, wollte er wissen. “Nichts. Ach nichts. Nur …” Sie sah zu ihm auf. “Ich dachte, ich wär dich endlich los.” “Ich glaube, das kannst du gar nicht”, sagte er.

Und “Schluss!” würde man denken, ein schönes Buch, ein sehr lustiges und manchmal tieftrauriges, echtes Buch, nah am Leben und romantisch, aber nicht zu sehr, als dass es nerven würde und mit einem Augenzwinkern geschrieben. Doch es ist nicht Schluss. Es geht weiter, nicht unbedingt schlecht geschrieben oder den Faden verlierend, nein, das ist es nicht. Doch, man muss das hier mal sagen, warum, lieber Mister Nicholls, warum darf ein Buch nicht einfach mal gut enden. Weil Hollywood alle guten Enden schon geschrieben hat? Weil man kein RICHTIGER Schriftsteller mehr ist, wenn irgendwann nicht doch noch die Abzweigung Richtung Tragik findet? Das hört sich jetzt alles sehr böse an, aber so ist es gar nicht gemeint.

Diese Anklage spricht ja für das Buch (die ersten drei Kapitel): selten ersehnt man sich ein glückliches Ende so sehr wie hier. Verdammt, Nick Hornby lobt dieses auf dem Schutzumschlag und welches Nick-Hornby-Buch endet denn bitteschön in Tränen? Der Vergleich ist übrigens auch aus anderen Gründen nicht falsch, denn in Sachen Zynismus, Ironie und ernsten, wahrhaftigen Feststellungen wie auch den keinesfalls unangebrachten Querverweisen zur Popkultur ähneln sich die beiden schon sehr. Vielleicht hilft es, einfach wieder an den Anfang des Romans zurückzukehren, dort wird nämlich Charles Dickens zitiert, Große Erwartungen:

Dies war für mich ein denkwürdiger Tag, da er gewaltige Veränderungen in mir bewirkte. Doch das gibt es in jedem Leben. Man stelle sich vor, ein ganz bestimmter Tag würde daraus gelöscht, und überlege dann, wie anders dieses Leben verlaufen wäre. Du, der du dies liest, halt ein und denke für einen Augenblick an die lange Kette aus Eisen oder Gold, aus Dornen oder Blumen, die dich niemals gefesselt hätte, wäre nicht an einem denkwürdigen Tage ihr erstes Glied geschmiedet worden.

Könnte einen versöhnen. Theoretisch.

So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein

schlingensief-cover

Manche Bücher machen es einem schwer, sie in einem Zug durchzulesen. Nicht, weil sie schwerfällig wären oder unhandlich, nicht, weil sie zu komplex oder gar langweilig wären. Sondern einfach nur, weil sie so traurig sind, dass man sie weglegen möchte und zugleich so voller Hoffnung und Humor, dass man genau dies nicht tut. Es ist nun bereits einige Wochen her, dass ich Christoph Schlingensiefs Tagebuch einer Krebserkrankung zu Ende gelesen habe, in nur wenigen Tagen, weil der Redaktionsschluss nahte und man noch eine Rezension haben wollte. Dabei, so wusste ich hinterher, genießt man dieses Buch am Besten in homöopathischen Dosen. Und ausführliche Kritiken schreibt man am Besten, wenn das alles schon etwas hinter einem liegt, denn sonst wird es wahrscheinlich zu persönlich und andere mit seinem Privatleben zu langweilen, ist ja irgendwie zu Mainstream geworden.

