Wider die Ordnung

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Manche Leute stören sich am Schmutz, an Graffiti, an dem Unperfekten in Frankfurt. Für mich sind es Stellen, an denen wir hinter die Fassade der Ordnung einer Stadt blicken – das ist insbesondere in der Innenstadt wertvoll, die hier und da zu durchgeplant und glatt ist, deren Plätze kaum zum Verweilen einladen wollen, sondern geradezu dazu auffordern, schnell weiterzugehen, bloß nichts anzufassen. Fast im Verborgenen hat sich derweil noch eine zweite Welt in Frankfurt etabliert, die Welt der Tiere. Füchse zieht es in die Stadt, Falken, Wildschweine, Biber wurden schon an der Nidda gesichtet, zugegeben in einem wenig urbanen Teil Frankfurts. Oftmals sind es nur Zufälle, die uns einen Blick erhaschen lassen. Vor gut einem Jahrzehnt war ich in meiner Heimatstadt Offenbach unterwegs, auf einem großen Parkplatz unterhalb jenes Hochhauses, in dem ich aufwuchs. Plötzlich schlüpfte ein Fuchs unter einer Karosse hervor, blieb unvermittelt stehen und wir schauten uns an. Anders als der kleine Prinz gelang es mir nicht, ihn zu zähmen, ich sah ihn nie wieder. Doch es war so eine unwirkliche, weil unwahrscheinliche Zusammenkunft, dass sie mir in lebhafter Erinnerung blieb. Im Wald wäre ich nicht überrascht gewesen, aber hier inmitten des Betons?

_DSC5207Die Stadt kann auch ein romantischer Ort sein, abseits der Neonlichter ihrer Innenstadt, abseits der großen Verkehrsachsen und Einkaufsstraßen. Man müsste nur öfters mal ein paar Schritte aus dem gewohnten Kontext heraus tun, sollte mal wieder durch den Stadtwald streifen oder des Nachts durch eine entlegene Parkanlage. Dann zeigte sich die zweite Welt. In diesem Heft werfen wir einen Blick auf das, was uns täglich umgibt, was wir aber kaum noch sehen – manchmal auch, weil wir gedankenverloren nicht mehr hinschauen.

Editorial vom 17. November 2015, Foto: Martina Schumacher