Der deutsche Wald

Wald I

Der Wald heute ist Geschichte im Konjunktiv, unsere Gegenwart mit einem Fragezeichen – und das ist eben etwas anderes als Ironie. Der Wald hat heute eine eigene Präsenz, man könnte fast sagen, er hat sich von uns emanzipiert, er braucht uns nicht mehr, er hat uns schon zurückgelassen.
Georg Diez, Ein Mythos und sein Comeback, in: Die Zeit, 26.7.2007

Auf die Berge will ich steigen,
Wo die dunklen Tannen ragen,
Bäche rauschen, Vögel singen,
Und die stolzen Wolken jagen.

Heinrich Heine, Die Harzreise, im Herbst 1824

Es ist ja richtig, dem wiederkehrenden Nationalismus die kalte Schulter zu zeigen. Längst ist die herbeifantasierte Leitkultur in den politischen Mainstream eingesickert, wir sind mal wieder wer beziehungsweise: waren; auch das hat diese Krise geschafft, von der die ganze Zeit zu hören ist. Doch das Gefühl, das ist doch da, manchmal. Einige haben es, wenn sie nach langem Auslandsaufenthalt eine Bäckerei betreten und Brotlaib an Brotlaib liegen sehen, während ihnen der Duft von Sauerteig entgegenschlägt, gemischt mit allerlei Süßigkeiten und Teilchen und dem Puderstaub von fettigen Berlinern.

Mir dagegen geht es ans Herz, durch den Wald zu laufen. Jetzt im Frühling ist er am Schönsten. An seinen Rändern zwitschern die Vögel und in seinem Innern wird er unheimlich und dunkel und so still, dass das Knarren der Wipfel im Wind zu hören ist, und nur wer den Blick dorthin erhebt, wo diese sich wiegen, der kann hier ein Mosaiksteinchen blauen Himmel, dort ein Steinchen vorbeiziehende Wolke erspähen. Sehr selten das Röhren eines Hirsches, die Tiere scheu, nur eine Taube hat sich unter dem verästelten Wurzelwerk eines umgestürzten Baumes verheddert und schlägt die Flügel aneinander.

Wald II

In den achtziger Jahren hieß es, der Wald würde sterben. Bilder von entlaubten Ästen, von Stämmen, die wie abgebrannte Zündhölzer in den industriegrauen, bleischweren Himmel zeigten, der einen sauren Regenschauer nach dem anderen auf die gepeinigte Flora entließ. Es ist nicht ganz so schlimm, aber es ist auch nur unwesentlich besser geworden. Die Waldzustandsberichte, die die Bundesländer Jahr für Jahr veröffentlichen, sprechen eine deutliche Sprache, nur dringen sie nicht mehr auf die Titelseiten der Ilustrierten, sind sie kaum noch eine Randnotiz in der Tagesschau. Der deutsche Wald stirbt nicht, aber er ist krank, besonders in den Ballungsräumen, wo er von Autobahnen und Flughäfen begrenzt wird und das Knarren der Wipfel übertönt wird vom Rauschen der Motoren. Man kann dagegen nicht viel machen, denn die Menschen sehen zum Clubwochenende auf Mallorca ebensowenig eine Alternative wie zu einer Autofahrt im SUV.

Der Fortschritt, so heißt es, lasse sich eben nicht aufhalten. Und so werden einige hundert Hektar Wald fallen, damit eine neue Landebahn entstehen kann. Wir lieben die Asphaltdecke eben mehr als ein Blätterdach. Anderswo, so versichert man, werde aufgeforstet. Das bedeutet aber nicht, dass Straßen eingerissen und Industrien eingeebnet würden. Es werden Bäume gepflanzt, wo vorher Felder waren. Es ist nicht übel, aber es nicht das gleiche.