Natürlich auch Schlingensiefs Buch ist so privat, dass man manchmal glaubt, es gehe gar nicht mehr. Doch dies geschieht aus einem gewissen Grund. “Dieses Buch ist das Dokument einer Erkrankung, keine Kampfschrift. Zumindest keine Kampfschrift gegen eine Krankheit namens Krebs. Aber vielleicht eine für die Autonomie des Kranken und gegen die Sprachlosigkeit des Sterbens.” So heißt es gleich im ersten Absatz. Der Sprachlosigkeit setzt Christoph Schlingensief einen kaum enden wollenden Redefluss entgegen, kleine und große Gedanken, Tagewerk und Gespräche, kondensiert zu einem Monolog, aufgezeichnet am Diktiergerät und deswegen in einer ungeschliffenen Sprache, aber so hat der Theatermacher, dieser große, ja auch gesprochen und gelebt und gearbeitet. Was heißt hat? Er lebt ja noch, er arbeitet ja noch, hat sich durch die Talkshows und Interviews gekämpft, was bestimmt nicht leicht war, denn man weiß ja, wie das so ist: da wird gefragt und gebohrt und mitleidige Blicke, die muss man gewiss auch ertragen.

Wie die Medien funktionieren, dass weiß Schlingensief ja schon ganz gut. Denn bestimmt nicht nur auf ihn ganz subjektiv gemünzt hat er dieses Walter-Benjamin-Zitat an den Anfang gestellt: “Es gibt für die Menschen, wie sie heute sind, nur eine radikale Neuigkeit – und das ist immer die gleiche: der Tod.”

Und weil das so ist, spielt die Religion eine nicht geringe Rolle. Es sind die alten Fragen, doch Christoph Schlingensief stellt sie neu. Dieser ganze Leidenszyklus, den das Christentum seit 2000 Jahren in unsere Herzen pflanzt. Das Gottvertrauen, das manchmal verschwindet, als hätte man den Boden weggezogen. Unglaubliche Heilsversprechen für die Zeit nachdem der Vorhang gefallen ist.

Ich bin zutiefst verletzt in meinem Gottvertrauen, in meiner Liebe zum Leben, zur Natur – ich will mich nur noch betrunken unter den Sternenhimmel von Afrika setzen und mich auflösen. Warum nicht? Aber dann kommt das christliche Geschwätz, seinen Mann nicht gestanden, sich der Sache entzogen, dem Problem entzogen, wir haben doch alles getan, Intensivmedizin stand zur Verfügung, und er hat sich einfach hängen lassen. Da kann ich nur sagen, bei Jesus gab es auch keine Intensivmedizin, der hat sich auch hängenlassen.

Doch Schlingensief begibt sich in die Hände der Intensivmedizin, in die Welt der Götter in Weiß, manche von ihnen ganz schön abgeklärt, andere so richtig nett und so wie man sich das wünscht, wenn der Tod schon mal anklopft. Untersuchungen, Lungenflügel raus, Chemotherapie, Bestrahlung, die Medizin gibt den Takt vor. Es ist, heißt es einmal, “alles eine Scheiße! Ist das alles eine Scheiße!”

Es gibt soviele lustige Momente in diesem Buch. Zum Beispiel wie sich Schlingensief die Johanna-Inszenierung mit seinem eigenen Schicksal verknüpft erträumt. Oder wie diese verrückte Frau vor die Tür seines Krankenhauszimmers scheißt und die Pflegerin nur ruft “Ach du Scheiße, Kacke!” und Schlingensief sich wegschmeißt und dann wird es gleich wieder traurig, weil er an seinen Vater denkt, der ihm vielleicht dieses Ereignis geschickt hat, damit er mal wieder richtig durchlachen kann, der Vater, der ein Jahr zuvor starb, dem er nachts über die Friedhofsmauer zubrüllt, was ihm einfalle, was los sei, was er sich dabei denke und bei dem er sich am Tag danach entschuldigt, sich mit ihm versöhnt und ihm verspricht, in Afrika eine Kirche, eine Schule, ein Krankenhaus, ein Theater, ein Opernhaus zu bauen. “Es war ein total schöner Moment. Und dann – das hört sich jetzt spinnert an -, aber in dem Moment, als ich das gesagt hatte, wurde der Himmel so rot wie der Brokatstoff in den Bildern, die ich vor ein paar Tagen bei diesen Halluzinationen gesehen hatte.”

