
Der Wald ist unser Nachtquartier
Hurra, hurra, die Post ist da! Mit großen Schritten hüpfen die Waldbesetzer auf das kleine, gelbe Auto zu, das über den Waldweg bis zum Forsthaus gehoppelt ist. "Das hätte nicht jeder meiner Kollegen gemacht", sagt der Briefbote. Aber irgendwie ist es nun offiziell: Das Hüttendorf im Kelsterbacher Wald hat eine Adresse. Besuch empfangen die Waldbewohner sowieso recht oft, seit sie vor zwei Wochen in der Nähe des romantischen Mönchwaldsees Quartier bezogen haben. "Die Menschen, die bislang hier vorbeigekommen sind, finden das gut, was wir machen", sagt Lulu. Die 18-Jährige gehört zum harten Kern, zehn bis fünfzehn Leute, die meisten kommen von weiter weg, aus Hamburg, aus Franken, einer ist aus Mainz. Unter dem Lärm des Frankfurter Flughafens haben sie nicht zu leiden. Trotzdem sind sie hier, bauen Baumhäuser unter den Wipfeln, ziehen Transparente zwischen Zweige, schlagen Zelte auf. Und haben den Wald zu ihrem Nachtquartier gemacht. Bürgerinitiativen bringen Essen vorbei, ein Spendenkonto ist eingerichtet.
Marco, 27 Jahre und studierter Musikwissenschaftler, sagt Sätze wie: "Ich denke, dass die momentane Pseudo-Marktwirtschaft mit einer eigentlichen Herrschaft des kapitalistischen Finanzwesens eine völlig falsche Entwicklung ist." Marco hat deshalb für sich beschlossen, im Einklang mit der Natur leben zu wollen. In einem autarken Ökodorf. Oder eben im Kelsterbacher Wald. Protesterfahrung hat er auch, wie eigentlich alle. In Genmaisfeldern vor allem, man hangelt sich von Projekt zu Projekt. Den Flughafen würde er am liebsten gleich ganz dichtmachen, in Zeiten des Klimawandels sei solch "Wahnsinn" nicht mehr zu verantworten. Doch er sagt auch: "Man muss realistisch bleiben." Dass sie den Flughafenausbau verhindern können, glaubt kaum einer der Waldbesetzer.
Ihr Protest ist friedlich und soll es auch bleiben. Wenn die Polizei zur Räumung anrückt, wollen sie sich fügen. "Wird nicht einfach", sagt Jörn, und dann erklärt er, wie er in wenigen Sekunden einen der Bäume erklimmen kann. Freizeitkletterer mit professioneller Ausrüstung, mit Karabinern und modernen Kunststoffseilen, die zwei Tonnen Gewicht tragen. Im Oktober waren sie schon mal hier und haben geübt. Jörn sagt: "Die müssten schon mit 'ner Hebebühne kommen."
Die Polizei kommt erst mal mit dem Chef. Der Vier-Sterne-Polizist schält sich aus seinem Streifenwagen, tappt in den Wald und fragt in die Runde: "Wer ist denn hier der Ansprechpartner?" Schon die falsche Frage. Hierarchien sind verpönt. "Wir alle", schallt es zurück. Gestern gab es ein Gespräch mit der Stadt Kelsterbach, mit dem Bürgermeister, mit den Ordnungsbehörden. Offiziell sind die Waldbesetzer bis Anfang Juli geduldet, sie müssen noch einen formalen Antrag einreichen. Muss eben alles seine Ordnung haben, auch wenn man einen Wald besetzt. Ihr Areal dürfen sie jedoch nicht ausweiten. Genau das, sagt der Oberpolizist, hätten sie aber getan, und verweist auf eine Holzkonstruktion weiter hinten im Wald.
Dahinter steht große Politik. Der Bürgermeister von Kelsterbach ist nämlich in der Zwickmühle. Manfred Ockel, Sozialdemokrat und in den 80ern selbst Ausbaugegner, muss das Wiederaufleben des Hüttendorfs fürchten, das die Proteste gegen die Startbahn West einst eskalieren ließ. Jede Dachlatte, die von den Waldbesetzern zwischen den Bäumen gespannt wird, ist da schon zu viel. Im August will Ockel als Bürgermeister wiedergewählt werden - nachdem er zunächst mit der Räumung des besetzten Waldes drohte, kündigte ein Ausbaugegner sofort die Gegenkandidatur an. Das kann im ausbaufeindlichen Kelsterbach gefährlich werden.
Die Waldbesetzer stört das nicht. Sie sagen den Polizisten lachend: "Der Estrich ist noch nicht mal verlegt." Ihren Protest begreifen sie als ersten Schritt zum Hüttendorf, zum tausende Leute umfassenden Protestcamp. Bis dahin wollen sie durchhalten. "Das ist erst mal das Leben, das ich führen möchte", sagt Marco.
Erschienen im Journal Frankfurt, Mai 2008
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