Wald III

Jetzt wo sich Regen und Sonnenschein abwechseln, hat ein alter, gewachsener Wald seinen ganz besonderen Duft. Da tritt man an eine Lichtung und die Sonne bricht sich Bahn und dann sieht man, wie einige hundert Meter entfernt Wolken aufsteigen aus dem dunklen Grün. “Da rauchen die Füchse”, sagt der Volksmund und man zweifelt daran ebensowenig wie an einem Hasen und einem Igel, die sich zu späterer Stunde dort “Gute Nacht” sagen werden. Wenn der Wind die sanften Hügel nimmt, dann rauscht es und die Regentropfen fallen auf den Spaziergänger hinab. In Erdlöchern sammelt sich Regenwasser und wenn man ganz genau hinsieht, dann erkennt man, wie sich darin die Bäume spiegeln, während das Wasser kleine Blasen wirft. Es ist egal, ob der Spaziergänger nun da wäre oder nicht. Das alles passiert, auch wenn es niemand sieht. Deswegen kann im Wald alles mögliche passieren, deswegen die Mythen.

Wald IV

Es gibt noch soviel Wald, dass ein paar hundert Hektar lächerlich wirken. Rund 11 Millionen Hektar, ein Drittel des Landes, sind von ihm bedeckt. Es ist nicht nur typisch für dieses Land, dass es eine Schutzgemeinschaft Deutscher Wald gibt. Es ist auch typisch, dass diese Zahl aus der Bundeswaldinventur von 2003 stammt. Alles ist vermessen. Nur das Gefühl ist nicht in Tabellen zu gießen.

Lokal bloggen (und dabei Geld verdienen)

Ich bin immer noch leicht fasziniert von der Idee der New York Times, einen lokalen Blog ins Leben zu rufen. Hello? Die New York Times lässt sich herab, weit herab, weiter als der Lokalteil der Zeitung, der natürlich schon großartig ist, aber wahrscheinlich irgendwie querfinanziert durch den überregionalen Teil. Die Idee ist ein Stadtteilblog und schon die Idee der Finanzierung dürfte bei hiesigen bundesweiten Klickmaschinen und vor sich hinpusselnden Regionalportalen Kopfschütteln hervorrufen: Anzeigen – wie bitte soll das funktionieren, bei einer Zielgruppe, die nur einige zehntausend Menschen umfasst? Wo sollen da die Klicks herkommen?

Nun, die Klicks sind nicht ausschlaggebend. Ausschlaggebend ist der gute Name der New York Times, der die Einzelhändler, die kleinen Läden und Lokale vor Ort davon überzeugen soll, mehr Geld für eine Anzeige zu schalten als gemeinhin üblich. Google-Guru Jeff Jarvis hat die Zusammenhänge ganz schön zusammengefasst, in dem er feststellt, dass die meisten Kleinunternehmer gut daran täten, Anzeigen in einem neuen Umfeld als in Lokalzeitungen zu schalten, doch nur wenige bisher die Vorteile klar vor sich sehen.

The assumptions I so often hear about local advertising – it doesn’t work; it doesn’t pay enough; small businesses are ignorant – need to be updated. The assumption that most needs to be updated is that a business needs an ad. It may need other tools to be found in search and to reach the right people and to improve relationships with them. All that may count as marketing, but not necessarily with an old ad in a new medium.

Okay, noch ist es nicht so weit. Die NYT gibt sich noch ziemlich selbstkritisch, ob es den den Stadtteilblog mit einem angestellten Redakteur wirklich gegenfinanzieren kann, die Ideen, wie das funktionieren könnte, sollen am Besten gleich die Leser haben, wie Jim Schachter bei TechCrunch schreibt:

We expect to sell ads to local merchants using our telesales and self-serve ad solution. Our two pilot sites are staffed with full-time NYTimes reporters. That’s not cheap. Obviously, it’s also not a sustainable model. We’re trying to figure out what would be. Can we create a combination of journalism, technology and advertising that people who don’t work for us can adopt? How much or how little oversight by us would be needed to keep the quality high? Would people pay to be associated with us? Would there be enough revenue that some split between us and a non-NYT blogger would work? I’d love to know what readers here think.

Gute Fragen. Ich denke, dass es funktionieren könnte, wenn man noch einen Anzeigenverkäufer engagiert, der die Geschäfte wirklich offensiv abklappert und den ganzen Gratiszeitungen das Geschäft streitig macht, die oft übervoll mit Billiganzeigen in den Briefkästen (oder neben der Altpapiertonne) liegen. Es wird nicht einfach sein, den Wechsel für die Geschäftsleute zu begründen, doch wenn der Blog durch seine Geschichten Stadtteilgespräch werden kann, dann kann daher durchaus ein monetärer Gewinn stehen.