Der Tod ist allgegenwärtig in diesem Buch und vielleicht ist es deswegen nur etwas für homöopathische Dosen, weil wir ihn in unserer Gesellschaft nicht mehr an uns heranlassen, sondern ihn aussperren, ihn wegdenken, wann kommt denn das Gespräch schon mal darauf und dann sind überall noch diese seltsamen Atheisten, die uns sagen, das alles sei völlig sinnlos, was wir hier auf der Erde veranstalten. Jetzt höre ich mich schon an wie Schlingensief. Deswegen soll er das letzte Wort behalten:

Das Schlimmste ist, glaube ich, dass alles Fiktive, alles für die Zukunft Erträumte ausgeträumt ist. Im Moment ist alles endlos real und damit komme ich nicht klar. Sich etwas auszudenken, sich etwas auszumalen, von mir aus auch Illusionen zu haben – das ist alles ein großer Glücksrausch, auch wenn ich ihn nicht immer als Glück wahrnehmen konnte. Und jetzt ist man 47 und soll denken: Sei froh, dass du lebst, und genieß jeden Tag als sei er dein letzter.

Bad Banks

badbank

Nun bekommen wir sie also auch in Deutschland, die Bad Banks. Ich will ja nicht als Sprachfaschist glänzen, aber: müssen wir das so nennen? Drei Anmerkungen.
Erstens sollte man ja vermuten, dass eine böse, schlechte Bank einen guten Widerpart hat. Hat sie aber nicht, denn die schlechte und die gute Bank gehören zu einem Konzern. So bleibt die Verschiebung von “toxischen” Wertpapieren von einem Keller in den anderen vor allem buchhalterische Alchemie.
Zweitens: Bad. Noch nie hat man im Deutschen dieses Wort mit “schlecht” assoziert. Eher mit Duschen und Wannen oder auch Fangopackungen und Kurschatten.
Drittens bleibt die Frage, wer eigentlich die schlechten Banken verwaltet? Die guten Banker. Und wer überhaupt mit einer Bad Bank Geschäfte machen will? Oder einer guten Bank, der eine schlechte Bank gehört. Das Ganze ist einfach nur eine bad idea.

Audrey Hepburn

ah

“You’ve got to learn to like yourself a little more”, soll Cary Grant zu seiner Kollegin auf dem Set von Charade gesagt haben. Grant war da ein fast 60-jähriger Mann, der sein Hemd in einer Szene im Bad anbehalten sollte, weil man seinen nicht mehr gerade ebenmäßig geformter Körper dem Publikum vorenthalten wollte. Aber es stimmte ja, was er sagte: in Sachen Selbstbildnis konnte die 27 Jahre jüngere Audrey Hepburn noch einiges von diesem Haudegen lernen. Das Bild, das die Öffentlichkeit von ihr hatte, war hingegen schon längst gefestigt, als Charade 1963 in die Kinos kam. Zehn Jahre zuvor hatte sie bereits für ihre Hauptrolle in William Wylers Roman Holiday einen Oscar bekommen. Der zweite folgte auf dem Fuße für den wunderbaren Streifen Sabrina von Billy Wilder (, in dem sie Piafs La vie en rose singt). Magazine wie Time heben Miss Hepburn aufs Titelblatt, Romanzen mit ihrem Filmpartner Gregory Peck werden ihr nachgesagt (, was sie charmant verneint), kurzum: sie ist ein Star. Und dabei so ganz anders als die anderen Stars. Sie ist schlank und jungenhaft, trägt ihre Haare kurz, ist brünett, nicht blond, die Anti-Marilyn, dabei stilbewusst, eine Mode-Ikone, die bis in die heutige Zeit hineinwirkt und deren Bild unverrückbar mit Breakfast at Tiffany’s verwoben ist; in der Romanvorlage von Truman Capote heißt es an einer (besonders schönen) Stelle:

Sie war immer noch auf der Treppe, erreichte jetzt den Absatz, und die kunterbunten Farben ihrer Jungshaare, goldbraune Strähnen, weißblonde und gelbe Streifen, leuchteten im Licht der Treppenlampe. Es war ein warmer Abend, beinahe Sommer, und sie trug ein enges, schlichtes schwarzes Kleid, schwarze Sandaletten und eine breite Perlenkette, die ihren Hals wie ein Reif umschloss. Bei all ihrer schicken Magerkeit strahlte sie eine Haferflocken-Gesundheit aus, eine Seifen- und Zitronen-Reinlichkeit, und auf ihren Wangen lag eine raue Röte. Sie hatte einen großen Mund und eine Stupsnase. Eine Sonnenbrille verbarg ihre Augen. Es war ein Gesicht, das nicht mehr ganz in der Kindheit zu Hause war und schon einer Frau gehörte.

