Was wir bedürfen

11138643_10205562402277082_4453309533290028257_nDas Foto haben wir mal aus einer Laune heraus vor über einem Jahr im Gemalten Haus gemacht. Nach einer Vernissage in der Schirn feierte dort Tobias Rehberger den gelungenen Auftakt seiner Schau; für uns war es Redaktionsschluss, am nächsten Mittag sollte das Heft in die Druckerei. Das Cover hatte der Künstler gestaltet, im Innenteil hatten wir ein Interview mit ihm und eine längere Passage über das Werden einer solchen Ausstellung. Wenn ich das Heft heute in die Hand nehme, denke ich, dass ich wirklich zufrieden mit dem Ergebnis bin und ich erinnere mich, dass es immer wieder anstrengend ist, am Ende zufrieden zu sein. So kam jedenfalls das Foto zustande, am Ende eines langen Tags. Kann man ja bestimmt mal verwenden, wenn wir was über Alkohol machen, meinte ich zu Harald Schröder, dem Fotografen.

Nun ist es also soweit.

Ich habe mich auf ganz eigene Weise dem Thema genähert, in dem ich die vergangenen acht Wochen möglichst wenig getrunken habe. Die Bilanz: zwei Glas Weißwein, ein Grappa, ein Bier, ein Gin Tonic. War nicht einfach. Überall wird einem ja Alkohol in die Hand gedrückt. Gestern Abend zum Beispiel war ich beim Empfang der IHK. Alle prosteten sich zu. „Ich hätte gerne was Nichtalkoholisches“, meinte eine Frau in der Schlange vor dem Getränkestand. „Falsche Veranstaltung“, raunte man ihr zu. Sie nahm dann ein Bier. Ich bestellte ein Clausthaler und muss sagen: Perfektes Getränk. Niemand fragt dich, warum du nur Wasser trinkst oder was denn bloß los mit dir ist, bist du krank, geht’s dir nicht gut, ist irgendwas, dass du nicht mit uns anstoßen willst, magst uns wohl nicht mehr? Nein, alles fein. Es ist teilweise wirklich unangenehm, nur vorher fiel mir das gar nicht so auf. Umgekehrt ist es auch so: Die Fraktion der Selbstoptimierer und ewigen Mahner mischt sich auch gern ins Leben anderer Menschen ein, will Gesetze gegen den Gebrauch von Zigaretten und Alkohol, will, dass wir weniger Schokolade essen und weniger Fleisch und überhaupt alles, was schlecht ist, weil wir ja nicht mehr wissen, was wirklich gut für uns ist. Schwieriger als sich dem Trinken oder Nicht-Trinken zu verweigern ist nur eines: Den ganzen Lärm, die ganzen Ratschläge, Aufforderungen und das schlechte Gewissen auszufiltern
und einfach aufs eigenes Herz zu hören.
Auf Ihr Wohl!

Editorial 13/2015 für das Journal Frankfurt, Titelthema: Alkohol, Foto: Harald Schröder