Mich macht nur eines stutzig: Frankfurt sollte mit seiner internationalen, weltoffenen und technikaffinen Bevölkerung eigentlich schon jetzt einige hundert Blogs vorweisen können, Privatmenschen, die über die Stadt, über das, was sie bewegt, was sie ärgert und freut berichten. Doch davon ist nichts zu sehen. Frankfurt ist, was lokalen Citizenjournalism angeht so gut wie tot. Solange nicht private Blogs aus dem Boden sprießen, die sich ganz Frankfurt widmen, wird es schwierig sein, einen Nordend-Blog zu etablieren. Das ist schade. Auch für die öffentliche Meinungsbildung in einer Stadt wie Frankfurt.

Tim wer?

Es ist mit Sicherheit nicht die fragwürdigste Leistung, die in den vergangenen Tagen in den Medien zum Amoklauf zu beobachten war, aber … Auf seinem Titelbild gibt sich der Spiegel noch geheimnisvoll. “Der Amoklauf des Tim K.”, heißt es dort. Im Inneren der Zeitschrift geht man weniger zimperlich mit dem Nachnamen des 17-Jährigen um. Der Spiegel ist längst nicht das einzige Medium, das den vollen Namen von Tim nennt. Süddeutsche, Stern, n-tv – fast alle machen mit. Die FAZ zum Beispiel nicht und die tageszeitung auch nicht. Ich finde das löblich. Gut, der Junge ist tot, da könnte man auch argumentieren: seine Persönlichkeit ist nicht mehr. Soweit ist rechtlich alles in bester Ordnung. Doch was ist mit den Hinterbliebenen von Tim.

Die ausländischen Medien scheren sich schon mal gar nicht um deren Rechte. Die englische Times etwa nennt die vollen Namen der Eltern und die der Großeltern. Wahrscheinlich haben sie ihre Telefonnummern bereits geändert, denn man mag sich gar nicht ausmalen, wieviele Menschen die Onlineauskunft der Telekom genutzt haben und dort Tims Nachnamen und Winnenden eingegeben haben.

Die Adressen stehen dort auch, aber nachdem die Medien noch Tage nach der Tragödie das Haus abfilmten, in dem der Mörder aufwuchs, weil daraus bekanntlich wichtige Informationen über die Motive entstehen, geht das alles schon in Ordnung. Innerhalb der Wikipedia hat man sich mittlerweile entschieden, Tims vollen Namen wieder zu entfernen.

Was bringt es dem Leser, dem Zuschauer oder Zuhörer, wenn er den vollen Namen des Täters erfährt? Verändert es die Sicht auf die Ereignisse? Gebieten es die ungeschriebenen Gesetze des Journalismus, den vollen Namen zu nennen? Nein, nein, nein. Es stimmt ja: Tote können sich nicht äußern, sie können nicht mehr sagen: bitte, veröffentlichen sie meinen Namen nicht, sie sind wehrlos und vielleicht ist es mal eine philosophische Überlegung wert, ob Tim damit ein wenig zu einem Opfer gemacht wird. Oder es wurde hier ein offenes Geheimnis gelüftet, weil man sonst so wenig herausgefunden hat, dass auch in einer dutzend Seiten starken Spiegel-Geschichte nicht viel mehr herauskommt, als dass man mehr auf Jugendliche achten muss und Verbote nichts bringen. Immerhin ist Tim nun weltweit namentlich bekannt. Auch eine Leistung … der Medien.

Shanghai Express

schanghai

Josef von Sternburg hat mit Shanghai Express wohl einen der am Besten fotografierten Schwarzweißfilme gedreht. Jede Einstellung, jedes Bild ist eine Komposition für sich. Dies liegt gewiss nicht zuletzt an Marlene Dietrich, fast durchscheinend wie ein Engel gefilmt, man glaubt, ein Hauch könnte sie wie Rauch von der Leinwand hinwegwabern lassen. Sie beherrscht unendlich viele Gesten und Reize in wenige Sekunden zu verpacken, was den zeitgenössischen Kritikern dann doch manchesmal ein wenig zu weit ging.

