Heimat

IMG_9655Meine Großeltern wohnten in einem alten, großen Bauernhaus in Niedersachsen. In der Küche gab es einen runden Tisch aus dunklem Holz, einen knisternden Kachelofen, Rollkissen mit gehäkelten Bezügen und an der Wand hing ein geschnitzter Bilderrahmen, in dem sich, so zumindest meine etwas vage Erinnerung, folgende Inschrift befand: „Wo meine Wiege stand, mein geliebtes Heimatland.“

In diesen Tagen wird wieder viel über Heimat gesprochen, darüber, was sie ausmacht, wie man sie findet, was passiert, wenn man gezwungen wird, sie zu verlassen. Es ist eine ziemlich theoretische Diskussion, finde ich. Begriffe wie Heimat oder gar Vaterland sind subjektiv und individuell, man kann sie niemandem aufdrücken, man kann auch niemanden zwingen, sich für ein Land, eine Idee, einen Begriff von Heimat zu entscheiden. So kommt es, dass es zwar dieses Wort gibt, es aber ständigen Schwankungen unterworfen ist, es oszilliert gewissermaßen und langfristig scheint es gar völlig andere Formen anzunehmen.

Es ist nie leicht, einen Ort zu verlassen – und wenn man die Chance hat, ihn wiederzusehen, dann mag man sich an Gebäude erinnern oder an Straßen und Parks, ach, der Begriff kann sich an allem festmachen, vor allem aber an den Menschen, die man dort traf, die Erlebnisse und Gefühle, die sie auslösten. Das kann einen melancholisch stimmen, weil es etwas ist, was vorbei ist oder weil sich ein Zuhause mit den Menschen und vergehenden Freundschaften zusammen aufzulösen vermag. Es lässt sich aber auch positiv wenden, denn es zeigt, dass es überall die Chance auf eine neue Heimat gibt. „Home is where your heart is“, heißt es im Englischen so schön. Das wäre so ein Spruch, den ich in Holz geschnitzt in meine Küche hängen würde.

Editorial für das Journal Frankfurt, Ausgabe 20 vom 8. September 2015. Foto: Laura Zachmann (aufgenommen im The Pure-Hotel in der Niddastraße, Frankfurt).