Der deutsche Wald

Wald I

Der Wald heute ist Geschichte im Konjunktiv, unsere Gegenwart mit einem Fragezeichen – und das ist eben etwas anderes als Ironie. Der Wald hat heute eine eigene Präsenz, man könnte fast sagen, er hat sich von uns emanzipiert, er braucht uns nicht mehr, er hat uns schon zurückgelassen.
Georg Diez, Ein Mythos und sein Comeback, in: Die Zeit, 26.7.2007

Auf die Berge will ich steigen,
Wo die dunklen Tannen ragen,
Bäche rauschen, Vögel singen,
Und die stolzen Wolken jagen.

Heinrich Heine, Die Harzreise, im Herbst 1824

Es ist ja richtig, dem wiederkehrenden Nationalismus die kalte Schulter zu zeigen. Längst ist die herbeifantasierte Leitkultur in den politischen Mainstream eingesickert, wir sind mal wieder wer beziehungsweise: waren; auch das hat diese Krise geschafft, von der die ganze Zeit zu hören ist. Doch das Gefühl, das ist doch da, manchmal. Einige haben es, wenn sie nach langem Auslandsaufenthalt eine Bäckerei betreten und Brotlaib an Brotlaib liegen sehen, während ihnen der Duft von Sauerteig entgegenschlägt, gemischt mit allerlei Süßigkeiten und Teilchen und dem Puderstaub von fettigen Berlinern.

Mir dagegen geht es ans Herz, durch den Wald zu laufen. Jetzt im Frühling ist er am Schönsten. An seinen Rändern zwitschern die Vögel und in seinem Innern wird er unheimlich und dunkel und so still, dass das Knarren der Wipfel im Wind zu hören ist, und nur wer den Blick dorthin erhebt, wo diese sich wiegen, der kann hier ein Mosaiksteinchen blauen Himmel, dort ein Steinchen vorbeiziehende Wolke erspähen. Sehr selten das Röhren eines Hirsches, die Tiere scheu, nur eine Taube hat sich unter dem verästelten Wurzelwerk eines umgestürzten Baumes verheddert und schlägt die Flügel aneinander.

Wald II

In den achtziger Jahren hieß es, der Wald würde sterben. Bilder von entlaubten Ästen, von Stämmen, die wie abgebrannte Zündhölzer in den industriegrauen, bleischweren Himmel zeigten, der einen sauren Regenschauer nach dem anderen auf die gepeinigte Flora entließ. Es ist nicht ganz so schlimm, aber es ist auch nur unwesentlich besser geworden. Die Waldzustandsberichte, die die Bundesländer Jahr für Jahr veröffentlichen, sprechen eine deutliche Sprache, nur dringen sie nicht mehr auf die Titelseiten der Ilustrierten, sind sie kaum noch eine Randnotiz in der Tagesschau. Der deutsche Wald stirbt nicht, aber er ist krank, besonders in den Ballungsräumen, wo er von Autobahnen und Flughäfen begrenzt wird und das Knarren der Wipfel übertönt wird vom Rauschen der Motoren. Man kann dagegen nicht viel machen, denn die Menschen sehen zum Clubwochenende auf Mallorca ebensowenig eine Alternative wie zu einer Autofahrt im SUV.

Der Fortschritt, so heißt es, lasse sich eben nicht aufhalten. Und so werden einige hundert Hektar Wald fallen, damit eine neue Landebahn entstehen kann. Wir lieben die Asphaltdecke eben mehr als ein Blätterdach. Anderswo, so versichert man, werde aufgeforstet. Das bedeutet aber nicht, dass Straßen eingerissen und Industrien eingeebnet würden. Es werden Bäume gepflanzt, wo vorher Felder waren. Es ist nicht übel, aber es nicht das gleiche.

Wald III

Jetzt wo sich Regen und Sonnenschein abwechseln, hat ein alter, gewachsener Wald seinen ganz besonderen Duft. Da tritt man an eine Lichtung und die Sonne bricht sich Bahn und dann sieht man, wie einige hundert Meter entfernt Wolken aufsteigen aus dem dunklen Grün. „Da rauchen die Füchse“, sagt der Volksmund und man zweifelt daran ebensowenig wie an einem Hasen und einem Igel, die sich zu späterer Stunde dort „Gute Nacht“ sagen werden. Wenn der Wind die sanften Hügel nimmt, dann rauscht es und die Regentropfen fallen auf den Spaziergänger hinab. In Erdlöchern sammelt sich Regenwasser und wenn man ganz genau hinsieht, dann erkennt man, wie sich darin die Bäume spiegeln, während das Wasser kleine Blasen wirft. Es ist egal, ob der Spaziergänger nun da wäre oder nicht. Das alles passiert, auch wenn es niemand sieht. Deswegen kann im Wald alles mögliche passieren, deswegen die Mythen.

Wald IV

Es gibt noch soviel Wald, dass ein paar hundert Hektar lächerlich wirken. Rund 11 Millionen Hektar, ein Drittel des Landes, sind von ihm bedeckt. Es ist nicht nur typisch für dieses Land, dass es eine Schutzgemeinschaft Deutscher Wald gibt. Es ist auch typisch, dass diese Zahl aus der Bundeswaldinventur von 2003 stammt. Alles ist vermessen. Nur das Gefühl ist nicht in Tabellen zu gießen.