Der Film jedoch beginnt ganz schlicht. Das Gewusel eines Bahnsteigs vor der Abfahrt, Gepäckstücke, Passagiere, Träger, dann eine Sänfte, aus der die Dirne Hui Fei (Anna May Wong) steigt, die eigentliche Hauptperson, Feis Zimmergenossin, kommt vollkommen unprätentiös im Taxi, ist erst kaum zu sehen und schon wieder weggehuscht, als man eben erst glaube, sie unverschwommen wahrzunehmen. Shanghai Lily (Marlene Dietrich) ist eben nur die ästhetische Verheißung, die im nächsten Moment schon wieder verschwunden ist. So gesehen fasst die Eingangssequenz den Film schon ganz gut zusammen. Der Zug macht sich stampfend auf den Weg von Peking nach Shanghai. Es ist ein bei aller Hektik so ruhiger Anfang, von Sternberg nimmt sich viel Zeit. Als der Zug rollt, nimmt das Unheil ohnehin seinen Lauf. Da trifft Lily ihren einstigen Liebhaber Doc Harvey (Clive Brook) wieder, der einst eifersüchtig von ihr ließ. Da stoppen, wir befinden uns in der Zeit des chinesischen Bürgerkriegs, erst Regierungstruppen, dann Rebellen den Zug. Da wird Hui Fei vom Rebellenführer Cheng vergewaltigt, auch Lily bleibt dies nicht erspart, um ihren Ex vor der Blendung zu retten. Die Befreiung des Zuges gelingt, als Fei ihren Peiniger ersticht.

Als der Zug endlich in Shanghai eintrifft: das Geständnis der Liebe. Und das alles in achtzig Minuten: Stil und Gewalt, Liebe und Glück. Heute bräuchte man dafür 200 Millionen Dollar und drei Stunden mit Luftaufnahmen und großem Bohei. Josef von Sternburg braucht nur Marlene Dietrich, Haltung und eine große Portion Magie.

Mischmasch

die gute woche

Ich habe wieder mehr Papier in der Hand, Bücher, Zeitungen, Zeitschriften und so weiter und das hinterlässt dann doch ein gutes Gefühl. Besser als dieses Onlinegedöns, mit dem man meist nur Zeit verschleudert. Montag im Spiegel ein Interview mit Herrn Döpfner, dessen Onlineversion der Spiegel noch eifrig zurückhält, nur die englische Variante darf schon verlinkt werden, daher kurz zitiert:

SPIEGEL: Speaking of headlines, when Charlotte Roche (author of the German bestselling novel “Wetlands”) lost half her family in a car accident, she was badgered by Bild reporters. At some point Roche ran into you on a plane and told you to your face that you are “a bad person.” How did you perceive that?
Döpfner: As free expression. I thought about it.

Großartig. Das Interview mit Herrn Mosley in der gleichen Ausgabe über seine Sadomaso-Spielchen überspringe ich jetzt mal, obwohl ich es aus Voyeurismus- und Skandalgründen natürlich auch gleich gelesen habe. Aber im Büro ging’s im Vorfeld der Veröffentlichung unserer SM-Titelgeschichte ja um fast nichts anderes mehr. Ich übertreibe, natürlich.

Dennoch weiter.

Weiter zum Interview mit Minu Barati in der Welt am Sonntag. Schon der Vorspann ist großartig und auf SZ-Wochenende-Niveau, weil da steht, dass sie beim Sprechen ihre Wimpern “pfauenartig” senke und außerdem: “Nun sitzt die schöne Halbiranerin also da, das schwarze Haar verteilt sich wie vergossene Tinte über ihre Schultern.” Dass sich das eine Journalistin namens Dagmar von Taube ausgedacht hat, macht es nur besser. Und Frau Barati, die ich bisher für ein doofes Altpolitikeranhängsel gehalten habe, sagt ganz coole Dinge (vielleicht sollte man Menschen erstmal die Möglichkeit geben, sich zu erklären, bevor man sie verschubladet), also:

Ich verstehe die weibliche Emanzipationsbewegung und ihre Symbole und achte alle Frauen, die für Gleichberechtigung gekämpft haben. Phänotypisch muss man da keine Akzente mehr setzen, und ich finde, dass Latzhosen echt scheiße aussehen. Ich mag gern schöne und besondere Dinge – und mein Freund Klaus Unrath macht die wunderschönsten Kleider für mich. Anziehen muss man sich eh, dann kann man sich auch ein bisschen Mühe geben, wenn man die Möglichkeit dazu hat.