Es könnte eine Beschreibung von Audrey Hepburn sein, doch diese Rolle verlangte ihr, der Nachdenklichen, eine Menge ab: “I’m an introvert anyway”, sagt sie der New York Times. “Playing the extroverted girl in Breakfast at Tiffany’s was the hardest thing I ever did.” Ironischerweise verlangte Capote selbst nach der Monroe – und ärgerte sich schließlich über die Wahl des Regisseurs ebenso wie über die recht freie Umgangsweise mit der Romanvorlage, die – das würde man heute wahrscheinlich gar nicht anders machen – das offene Ende zu einem glücklichen verbiegt. Doch denkt man zuerst an eben diesen Film. Und wenn man das Buch liest, denkt man an Hepburn. Und wenn man an sie denkt, lächelt man verliebt in sich hinein.

Am 4. Mai wäre sie achtzig Jahre alt geworden. Im Fernsehen kann man sich am 3. Mai um 0.05 Charade in der ARD anschauen. Das ist eine doofe Uhrzeit. Besser also den Weg ins Frankfurter Filmmuseum antreten, dort werden vom 2. Mai an Breakfast at Tiffany’s, Roman Holiday, Sabrina, Love in the Afternoon, The Nun’s Story, Funny Face, My Fair Lady, Wait Until Dark, Always, The Unforgiven, War and Peace und Charade gezeigt. Was will man mehr?

Shanghai Express

schanghai

Josef von Sternburg hat mit Shanghai Express wohl einen der am Besten fotografierten Schwarzweißfilme gedreht. Jede Einstellung, jedes Bild ist eine Komposition für sich. Dies liegt gewiss nicht zuletzt an Marlene Dietrich, fast durchscheinend wie ein Engel gefilmt, man glaubt, ein Hauch könnte sie wie Rauch von der Leinwand hinwegwabern lassen. Sie beherrscht unendlich viele Gesten und Reize in wenige Sekunden zu verpacken, was den zeitgenössischen Kritikern dann doch manchesmal ein wenig zu weit ging.

Der Film jedoch beginnt ganz schlicht. Das Gewusel eines Bahnsteigs vor der Abfahrt, Gepäckstücke, Passagiere, Träger, dann eine Sänfte, aus der die Dirne Hui Fei (Anna May Wong) steigt, die eigentliche Hauptperson, Feis Zimmergenossin, kommt vollkommen unprätentiös im Taxi, ist erst kaum zu sehen und schon wieder weggehuscht, als man eben erst glaube, sie unverschwommen wahrzunehmen. Shanghai Lily (Marlene Dietrich) ist eben nur die ästhetische Verheißung, die im nächsten Moment schon wieder verschwunden ist. So gesehen fasst die Eingangssequenz den Film schon ganz gut zusammen. Der Zug macht sich stampfend auf den Weg von Peking nach Shanghai. Es ist ein bei aller Hektik so ruhiger Anfang, von Sternberg nimmt sich viel Zeit. Als der Zug rollt, nimmt das Unheil ohnehin seinen Lauf. Da trifft Lily ihren einstigen Liebhaber Doc Harvey (Clive Brook) wieder, der einst eifersüchtig von ihr ließ. Da stoppen, wir befinden uns in der Zeit des chinesischen Bürgerkriegs, erst Regierungstruppen, dann Rebellen den Zug. Da wird Hui Fei vom Rebellenführer Cheng vergewaltigt, auch Lily bleibt dies nicht erspart, um ihren Ex vor der Blendung zu retten. Die Befreiung des Zuges gelingt, als Fei ihren Peiniger ersticht.

