Weltverbesserer
Die Frankfurter Hilfsorganisation medico international wird 40 Jahre alt. Der Arzt Mathis Bromberger war von Anfang an dabei.
40 Jahre liegt die Gründung nun zurück. 1968, was gewiss kein Zufall ist. Noch heute wirbt die Hilfsorganisation medico international nicht mit Fotos von kleinen, traurigen Kindern oder einem armen Bauern in Zentralafrika, sondern lediglich mit einem Zitat von Herbert Marcuse: „Wir können heute die Welt zur Hölle machen. Wir sind auf dem besten Weg dazu, wie Sie wissen. Wir können sie aber auch in das Gegenteil verwandeln.“ 1967 sagte Marcuse das, kurze Zeit nach dem folgenreichen Schah-Besuch, bei einer Veranstaltung in Berlin, Titel: „Das Ende der Utopie“. Filme aus entlegenen Regionen der Welt sind in den Fernsehapparaten zu sehen, schreckliche Fotos aus Vietnam oder Biafra.
Vier Jahre später packen Mathis Bromberger und drei weitere medico-Mitarbeiter ihre Sachen. Wochenlang hatten sie Spenden im Freundeskreis gesammelt, Frankfurter Arztpraxen abgeklappert, tonnenweise Medikamente konnten sie abstauben, manches davon jedoch auch unbrauchbar für den Einsatz, um den es ihnen ging. „Cholesterinsenkende Mittel für ein Dritte-Welt-Land? Die Ärzte hier haben uns auch viel Pharmaschrott mitgegeben, den wir erst mal wieder aussortieren mussten.“ 1971 machen sie sich auf nach Bangladesch, nach Ost-Pakistan, wie es damals noch einige Monate heißen sollte, bevor der Unabhängigkeitskrieg zu Ende und ein neuer Staat entstanden war. Eine Cholera-Epidemie beutelt die Region. Die Regierung weist den Helfern eine Fläche aus, auf denen sie ihre Zelte aufschlagen können. „Was sie uns nicht gesagt haben, dass das Gelände im Monsun zu einem See wird. Gräben mussten wir ausheben.“ Und neben alldem Menschen medizinisch versorgen. „Es war eine unheimliche Erfahrung für mich“, sagt Bromberger. Er habe sich auf seine Instinkte verlassen müssen, habe keine Bibliothek gehabt, keine Kollegen, die er um Rat hätte fragen können.
Mit 31 Jahren hat es einen Arzt an der Uni-Klinik für drei Monate nach Asien verschlagen, und als er wieder aufbrechen muss, hat er ein schlechtes Gefühl. „Ich wusste, dass ich Menschen zurücklasse, die auf Hilfe angewiesen sind. Das hat mich schwer beschäftigt.“ Doch Einsätze wie dieser sind es, die nachhaltig die Strategie von Hilfsorganisationen verändern. Zentral wird der Satz „Hilfe zur Selbsthilfe“. Thomas Gebauer, seit 30 Jahren bei medico und heute Geschäftsführer, sagt, das klinge verstaubt, sei aber nach wie vor gültig. Heute hat medico nur noch wenige Mitarbeiter in fernen Ländern. Stattdessen zeigt man den Menschen in Krisenregionen und verarmten Ländern zusammen mit Partnern vor Ort, wie sie sich selbst medizinisch versorgen können. Mit Notköfferchen reisen dann Dreierteams von Einheimischen durch die Dörfer, verarzten hier, geben Ratschläge dort, füllen Krankenakten aus und geben ihr Wissen weiter. Und in schwierigen Fällen beraten sie sich in den größeren Städten mit Medizinern. Die Organisation mit Sitz in der Bornheimer Burgstraße, die ihr Geld größtenteils aus öffentlichen Mitteln und Spenden bekommt, bleibt so oft unsichtbar, was in der Konkurrenz um Aufmerksamkeit natürlich ein Nachteil ist. Aber was Fundraising auch nicht zum Selbstzweck werden lässt, wie das nun bei Unicef zu beobachten war.
Im vergangenen Jahr war Mathis Bromberger wieder in Bangladesch. Er informierte sich dort über die Genossenschaft Gonoshasthaya Kendra, die wenige Monate nachdem er einst das Land verlassen hatte gegründet wurde. Kleine Pharmafabriken, medizinische Teams, die auch in entlegene Regionen reisen, und letztendlich auch politische Einmischung haben dazu geführt, dass die Millenniumsziele der Weltbank im Gesundheitsbereich im verarmten Land schon heute erfüllt sind. „Das zeigt doch, dass es möglich ist, etwas zu verändern“, sagt Bromberger, der heute noch als Allgemeinmediziner und Bühnenarzt des Tigerpalasts in Frankfurt arbeitet.
Allen Menschen das Recht auf Gesundheit zu gewähren – dieses Ziel von medico international hat die Organisation auch umstritten gemacht. Denn mit dem bloßen Helfen ist es ihr nicht getan. Sie will Menschen auch vor Krankheiten schützen. Was bedeutet, dass sie die Zusammenhänge zwischen Diamantenhandel und afrikanischen Bürgerkriegen aufdeckt oder eine Kampagne zum Verbot von Landminen ins Leben ruft, für die die Organisation erst belächelt, dann aber auch beschimpft wurde. „Das geht euch nichts an“, diesen Spruch musste sich auch Bromberger schon 1971 sagen lassen, als er Entwässerungsgräben in Bangladesch bauen ließ. Die Regierung verstand das als Eingriff in ihre Souveränität, nicht als die bloße Hilfe, die sie von der Organisation erwartet hatte.
Für die Landminenkampagne bekam medico 1997 neben anderen den Friedensnobelpreis, nachdem ein Verbot von Personenminen unterzeichnet worden war. Und wenn Gebauer und Bromberger davon erzählen, dass es eine Art Weltkrankenkasse geben sollte, in die die reichen Länder einzahlen, um die ärmeren zu unterstützen, dann möchte man sie belächeln, bis man merkt, dass es ihnen Ernst ist. Dass es keine Utopie ist. „Eine andere Welt ist möglich“, sagt Gebauer.
www.medico-international.de
Journal Frankfurt, Ausgabe 5/2008