Und genauso ehrlich geht’s auch weiter. Genau wie wir nun zum letzten Punkt der Interviewform-Verherrlichungsstrecke auf neosushi. Kennen Sie eigentlich die jungle world, die linke Wochenzeitung? Ich hatte die zuletzt glaube ich mit 20 in der Hand, aber für ein wenig Idealismus und eine gesunde Portion Antifaschismus ist es ja nie zu spät, right? Jedenfalls war die Überraschung groß, als ich dort ein Gespräch mit Harald Lesch fand, der in der Anlese als, hach, “Jürgen Klopp der Astrophysik” angekündigt wurde. Ich hoffe, es sprengt nicht das deutsche Zitatrecht, wenn ich hier mal etwas ausführlicher werde:

Wenn aber doch ein Außerirdischer landen würde, was würden Sie ihn zuerst fragen?

Welche Musik hörst du?

Welche Musik hören Sie?

Im Moment die Traveling Wilburys. Das würde ich ihm vorspielen. Ich würde einen Außerirdischen nicht nach den Naturgesetzen fragen, das sind die gleichen wie bei uns, davon gehe ich als Astrophysiker aus. Aber ich würde ihn fragen, welche Musik er macht, welche Märchen er seinen Kindern erzählt, welche Bilder er malt und an welche Götter er glaubt.

Und das alles beim Bier?

Da wäre ich vorsichtig. Denn diese Leute könnten möglicherweise sehr schlechte Laune haben. Die fliegen ja oft in so rotierenden Scheiben, deswegen sind sie auch grün, weil denen bestimmt ganz schön übel ist.

Und? Toll, oder? Soviel zu den Zeitungen und Zeitschriften. Und über die Bücher, die mir Zerstreuung verschaffen, dann demnächst mehr. Ein letzter Gedanke noch: dieser Text ist auch ein Beitrag für weniger Gejammer und mehr Großartigfinden in Journalistenblogs. Wie sagt Döpfner doch so schön: “What bothers me is the whining among members of our profession.”

Das Beste kommt zum Schluss

blank coverNeuen Magazinen, noch dazu solchen, hinter denen kein Riesenverlag steht und die deswegen auch nicht aussehen wie der zweimillionste Aufguss von Zeit Campus oder Brigitte, soll man nicht nur eine Chance geben. Deswegen ist die zweite Ausgabe von Blank auch schon so gut wie gekauft, selbst wenn die erste einen, wie soll ich sagen, etwas schalen Geschmack zurückließ. Die Fakten: Blank hieß mal Face, doch erst war der Herausgeber und dann der Chefredakteur weg (oder umgekehrt, man weiß es nicht), dann machte sich die Redaktion selbstständig und nun seit einigen Tagen für vier Euro am Bahnhofskiosk: Blank, was man wohl deutsch ausspricht, so wie Nilz Bokelberg in diesem Video. Unterzeile: Face Your Magazine, wahrscheinlich weil die Redaktion einige Altleser mitrüberretten wollte. Auflage: 10.000. Kann das gehen?

Bleiben wir kurz bei Nilz Bokelberg. Erstmal sind mir Menschen suspekt, die den gleichen Vornamen wie ich tragen, diesen aber mit Z am Ende schreiben. Klingt ungerecht von mir und ist es auch, aber der Nickname Nilzenburger, der ist so … ach, lieber schnell weiter. Nilz oder Nilzenburger oder Bokelberg hat jedenfalls eine zweiseitige Kolumne in Blank, die eindeutig zu lang ist. Eine Seite hätte gereicht. Und der Fond in dem die Buchstaben schwimmen ist augenkrebsgelb. Und das Foto ist grotte. Soll alles wohl trashig sein, wirkt aber mies. Und passt auch so gar nicht zum Restmagazinlayout, das wiederum sehr schön aufgeräumt ist. Vielleicht gewollt. Und damit schon wieder zu gewollt. Mein Wunsch an Ausgabe 2: weniger Nilz, weniger Augenkrebsgelb.

