Ende eines Sommers

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Jeden Morgen und jeden Abend auf dem Weg zur Arbeit führt mich mein Weg über das Gleis 24 des Frankfurter Hauptbahnhofs. Seit einigen Wochen hat sich das sonst so geordnete Antlitz dieses Teils des Verkehrsknotenpunktes verändert. Auf Bierzelttischen liegen Berge von Klamotten, daneben stapeln sich Wasserkästen, Bundespolizisten sperren ab und an den ganzen Bereich ab, weiter vorne sitzen an Tischen Leute mit müdem Blick. Es ist unübersehbar, dass uns die Auswirkungen von Kriegen erreicht haben, über die wir seit Jahren beständig informiert werden, das uns immer mehr Menschen erreichen, deren verzweifelte Flucht über das Mittelmeer und andere Wege seit Jahren die Medien bestimmt. Ich will gar nicht darüber schreiben, wer jetzt schuld daran trägt, denn davon sind die Zeitschriften schon voll genug. Ich beobachte es nur. Und sehe wie Passanten wie ich, die Situation am Hauptbahnhof betrachtend, sich fragen, ob diese Reise nun zu Ende ist, wo sie ihren Anfang nahm und welche Tragödien sich unterwegs wohl abgespielt haben.

Die Unbeschwertheit eines Sommers ist nun wirklich vorbei. Als ich sah, wie Frankfurter einige Flüchtlinge mit Sprechchören und großem Applaus im Hauptbahnhof begrüßten, fand ich das erstmal toll, ein schönes Bild, die Menschen sind hier willkommen, das sollte so die Botschaft sein. Doch irgendwie wollte das Bild nicht zur schweren Stimmung passen, es war geradezu paradox. Interessanter finde ich da, dass es in unserer Stadt eine unvergleichliche Hilfsbereitschaft gibt und Hass und Missgunst  lediglich hinter vorgehaltener Hand oder im Schutze sozialer Netzwerke geäußert werden. Frankfurt ist anders, vielleicht auch, weil hier viele Menschen aus aller Welt leben, einige von ihnen mit vergleichbaren, zerrissenen Biografien. Das sind alles so Gedanken, mit denen ich mich konfrontiert sehe, wenn ich morgens oder abends am Gleis 24 des Hauptbahnhofs vorbeilaufe. Ich hoffe, dass es nicht nur mir so geht.

Editorial Journal Frankfurt vom 22. September 2015, Foto: Ronja Merkel