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Durchgeboxt
Abends wird ein Offenbacher Jugendzentrum zum Boxclub. Und hat damit so viel Erfolg, dass es bundesweit Beachtung findet.

Lydias großes Vorbild sind die Klitschko-Brüder. Sie schaut sich jeden Kampf an. Und seit einem halben Jahr hat die 14-Jährige auch ihre eigene Boxkarriere in Angriff genommen. Einmal in der Woche trainiert sie im Jugendzentrum Nordend, ihre Freundin Ayse (13) hat sie dazu gebracht, und Ayse ist wegen ihres Bruders hier. „In der Schule haben die Jungs schon mehr Respekt vor uns, seit wir hier trainieren“, sagt Ayse. Was den beiden am Boxen gefällt? „Dass hier kein Unterschied gemacht wird zwischen Mädchen und Jungs. Wenn die Jungs acht Liegestützen machen müssen, machen wir auch acht Liegestützen.“ Ayses Vorbild: Zijad. Und Zijad ist im JuZ Nordend in der Johannes-Morhart-Straße 8 mindestens so bekannt wie die Klitschkos.

„Das Boxen hat mir geholfen, hat mich auf die Beine gebracht“, sagt Zijad Dolicanin (Foto). Er ist jetzt Hessenmeister im Amateurboxen. Superschwergewicht, das sieht man sofort. Ein 100-Kilo-Schrank, 1,95 Meter groß, 21 Jahre alt. Seinen Zivildienst hat er hinter sich, nun studiert er Mathematik und Sport. Er möchte Lehrer werden. „Ich glaube, dass ich mich gut in die Situation vieler Jugendlicher hineinversetzen kann, dass ich weiß, welche Probleme sie beschäftigen“, sagt er zu seinem Berufswunsch. Ein Lebensweg, der ihm nicht vorgezeichnet war. Ganz im Gegenteil. Vor ein paar Jahren noch hing Zijad auf der Straße ab, in seinem Viertel mit anderen Jungs, die auf hart machten, die klauten und abzogen, die pöbelten und prügelten.
Zijad hat es geschafft, er gehört nicht mehr dazu. Er hat seine Heimat im Boxclub gefunden, trainiert fast täglich dort, und weil die anderen sehen, dass es da einer von ihnen geschafft hat, kommen sie, um erst zuzuschauen und dann mitzumachen. „Zijad ist ein Vorbild, da bleiben auch viele dabei, die sonst vielleicht schon wieder aufgehört hätten“, sagt Peter Firner, der Trainer – auch er schon von Beginn an dabei. „Was wir hier machen, spricht sich herum.“ Dazu gehört: Disziplin, Pünktlichkeit, Ordnung. Der Co-Trainer Bernd Hackfort sagt: „Hier wird jeder gleich behandelt, für alle gelten die gleichen Regeln. Und: Wer Scheiße baut, fliegt raus.“ Man pflegt eine klare Sprache im Jugendzentrum. Wer nicht zum Training kommen kann, der muss sich abmelden. „Tut er es nicht, dann braucht er nicht mehr wiederzukommen. Es gibt keine zweite Chance.“ Das gilt auch für den Fall, dass sich jemand auf der Straße oder in der Schule prügelt. „Das wissen die Jungs auch“, sagt Hackfort. „Und sie halten sich dran.“

Die Wände sind gelb gestrichen, ein paar Sofas stehen in der einen Ecke, Holzstühle und -tische in der anderen, dazwischen Billardtische und ein Kicker, eine kleine Küche mit Tresen. Ein ganz normaler Treff, wären da nicht die Boxmagazine auf den Tischen, die Bilder von Muhammad Ali an den Wänden, die Haken für die Sandsäcke. Beim offenen Training am Dienstag kommen manchmal 60, 70 Jugendliche, nicht alle trainieren, viele schauen nur zu. An solchen Tagen schlägt sich der Schweiß an den Fenstern des Hauses nieder. „Die wollen halt dazugehören, das ist hier schon so was wie eine Clique“, sagt Peter Firner.

Als das Boxprojekt vor vier Jahren ins Leben gerufen wurde, kam erst mal niemand. Wochenlang. „Wir hatten schon vor, wieder aufzuhören. Es war ein Angebot, mehr nicht“, sagt Wolfgang Malik, der Leiter des Jugendzentrums. Der Start war auch aus anderen Gründen alles andere als leicht. 90 Prozent der Besucher haben einen sogenannten Migrationshintergrund. Integration durch Boxen? Gewaltprävention durch Draufschlagen? Da schüttelten viele einfach nur den Kopf. Auch Wolfgang Malik war erst mal skeptisch. „Doch das Konzept hat mich überzeugt“, sagt er. „Boxen an sich wirkt nicht gewaltpräventiv.“ Aber über das Boxen erreiche man viele Jugendliche, die sich in den Sportvereinen nicht gut aufgehoben fühlen. „Wenn die dann hier sind, sind sie aber erst mal erstaunt, wenn sie im Kreis tänzeln, wenn sie bei der Entspannungsübung nach dem Training die Augen schließen sollen. Die Augen schließen, das können viele zunächst nicht.“ Dafür, sagt Malik, seien sie viel zu nervös, immer auf der Hut. „Es dauert, bis sie bereit dazu sind, bis sie so viel Vertrauen haben, zu wissen, dass ihnen hier nichts passiert.“
Mittlerweile ist das Boxprojekt zu einem richtigen Verein geworden, damit ein paar der Jugendlichen auch auf Turnieren mitmachen dürfen. Neben Geld von der Stadt kann nun außerdem auf Spenden und Mitgliedsbeiträge gesetzt werden. Seit der Club im Sommer mit dem Zukunftspreis des Hessischen Sports ausgezeichnet wurde, wird eine Hausaufgabenbetreuung finanziert. Vor dem Training helfen Studenten den Jugendlichen – so profitiert auch das Jugendzentrum vom Boxen. Der nächste Preis steht schon an: Am 4. Dezember bekommt der Boxclub von Innenminister Wolfgang Schäuble einen Integrationspreis verliehen. Wie Zijad für die Jugendlichen, so ist der Boxclub zu einem Vorbild geworden – für andere Jugendhilfeorganisationen aus Offenbach, die ihre Schützlinge ins Nordend schicken, um sie dort wieder auf den rechten Pfad zu bringen. Die Polizei kommt zu Diskussionen über Jugendgewalt vorbei, und an manchen Tagen kann man sogar den Frankfurter Kriminalpolizisten Roman Reinders im Jugendzentrum mittrainieren sehen.