Als der Zug endlich in Shanghai eintrifft: das Geständnis der Liebe. Und das alles in achtzig Minuten: Stil und Gewalt, Liebe und Glück. Heute bräuchte man dafür 200 Millionen Dollar und drei Stunden mit Luftaufnahmen und großem Bohei. Josef von Sternburg braucht nur Marlene Dietrich, Haltung und eine große Portion Magie.

Eine exklusive Liebe

adorjan_exklusive-liebeDer erste Gedanke müsste sein: bitte nicht noch so ein Buch über Holocaust-Überlebende. Ich weiß, schon klar: es ist politisch unkorrekt so zu denken, aber es ist nun mal so. Mich regen auch die ständigen Dokumentationen auf Phoenix auf: immer nur Hitler, Zweiter Weltkrieg, Auschwitz.

Doch diesmal ist alles anders. Der erste Gedanke kommt gar nicht erst auf. Der erste Gedanke ist: was für ein seltsamer Titel. “Eine exklusive Liebe.” Was soll das heißen, exklusiv? Der zweite Gedanke: Adorján, wie man das wohl richtig ausspricht? Ich entscheide mich für französisches “J” und rollendes “R”. Es macht Spaß, den Namen laut zu sprechen. Doch zurück zum Buch.

Es beginnt mit dem Selbstmord der Großeltern der Autorin. Das ist wirklich der erste Satz. “Am 13. Oktober 1991 brachten meine Großeltern sich um.” Johanna Adorján phantasiert sich den letzten Tag zusammen, vom Aufstehen bis zum endgültigen Schlafengehen. Dazwischen Episoden der Recherche. Gespräche mit Freunden der Großeltern, Weggefährten, Nachbarn. Gedankenspiele, Vergleiche, Anekdoten.

Das Buch endet mit dem Selbstmord der Großeltern. Ein Polizeibericht ist zu lesen. Es ist alles sehr traurig. Und gleichzeitig wunderschön. Die Toten halten sich, zugedeckt im Bett liegend, die Hände. Es klingt kitschig, aber wenn man das Buch gelesen hat, dann versteht man, dass es gar nicht anders geht. Dann versteht man auch den Titel, es ist wahrhaftig eine exklusive Liebe, die die beiden verbindet. Und man glaubt zu ahnen, wieviel Kraft es gekostet haben mag, dieses Buch zu schreiben, und das so manche Träne über das Manuskript vergossen wurde.

Als ich fertig war mit dem Buch, da fing ich an, es noch einmal von vorne zu lesen. Vielleicht, weil das Buch kein Roman ist, sondern eine Lebensgeschichte, die so skurril und zugleich universal wirkt, dass es einen nicht loslässt. Wenn man das Buch wieder von vorne liest, dann werden die Figuren wieder wach, so als ob das Schlafmittel nie gewirkt hätte.

Das hört sich jetzt alles so düster an. Doch das ist es gar nicht. Es gibt auch leichte und lustige Momente. In Erinnerung geblieben ist mir zum Beispiel die alte Erzsi in Budapest mit ihrer überdimensionalen Brille. Oder die halbfrivolen Sprüche des Großvaters (“Meine Frau hat Beine wie eine Gazelle. Schlank und behaart.”). In Erinnerung bleibt auch, wie das Buch in der Straßenbahn nach unten sinkt, weil es ein leises Lächeln aufs Gesicht gezaubert hat, so schön ist es manchmal in seiner einfachen klaren Sprache.

