Editorial: Hassliebe
15 Feb 2011

Gibt es so etwas wie Hassliebe? Beim Flughafen glaube ich daran. Ich liebe den Flughafen seit meine Eltern mich als Kind das erste Mal mit auf die Besucherplattform nahmen, die damals noch geöffnet war. Es war ein überbordendes Panoptikum, ein unüberschaubares Gewusel an Menschen und Maschinen, das eine einzige Frage provozierte: Wie funktioniert das bitteschön? Nicht nur, dass tonnenschwere Flugzeuge abheben wie Federn im Wind, sondern auch der Flughafen an sich. Vor fünf Jahren begleitete ich für eine Reportage Drogenfahnder am Flughafen (siehe Foto), auch das war ein unvergessener Einblick in eine Welt hinter den Kulissen des Flughafens. Meine Kollegin Julia Lorenz hat sich nun 24 Stunden auf dem größten deutschen Flughafen hinter den Kulissen herumgetrieben, und ist der Beantwortung wie das alles funktioniert ein gutes Stück nähergekommen. Sie hat die Rädchen begutachtet, ohne die der Airport ins Stottern geraten würde. Die Passagiere bekommen davon nur wenig mit, und meistens auch nur dann, wenn etwas nicht funktioniert. Letzteres ist selten genug der Fall, was ein gutes Licht auf die Unternehmen am Flughafen und den Airport-Betreiber Fraport wirft.
Soviel zur Liebe.
Das gegenteilige Gefühl hatte ich, wenn Flugzeuge im Sommer über meine Heimatstadt donnerten. Wenn ich im Kelsterbacher Wald sah, wie tausende Bäume für eine neue Landebahn gefällt wurden und Proteste abgetan wurden, weil der Ausbau eben alternativlos sei. Es gibt immer eine Alternative. Meine Konsequenz ist, auf Flugreisen zu verzichten. Humoristisch betrachtet: Ich hebe nur noch ab, wenn mein Telefon klingelt. Den Flughafen schaue ich aber immer noch gerne an.
Erschienen im Journal Frankfurt, 15. Februar 2011. Foto: Dirk Ostermeier