Weiter im Text, nochmal auf Anfang: Jesus auf dem Titel, na, wenn das nicht hilft, dann weiß ich auch nicht. Die Titelzeilen kapiere ich aber nicht. Geht wohl um zwei Themenblöcke, was aber nicht klar wird. Schön dagegen: Julia Zange. Hurra, da freu ich mich und blättere gleich hin und tatsächlich hübsches Interview, aus dem ich unter anderem gelernt habe, dass sie ein Hosenkind sein musste, also als Kind. Außerdem sagt sie den tollen Schlußsatz: “Schaufensterdekorateurin wollte ich auch immer werden.” Am Freitag ist sie in Frankfurt und ich bedaure, es wohl nicht dahin zu schaffen. Nächstes Mal dann halt.

Eine Seite weiter dann was richtig Tolles: ein abfotografiertes Bücherregal, diesmal vom Chefredakteur, wie es heißt. Da kann man sich wirklich drin vertiefen. Ist auch echt interessant. Das ganze linke Programme: ein paar Schlingensief-VHS-Kassetten, obskure DVDs, Marx, Thor Kunkel, Hitler, Hitler, Hitler, Updike, Mein Kampf, Bibel, Wörterbücher, ach und dann ist mir eingefallen, welches Buch ich mir schon lange kaufen wollte: “100 Fragen von Moritz von Uslar”. Steht auch Regal des Chefs. Und die Tatsache, das unten in der Ecke Juli Zehs “Adler und Engel” zu sehen ist, ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass hier nichts beschönigt wurde.

Dann kommt der Typ, der viele Freunde hat, die Bücher langweilig und einschläfernd finden, und deswegen erklärt wie langweilige und einschläfernde Bücher wie “Goodbye Lemon” von Adam Davies vielleicht doch nicht so einschläfernd und langweilig klingen. In einem Satz: der Artikel ist langweilig und einschläfernd.

Dann Mode. Kommt man wohl auch 2009 als Magazinmacher noch nicht drumherum.

Dann Musikgruppen, von denen ich bislang nicht hörte (was nichts zu bedeuten hat, weil ich ja nicht in Berlin wohne).

Dann fällt mir auf, dass die Anlesen zu den Artikel ultralang sind. Ich mag keine langen Anlesen. Wer seinen Artikel nicht in zwei Sätzen zu erklären vermag, der soll zu Spex gehen. Außerdem fällt mir auf, dass die meisten Bands einen wohlfeilen Bogen um Frankfurt und/oder Umgebung machen. Was ist los?

Dann bin ich auch schon durch mit Blättern, den Rest schau ich mir dann mal an einem Sonntag an. Neben dem Impressum steht, was im April in Blank steht: die Kolumne von Nilz Bokelberg (verdammt!), eine Klatschrubrik (hoffentlich anders als jede andere), noch mehr Weiblichkeit im Wahlkampf. Noch mehr? Ach, richtig: nach dem Heft kommt das Heft zwei: nur Texte, untereinanderweggedruckt auf lachsrosa Grund (heißt es eigentlich lachsrosa oder lachsrosanen Grund?), darunter auch ein schöner Kommentar von Teresa Bücker über den weiblichen Wahlkampf, den es nicht geben wird (, wenn ich sie richtig verstanden habe). Selbst wenn ich nicht ihrer Meinung bin oder anders: gerade weil ich nicht ihrer Meinung bin: Warum zum Teufel steht das hinten und nicht schön aufgemacht ganz vorne? Ist das hier die Zwischenstufe zur Ablage P? Warum ist dann die Kolumne von N… schon gut ich hör ja schon auf… warum, also, ist da ein sehr interessantes Gespräch mit Malte Spitz von den Grünen zu lesen, dass aber ebenfalls im eigentlichen Heft besser aufgehoben wäre? Ein wenig erinnert Heft 2 an die Artikelfortsetzungen, die US-amerikanische Magazine so gerne hinten zwischen die Anzeigenblöcke setzen. Nur dass hier eben ganze Artikel stehen. Das Beste kommt zum Schluss? Nein, so geht das nicht, liebes Blankfaceyourmagazine. You should fix that!

Aber dennoch: neuen Magazinen soll man nicht nur eine Chance geben. Ich freu mich auf April (ehrlich).

Eine exklusive Liebe

adorjan_exklusive-liebeDer erste Gedanke müsste sein: bitte nicht noch so ein Buch über Holocaust-Überlebende. Ich weiß, schon klar: es ist politisch unkorrekt so zu denken, aber es ist nun mal so. Mich regen auch die ständigen Dokumentationen auf Phoenix auf: immer nur Hitler, Zweiter Weltkrieg, Auschwitz.