„Das, was die Jugendlichen hier lernen, sind Schlüsselqualifikationen“, sagt Wolfgang Malik. Nicht alle wollen sich den Regeln beugen. „Die erkennt man gleich“, glaubt Trainer Firner. „Da reicht es, wenn wir einen ganzen Abend mal nur Schritte üben und das Tänzerische beim Boxen herausstreichen. Dann noch etwas Yoga zum Abschluss, und die sind erst mal desillusioniert. Sie kommen vielleicht noch ein-, zweimal, das war’s dann aber auch.“
Viele der Jugendlichen gelten in der Schule als schwierig, als nicht integriert, als faul und gewaltbereit. Im Jugendzentrum ist davon nichts zu spüren. Hände werden geschüttelt, fortgeschrittene Boxer geben Anfängern Tipps, es wird gequatscht und gelacht. Und auch die etwa zehn Mädchen, die hier seit ungefähr einem halben Jahr regelmäßig mittrainieren, sind für keinen der Jungs ein Problem. „Ich finde es gut, dass die da sind“, sagt Shervin Mogharrebi, ein 18-Jähriger, der mit seiner Familie vor zehn Jahren aus dem Iran nach Deutschland kam. „Wir sind hier doch alle in der gleichen Situation“, sagt er. Dass nun Frauen mitboxen, habe sich einfach so ergeben, sagt Peter Firner. „Wir haben die nicht extra angesprochen, unsere Trainings waren schon immer für alle offen.“ Dennoch wird darauf geachtet, eine gute Mischung zu finden.

Durch die jüngsten sportlichen Erfolge, die der Boxclub mit Zijad Dolicanin feiern konnte, sind viele Offenbacher auf den Club aufmerksam geworden. Der Star des Vereins könnte auch in anderen Boxställen unterkommen – doch das möchte er nicht. „Ich bin mit diesem Club groß geworden.“ Das Boxen möchte er nicht aufgeben, doch vorläufig findet er es wichtiger, sich auf sein Studium zu konzentrieren.

In Offenbach leben 117000 Menschen, 30,5 Pro- zent von ihnen haben keinen deutschen Pass. Im Nordend, in dem das Jugendzentrum liegt, liegt dieser Anteil bei fast 50 Prozent. Es gibt Menschen, die sehen darin ein Problem, in den verschiedenen Religionen, Weltanschauungen und Kulturen. Man kann darin auch Chancen sehen – und in der Integrationsdebatte vor allem Panikmache. „Natürlich gibt es auch unter den Migranten ein paar, die aus Deutschland am Liebsten einen Islamstaat machen würden“, sagt Bernd Hackfort. „Doch das ist wirklich eine absolute Minderheit.“ Auch die Eltern und Geschwister von Lydia und Ayse finden nichts dabei, dass die Mädchen in einen Boxclub gehen. „Die finden das gut“, sagt Ayse und hebt selbstbewusst den Kopf. Zusammen mit ihrer Freundin Lydia wollte sie schon länger in einen Boxverein gehen. „Hier haben wir das Richtige gefunden“, meint Lydia, deren Eltern aus Indien kommen. Ob sie sich vorstellen kann, einmal Profi-Boxerin zu werden? „Ja“, sagt sie. „Ich werde weiter- trainieren, und dann werde ich es irgendwann schaffen.“

Der Boxclub Nordend
Das Boxprojekt wurde vor vier Jahren im Jugendzentrum im Offenbacher Stadtteil Nordend gegründet. Es richtet sich an Jugendliche zwischen 12 und 22 Jahren, mittlerweile wurde auch ein Amateursportverein gegründet, um an Turnieren teilnehmen zu können. Jugendzentrumsleiter Wolfgang Malik (Foto links) ist deswegen auch Boxclub-Präsident. Mittlerweile wird an fünf Tagen in der Woche trainiert, am offenen Trainingsdienstag kommen teilweise bis zu 70 Leute in die Räume des Jugendzentrums. Der Verein finanziert sich durch Spenden, Mitgliedsbeiträge, Gelder von der Stadt und durch Geldpreise, die das Integrationsprojekt gewonnen hat.

www.boxclub-offenbach.de

Journal Frankfurt, Dezember 2006