Eis. Macht. Glück.

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Neulich war eine Besuchergruppe bei uns im Verlag. Sie kam von Common Purpose. Mir war diese Organisation kein Begriff. In ihr sollen Menschen, viele von ihnen Führungskräfte verschiedenster Branchen, zusammengebracht werden, um zu verstehen wie andere ticken, was sie umtreibt.

Bei uns waren also Leute vom Planungsamt der Stadt, vom Jobcenter, ein Anwalt einer großen Beratungsfirma und so weiter. Es ging um Macht. In unserem Fall also: Welche Macht haben Medien? Das Schöne war, dass die Menschen sehr lange da waren, fast zwei Stunden. So kratzten wir nicht nur an der Oberfläche. Und ich erfuhr, selten genug kommt es vor, wie man sich so fühlt, wenn man vielen Fragen ausgeliefert ist. Es ist anstrengend, interviewt zu werden. Insbesondere, wenn Fragen kommen, auf die man nicht vorbereitet ist. Wer hat Macht über Sie, Herr Bremer? Puh, das ist ein zu weites Feld … Irgendwie ist es so: Wenn man eine Frage von vielen verschiedenen Seiten beleuchtet, dann kommt man weiter.

Hat ein vergleichsweise kleines Magazin wie das unsere Macht? Unsere Auflage ist von der der Bild-Zeitung oder der des Spiegel weit entfernt. Aber in Frankfurt erreichen wir halt doch schon sehr viele Menschen. Man merkt es zum Beispiel an unseren Restaurantkritiken. Wird ein Lokal gut oder schlecht bewertet, so ist dies an der Besucherfrequenz nach Erscheinen des Artikels manchmal deutlich zu spüren. Umso wichtiger ist es, ordentlich zu arbeiten. Aus großer Kraft erwächst große Verantwortung, so hat es uns der Film Spider-Man gelehrt.

Die Leute fragten auch, warum wir Journalisten uns immer auf die Missstände konzentrierten. Manchmal arbeite man jahrelang an einer schönen Sache und dann, ein falsches Wort, und schon beherrscht das tagelang die Medien. Was soll das? Puh. Wir schreiben ja nicht nur, wenn etwas schlecht ist. Im Grunde macht das Journal ja gerade diese Mischung aus. Hier, in diesem Heft zum Beispiel, beleuchten wir die Frage: Wo können Sie die Sonne in Frankfurt am Besten genießen? Na, wenn das keine Gute-Laune-Berichterstattung ist, dann weiß ich auch nicht. Wenn wir also wirklich Macht haben, dann hoffe ich, dass Sie in den nächsten Wochen öfter als sonst ihr Büro, ihre Wohnung verlassen, um ein bisschen das Leben zu genießen. Und wenn ihre Kollegen oder ihre Freunde sagen: Wir essen jetzt ein Eis an unserem Lieblingsort, dann sagen sie ohne lange zu zögern ja.

Editorial, Journal Frankfurt, 5.5.15