Unter der Haut

Nils BremerEines der schönsten Lieder von Frank Sinatra ist „I’ve got you under my skin“. Ja, ich weiß, dass ich mich mit Sätzen wie diesem wie ein scheintoter Mann anhöre, der von verrauchten Nächten in den Frankfurter Jazzklubs der Nachkriegsära schwärmt und davon, wie man geschwoft hat und früh am Morgen beschwingt in einen verregneten Sommermorgen hinausstolperte. Das Tolle an der Sinatra-Version ist, dass sie so leicht und selbstbewusst und unglaublich cool daherkommt und dahinter doch ein schwerer Gedanke steht.

Zweites Geständnis: Ich sitze hier in der Spätschicht im Büro, höre „Under my skin“ in, wie Radioleute sagen, heavy rotation und überlege, was ich eigentlich in mein Editorial schreiben könnte. Das beste Thema hat mir, wie ich gerade lesen musste, die Kunstredakteurin weggeschnappt (siehe S. 90, die Ausstellung von Doug Aitken in der Schirn fand ich nämlich auch famos).

Ich könnte stattdessen also darüber schreiben, was mir gerade unter die Haut geht. Aber dann reg ich mich nur wieder auf. Darüber dass nicht nur Minderheiten in diesem Land über die Griechen lästern, sondern selbst ein Massenblatt wie die Bild-Zeitung unsere Kanzlerin mit Pickelhaube abbildet, so als ob wir demnächst wieder unsere Uniformen abstauben und in den Krieg gegen den faulen Rest Europas ziehen müssten. Oder darüber, was im Kopf von Menschen vorgeht, die Menschen nach einer entbehrungsreichen Flucht beschimpfen und ihnen alles Schlechte wünschen. Wie herzlos ist das denn?

Dazu passt, dass die Bundesregierung ein Gesetz plant, laut dem man Flüchtlinge aus vielerlei Gründen direkt ins Gefängnis stecken kann. Sozial- und Christdemokraten haben diese wenig sozialen und gar nicht christlichen Paragraphen ersonnen. Innenminister Thomas de Maizière sagt übrigens, dass solle für mehr Gerechtigkeit sorgen, „Gerechtigkeit, die auch erforderlich ist, um die Zustimmung zur Zuwanderung und der Aufnahme von Schutzbedürftigen in Deutschland zu sichern und zu stärken.“ Kurz gesagt: Wenn wir machen, was Neonazis fordern, dann werden sie schon ruhig sein.

Die Ironie an der Sache ist, dass de Maizière einer Hugenottenfamilie aus Metz entstammt, die im 17. Jahrhundert nach Brandenburg flüchten musste, wo ihr Kurfürst Friedrich Wilhelm Asyl gewährte. Meine einzige Hoffnung ist nun, dass es im neuen Asylgesetz keine Verjährungsfrist gibt, und wir den Innenminister sofort einbuchten können. Ja, ich mag etwas dünnhäutig sein was das Thema angeht. Doch dann berührt mich eine Geschichte im Spiegel über zwei Menschen, ein Ehepaar um die 90, die einen Flüchtling aus Syrien aufgenommen haben, weil sie sich noch erinnern, wie es ist, alles zurücklassen zu müssen. So schön. Auch in unserem Heft erfahren Sie von zwei Frankfurter Initiativen, die Flüchtlingen helfen wollen. Das versöhnt einen doch wieder mit der Welt. Ein bisschen.

Editorial für das Journal Frankfurt, Ausgabe 16/2015.