Flüchtige Gedanken

IMG_7536Wissen Sie, manchmal ist mein Kopf so voll mit Gedanken für den Text auf Seite 3, das ich nicht genau weiß, wie die jemals alle hier hineinpassen sollen in diese kleine Spalte und dann kommen jeden Tag neue Mosaiksteine dazu. Ich finde das toll, weil ne Schreibblockade war noch nie da, wird auch nie kommen, da bin ich sicher, denn das größte Glück ist ein weißes Blatt. Gerade komme ich von einer Lesung mit Peter Zingler, der aus seiner Biografie las und er begann mit Versen unter der Überschrift „Lauf ums Leben“: „In der Schule lief es normal bis ich richtig laufen lernte, weglaufen, vor der Familie, vor der Polizei, vor der Realität, vor mir selbst, ich lauf heute noch weg, das Ziel kann nicht mehr weit sein, neulich sah ich Marathonläufer ins Ziel kommen, sie brachen zusammen.“ Vielleicht ist das so, dieses Leben. Vor Kurzem traf ich eine ältere Dame auf der Straße, sie blickte auf das Kuscheltier meiner Tochter und meinte, so eines hätte sie auch gerne gehabt als Kind. Wieso – hatten Sie keines? Die Familie habe f liehen müssen, weg aus Ostpreußen, zwei Stunden habe man gehabt, das Elternhaus zu räumen und loszuziehen, zu Fuß wohlgemerkt, „was nimmt man da schon groß mit? Eine warme Decke, vielleicht ein Kissen, etwas zu essen …“, erzählte sie. Ich fragte: Kann man vergessen, was vor der Flucht lag? „Ich war noch klein“, antwortete die Frau, „aber ich habe mir alles sehr genau eingeprägt bevor wir los sind, jedes Detail.“ Erst 50 Jahre später habe sie die alte Heimat wieder besuchen können und sie wusste, was sich verändert hatte, so sehr hatte sich die Erinnerung erhalten. An jenem Tag, als sie mir das erzählte, stürzte ein Flugzeug ab und plötzlich unterhielten sich alle darüber. Wiederum exakt drei Wochen nach jenem schicksalhaften 24. März 2015 werden keine Sendungen unterbrochen, laufen keine stilisierten Nachrichtenticker auf den Websites, obwohl über 400 Flüchtlinge im Mittelmeer gestorben sind. Wir kennen ihre Gesichter und Geschichten nicht, aber wir ahnen, dass jene, die die Entbehrungen solcher Reisen lebend überstehen, hier vor allem eines möchten: Ruhe, Geborgenheit, das Gefühl, vielleicht angekommen zu sein. Es ist gerade wieder so kaltherzig von Wirtschaftsflüchtlingen, von Asylantenwellen, von Schmarotzern die Rede, dass ich mich frage, ob diese tönenden Populisten jemals einen Gedanken darauf verschwendet haben, wie es ist, Freunde, Familie, Heimat hinter sich zu lassen, ohne zu wissen, ob es für immer ist. Ein Leben kann ja nicht einfach wieder zu einem weißen Blatt werden, das man neu beschreibt. Das, was einem wirklich wichtig sind, wird man bis zur Zielgeraden in seinem Herzen tragen.

Editorial, Journal Frankfurt, 10/2015