Niemand liebt mich, man kann mich nicht lieben: Das ist meine tiefste Überzeugung, zugleich meine größte Angst, und wenn ich ihr bis ganz hinab folge, führt sie mich zu dem Gefühl, das mir vertraut ist wie kein anderes: Ich bin ganz allein. Es ist, als hätte Erzsi mir einen Schatz geschenkt. Was für eine Neuigkeit – meine Großmutter fühlte wie ich? Am liebsten würde ich auf der Stelle alle Menschen anrufen, die ich kenne, und ihnen allen sagen: Ich bin doch nicht verrückt. Ich bin nur die Enkeltochter meiner Großmutter. Sie hatte es auch. Sie war wie ich. Ich bin wie sie. Hurra. Ich könnte Erzsi umarmen, ich würde sie am liebsten hochheben, diese zierliche kleine Person, und mit ihr durchs Zimmer tanzen. Ich tue es nicht. Zu sehr überwältigt mich diese neue Erkenntnise, zu sehr rührt sie an mein Innerstes. Außerdem würde sie vielleicht gar nicht so gerne hochgehoben werden. Ich bleibe also sitzen und tue so, als ob nicht wäre.

Was bleibt von einem Menschen, wenn er tot ist. Ein paar gesammelte Erinnerungen. Verblassende Fotos in einem Schuhkarton. Behördenpapiere. Im besten Fall: ein Buch wie dieses.

PS: Über die Banderole, die das Buch umschließt, habe ich hier geschrieben.

Frost/Nixon

frostnixon

Ein bisschen Vorwissen ist schon gefragt, naja, zumindest Watergate sollte man schon mal gehört haben. Dann aber kann es losgehen: 122 Minuten amerikanische Politik, die nicht langweilig wird, obwohl es die Originalinterviews wohl waren, aber meine Güte: die tagelang andauernden Gespräche zwischen britischem, nunja: eher Moderator als Reporter und amerikanischem, nunja: eher Verbrecher als Präsidenten, wurden im Fernsehen in viermal 90 MInuten gezeigt, dass da viel heiße Luft dabei sein musste ist irgendwie logisch. Der Film widmet sich nicht nur akribisch den Interviews, sondern auch den Vorbereitungen. Denn Frost hat Probleme mit seinen Unterhaltungsshows in Australien und anderswo. Nixon ist erstaunt über das viele Geld, dass ihm der gewiefte Frost bietet, der dieses aber erst einmal auftreiben muss. Was bei einem dann doch recht extravaganten Lebensstil nicht unbedingt einfach ist, besonders wenn potentielle Finanziers nicht glauben, dass dieser Luftikuss gegen Nixon wirklich was reißen kann. Nixon selbst glaubt es wohl auch nicht, was ihm schließlich in einer wunderbaren Szene zum Verhängnis wird. Gedreht hat Regisseur Ron Howard diesen Film in einer Mischung aus Zeitdokument und Fiktion – und die Tatsache, dass der stoffelige Nixon einem irgendwie dann doch ein wenig sympathisch ist und der Engländer nicht so wirklich und sich das alles im Film schließlich dreht und dabei so geschickt, dass man es glaubt, das ist die wirkliche Leistung eines Films, über dessen Ausgang und Thema man schon das meiste weiß. Dass die Schauspieler bis in die Nebenrollen hinein fantastisch sind: nur ein Grund mehr, den Film nicht zu verpassen.

Gutmenschen

kirche

Es ist ja wahrscheinlich zwecklos, sich aufzuregen, aber die Verwendung des Wortes “Gutmenschen” oder, schlimmer noch, “Gutmenschentum” lässt mich jedesmal leise zusammenzucken. Denn etwas Gutes ist damit stets nicht gemeint. Nein, der Gutmensch ist in den Augen des ihn so Bezeichnenden ein schlechter, ein lächerlicher, ein nerviger Mensch. Anders als das Wort vermuten lässt, ist es eine Beleidigung. Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat sich einmal mit der Herkunft dieses Wortes beschäftigt und ist dabei darauf gekommen, dass es wohl noch nicht besonders alt ist. Bekanntgeworden sei es ohnehin erst 1994, so schreiben die Philologen, als das Wörterbuch des Gutmenschen erschien, ein Buch von Klaus Bittermann. Bittermann beschrieb in seinem Blog 2007, was es mit dem Begriff (und seiner Kritik) auf sich hatte: nicht viel. Der Begriff: gemünzt auf die friedensbewegten, politisch korrekten, phrasendreschenden Sozialromantiker. Die Kritik: Nietzsche, Nazis, Evelyn Finger. Wobei letztere die Frage stellt, die ich mir auch stelle. Was ist eigentlich schlimm daran, Ideale zu haben, Frieden zu fordern oder für Windkraftwerke zu beten? Gut, man kann das alles lächerlich finden und sagen: haha, Sie sind ein Gutmensch. Doch erstens hört sich das Wort, seien wir ehrlich, eher an, als ob es aus dem Mund eines grammatikgeschwächten Gemüsehändlers kommt, dem wir bedeuteten das Restgeld zu behalten. Und zweitens: wäre das Gegenteil von Gutmenschentum nicht Schlechtmenschentum? Und wäre das dann etwas Gutes? Dann wünsche ich allen Gutmenschen noch einen schlechten Tag!

