Guten Tag

Ich war einige Tage im Harz, in einem Dorf. Es hatte geschneit, natürlich über Nacht und so knatschten die Schuhe im Weiß. Ich muss sagen, dass ich den Geschmack von frisch gefallenem Schnee vollkommen vergessen hatte. Was sehr schade ist, denn er schmeckt, wie ich feststellen musste, tatsächlich außerordentlich gut nach gefrorenem Nichts. Wer mehr dazu wissen will, der schaue sich den wunderbaren Film „Snowcake“ an. Abgesehen vom Schneegeschmack auf meiner Zunge hatte ich noch eine Wiederentdeckung: die Begrüßungen zwischen einander wildfremden Menschen auf der Straße. Das ist nämlich so üblich auf einem Dorf. Da schaut man sich noch in die Augen und sagt „Morgn“ oder „Tach“ teilweise auch „Gutntach“. Dabei lächelt man nicht, aber der Augenkontakt, der ist wohl wichtig, schon einige Meter vor der Begrüßung wird eifrig taxiert. Wer nicht zurückgrüßt, so wie der gerade angekommene, noch vom Schneegeschmack überwältigte und von der Begrüßung überrumpelte Städter, der muss damit rechnen, dass der Grüßende die Augen zu Schlitzen verengt und etwaigen Begleitungen unverständliche Unflätigkeiten zumurmelt. Auch irritiertes Stirnrunzeln konnte ich beobachten. Dann aber hatte ich’s gerafft und grüßte fortan artig zurück.

In der Stadt sind gerade fünf Grad über Null, da ist nicht viel mit Schnee essen. Ist auch sonst nicht zu empfehlen, denn was da so runterrieselt bezeichnen Experten ja schließlich als Industrieschnee und diesen zu essen käme dem Lecken an einem entsorgten Katalysator gleich, was wohl nur die hartgesottensten Kfz-Mechaniker als Wonne empfinden könnten und, wer weiß, vielleicht nicht einmal die. Jedenfalls: Die Menschen auf der Straße zu grüßen, davon konnte mich niemand abhalten. Der erste, den ich grüßte, war ein Mann mit einem grauen Mantel aus dem ein weißes Hemd blitzte. Er sagte nichts, grübelte aber wohl darüber nach, wo wir uns schon einmal gesehen hatten. Die zweite Person war eine junge Frau, deren plötzliches, ärgerliches Stirnrunzeln verriet, dass sie angestrengt darüber nachdachte, wie noch einmal genau dieser Griff ging, den sie im Selbstverteigungskurs vor drei Jahren an der Volkshochschule gelernt hatte. Selbstredend kein Gruß zurück. Die dritte Person war ein Busfahrer, der den Gruß erwiderte, wohl weil man ihn doch noch ab und an grüßte, weil der Bus ja wie ein Gebäude und sein Fahrer wie der Hausherr wirkt, da will man wohl nicht unhöflich sein, auch nicht als Stadtbewohner. Ich stieg aus dem Bus aus und grüßte ein Kind. Es sagte sofort „Guten Tag“, mit so einer Mischung aus Respekt (vor Erwachsenen) und Automatismus (was sagt man da? Gu-ten-Ta-hag! hörte es wahrscheinlich seine Erziehungsberechtigten leiernd sagen). Dann grüßte ich eine Politesse. Sie fragte mich gleich, ob sie mir helfen könne. Ich beschloss, das Experiment abzubrechen. Land und Stadt würden sich wohl nie vereinen lassen, soviel wusste ich nun. Es ist eben nicht das Gleiche. Nur vergisst man genau das gerne; so wie den Geschmack frisch gefallenen Schnees.