Doch diesmal ist alles anders. Der erste Gedanke kommt gar nicht erst auf. Der erste Gedanke ist: was für ein seltsamer Titel. “Eine exklusive Liebe.” Was soll das heißen, exklusiv? Der zweite Gedanke: Adorján, wie man das wohl richtig ausspricht? Ich entscheide mich für französisches “J” und rollendes “R”. Es macht Spaß, den Namen laut zu sprechen. Doch zurück zum Buch.

Es beginnt mit dem Selbstmord der Großeltern der Autorin. Das ist wirklich der erste Satz. “Am 13. Oktober 1991 brachten meine Großeltern sich um.” Johanna Adorján phantasiert sich den letzten Tag zusammen, vom Aufstehen bis zum endgültigen Schlafengehen. Dazwischen Episoden der Recherche. Gespräche mit Freunden der Großeltern, Weggefährten, Nachbarn. Gedankenspiele, Vergleiche, Anekdoten.

Das Buch endet mit dem Selbstmord der Großeltern. Ein Polizeibericht ist zu lesen. Es ist alles sehr traurig. Und gleichzeitig wunderschön. Die Toten halten sich, zugedeckt im Bett liegend, die Hände. Es klingt kitschig, aber wenn man das Buch gelesen hat, dann versteht man, dass es gar nicht anders geht. Dann versteht man auch den Titel, es ist wahrhaftig eine exklusive Liebe, die die beiden verbindet. Und man glaubt zu ahnen, wieviel Kraft es gekostet haben mag, dieses Buch zu schreiben, und das so manche Träne über das Manuskript vergossen wurde.

Als ich fertig war mit dem Buch, da fing ich an, es noch einmal von vorne zu lesen. Vielleicht, weil das Buch kein Roman ist, sondern eine Lebensgeschichte, die so skurril und zugleich universal wirkt, dass es einen nicht loslässt. Wenn man das Buch wieder von vorne liest, dann werden die Figuren wieder wach, so als ob das Schlafmittel nie gewirkt hätte.

Das hört sich jetzt alles so düster an. Doch das ist es gar nicht. Es gibt auch leichte und lustige Momente. In Erinnerung geblieben ist mir zum Beispiel die alte Erzsi in Budapest mit ihrer überdimensionalen Brille. Oder die halbfrivolen Sprüche des Großvaters (“Meine Frau hat Beine wie eine Gazelle. Schlank und behaart.”). In Erinnerung bleibt auch, wie das Buch in der Straßenbahn nach unten sinkt, weil es ein leises Lächeln aufs Gesicht gezaubert hat, so schön ist es manchmal in seiner einfachen klaren Sprache.

Niemand liebt mich, man kann mich nicht lieben: Das ist meine tiefste Überzeugung, zugleich meine größte Angst, und wenn ich ihr bis ganz hinab folge, führt sie mich zu dem Gefühl, das mir vertraut ist wie kein anderes: Ich bin ganz allein. Es ist, als hätte Erzsi mir einen Schatz geschenkt. Was für eine Neuigkeit – meine Großmutter fühlte wie ich? Am liebsten würde ich auf der Stelle alle Menschen anrufen, die ich kenne, und ihnen allen sagen: Ich bin doch nicht verrückt. Ich bin nur die Enkeltochter meiner Großmutter. Sie hatte es auch. Sie war wie ich. Ich bin wie sie. Hurra. Ich könnte Erzsi umarmen, ich würde sie am liebsten hochheben, diese zierliche kleine Person, und mit ihr durchs Zimmer tanzen. Ich tue es nicht. Zu sehr überwältigt mich diese neue Erkenntnise, zu sehr rührt sie an mein Innerstes. Außerdem würde sie vielleicht gar nicht so gerne hochgehoben werden. Ich bleibe also sitzen und tue so, als ob nicht wäre.

Was bleibt von einem Menschen, wenn er tot ist. Ein paar gesammelte Erinnerungen. Verblassende Fotos in einem Schuhkarton. Behördenpapiere. Im besten Fall: ein Buch wie dieses.

PS: Über die Banderole, die das Buch umschließt, habe ich hier geschrieben.