F wie Frieden?
Tigerpalast-Chef Johnny Klinke hat es geschafft, als 68er weder Lehrer noch Grüner zu werden. Einen Tag lang erzählte er einem Fernsehteam, wie es dazu kam.
Ja, Johnny, jetzt erzähl doch mal: Wie war das damals? Und dann erzählt der Johnny auf dem Opernplatz, vor dem Opel-Werkstor, daheim im Tigerpalast, wie ein Aufziehtierchen. Geschichten gibt’s ja genug von den Tagen, als Geschichte gemacht wurde. Nun wurden sie aufgezeichnet von einem Fernsehteam für 3sat, da ist ein Thementag geplant. Johnny Klinke, der mal mit Joschka und Dany wohngemeinschaftete und nun das Frankfurter Varieté leitet, soll als Gegenstück zum freizügigen Schätzchen der Nation (Uschi Glas) fungieren, meint der Autor Frank Diederichs, der das Aufziehtierchen immer wieder anschaltet. Johnny, erzähl doch mal!
„Da haben wir die blauen Bände gekauft, weißte noch, Harald“, sagt Johnny zu unserm Fotografen. Harald weiß es noch. Heute wird dort, wo einst im „Lipresso“ die ersten Espressi Frankfurts ausgeschenkt wurden, in einem Edel-Café die Schickeria bedient, sein Name soll hier unerwähnt bleiben, denn Johnny meint, für den Scheißladen sollte man nicht auch noch Promo machen. „Nee, komm, darauf hab ich jetzt keine Lust“, sagt er und dreht sich um. Da, auf dem Opernplatz, da demonstrierten sie einst, mal 3000, mal 5000, meine Güte, 40 Jahre ist das jetzt her und die Oper war noch in Trümmern, und nun steht sie da wie ein schon immer gewesenes Denkmal des Bürgertums, „ist das nicht großartig“, fragt Johnny, „das hätte doch keiner gedacht, damals. Da waren wir ständig unterwegs, ich war jeden Tag draußen, das kann man sich nicht mehr vorstellen, es war richtig Bewegung drin, geredet, überall wurde geredet, Handys gab’s ja nicht.“
Johnny war damals noch Schüler am Gagern, der revolutionäre Kampf noch jung. Wo sind sie geendet, die Recken von damals? Einer sitzt im Europaparlament und meldet sich aus dem Nachfolgemagazin des PflasterStrands alle zwei Wochen zu Wort. Ein anderer war Außenminister und privatisiert nun. Und Klinke? „Ich habe es geschafft, weder Lehrer noch Grüner zu werden“, sagt er. „Das ist schon eine Leistung.“ Da hat er recht. Dafür führt er seit nunmehr 20 Jahren äußerst erfolgreich den Tigerpalast, den er einst mit Margareta Dillinger und Matthias Beltz gründete. Was ist geblieben von der Revolte? Von der Arbeitermobilisierung am Fließband in Rüsselsheim? „Wir müssen’s schaffen, dass uns der Werkschutz wegschleift, wenn wir da filmen“, sagt Johnny, und dann lacht er. Dazu soll es jedoch nicht kommen an diesem Drehtag. Keine Menschenseele ist zu sehen. „Das sieht aus wie in der DDR, abgewrackte Industrie, alles automatisiert, Roboter oder ausgelagert.“ Maschinen kann man nicht mobilisieren. Schon gar nicht gegen den Kapitalismus.
Und nun, zum Schluss, Johnny, erzähl doch mal, was habt ihr erreicht? „Dann gebe ich eurer Rechtsabteilung mal was zu tun: Wir haben erreicht, dass Kohl mit seiner Sekretärin 30 Jahre lang ein Verhältnis haben konnte, dass Theo Waigel seine Frau mit einer Jüngeren betrügen konnte – und dass in der CSU …“ Nur worum es damals, also bei 68, wirklich ging, will Johnny Klinke nicht vor der Kamera erzählen. Es ist nur ein Wort. Es fängt mit F an. Und es ist nicht Frieden.
>> Generation 68. Ein Roadmovie, Film von Frank Diederichs, Erstausstrahlung, 3sat, 6. April, 20.15 Uhr
Journal Frankfurt, 1. April 2008