Zitrus von Valérie Mréjen

zitrusGut, man könnte diesem kleinen Büchlein vorwerfen, dass es mit 7,50 Euro etwas zu teuer geraten sei, weil es nur 75 Seiten hat und in gut vier S-Bahnfahrten durchgelesen ist. Man könnte auch einwenden, die Geschichte sei wohl etwas belanglos und der Umschlag des Buches einfach zu gelb (das Bild hier neben täuscht etwas, das Buch ist tatsächlich viel gelber, zitrusgelb, um genauer zu sein). Aber was hilft es zu jammern, wenn doch oft genug ein Lächeln übers Gesicht huscht, während Madame Mréjen davon erzählt, wie einmal eine Frau ihres Namens hoffnungslos in Bruno verliebt war, Bruno, der sich gerne als Zitrone zeichnet, der manchmal sehr lustig sein kann, meistens aber nervtötend und dem sie nichts übelnehmen kann, weil sie ja so verliebt ist, er aber nicht in sie. Mit jeder Anekdote, die die Protagonistin im Stile einer lakonischen Und-dann-war-noch-dies-und-dabei-fällt-mir-ein-dass-Plauderin zum Besten gibt, wünscht man sich, dass es nichts werden wird mit Valérie und ihrer Frucht. Wird aber schon in den ersten paar Sätzen irgendwie klar:

Wir saßen auf einer Bank bei Les Halles unter einer Art Holzpergola. Es war schön draußen. Er sagte zu mir, ich liebe dich nicht.

Na, Valérie Mréjen hält diesen Stil jedenfalls bis zum Schluss durch. Zitrus hat komische Marotten. Er lässt Obst verschimmeln, weil er das verschimmelte Obst schön findet, wundert sich aber über die vielen Fliegen in seiner Wohnung. Er fotografiert Äcker in allen vier Jahreszeiten. Er hält Verabredungen nicht ein. Hat eine Freundin. Und das ist noch nicht mal ein Bruchteil. Man erfährt viel über Zitrus in diesen 75 Seiten. Und das ist ja auch Liebe, selbst wenn sie unerwidert bleibt, wenn man mal von Kleinigkeiten absieht, also, Liebe ist auch soviel über einen einzigen Menschen zu wissen und wenn dazu dann noch Verliebtheit kommt, dann findet man wohl selbst verschimmeltes Obst liebenswürdig, auch wenn die Begeisterung dafür und dem dahinterstehenden Menschen dann nur für wenige Monate hält und am Ende Schluss gemacht wird, was in diesem Fall ein Happy End ist. Man liest sich gerne bis dahin durch, nein, Schluss mit “man”, ich habe mich gerne durchgelesen bis dahin, in drei, vier S-Bahnfahrten, denn solch eine Ironie- und Melancholie-Mélange ist nicht jedem seine Sache. Um es kurz zu machen, hier der Schluss:

… Nach der Schmierenkomödiantenszene im Bademantel habe ich vorgeschlagen, daß wir Schluß machen. Er war sofort einverstanden. Ich hatte eine Apokalypse erwartet. Wie würde es sein? Das wollte ich mir nicht vorstellen. Letztendlich passierte gar nichts: Das Telefon klingelte nicht mehr. Ich hatte mir den Übergang durchaus drastischer vorgestellt.