Knallerbsen

Der Name dieses Geschöpfs ist Schneebeere oder Symphoricarpos albus, aber natürlich sagt das niemand. Knallerbse ist der gebräuchlichere Name. Als Kinder haben wir sie mit Wucht auf den Boden geworfen, immer fester und fester, weil wir wollten, dass sie “Knall” machten, oder wir traten drauf, doch das hat beides nur bedingt funktioniert. Sie sollten knallen wie diese kleinen Kracher, die auch Knallerbsen hießen oder hessisch politisch-unkorrekt Juddeferze. Wir bewarfen uns auch gegenseitig, weil das irgendwie auch knallte. Und wenn man sie isst, knallt’s auch, jedenfalls vermuteten wir den Tod in diesen kleinen, wächsernen Kugeln (Boule de cire), darum hatte ich auch einmal eine Heidenangst, als mir ein solches Geschoss in der Nähe des Mundes zerplatzte. Eine etwas übertriebene Reaktion, aber damals gab es ja noch kein Internet. Sie denken jetzt bestimmt, ich hätte einen, verzeihung, Knall, aber nein, das sind nur so die Gedanken, wenn ich am Rande des winterlichen Stadtwalds eine weiße Frucht am Ende eines Zweigs entdecke. Na, und dann fällt mir noch die Geschichte ein, die uns Journalisten im vergangenen Jahr bei der Präsentation des deutschfranzösischen ICE im Bahnbetriebswerk Frankfurt-Griesheim erzählt wurde. Der führt ebenfalls Knallerbsen mit – aus Sicherheitsgründen. Falls es mal knallt.

Podpress

Mal ‘ne Frage an die Blogprofis: gibt’s irgendeinen Trick um WordPress 2.7 und Podpress zur Zusammenarbeit zu bewegen? Drüben beim Pflasterstrand lassen sich nämlich seit dem Update keine Artikel mehr in die Zukunft pflanzen. Wenn Podpress ausgeschaltet ist, geht’s aber einwandfrei (auch der neue Quick Edit geht nicht mit Podpress)…

Als Ausweichmanöver habe ich jetzt mal Powerpress installiert, was auch nicht so verkehrt aussieht und zumindest die alten Podcasts auch stehen lässt – nur der iTunes-Feed ist damit äußerst leer… ich hasse Technik.

Frankfurt Photo Blog

Mittlerweile haben sich etliche schwarz-weiße Fotos bei mir angesammelt, die ich gerne loswerden würde. Die Lösung ist der Frankfurt Photo Blog, jeden Tag ein neues, monochromes Bild der Stadt. Und keine Angst: es bleibt nicht so düster wie jetzt, ist halt Winter …

http://frankfurtphoto.wordpress.com/

photoblog

Prominent ignoriert

Die Zeit hat ja so eine relativ doofe Rubrik auf ihrer Titelseite, die sich “Prominent ignoriert” nennt und in der kleine Texte über Dinge stehen, die man in eben dieser Ausgabe der Zeit nicht finden wird. Das soll zeigen, dass es vielleicht wichtige oder nicht so wichtige Nachrichten gab, über die die Zeit nicht berichten will, ohne am Ende gesagt zu bekommen: habt Ihr das etwa nicht mitbekommen?

Ich würde mir wünschen, dass eines dieser Dinge Helmut Schmidts 90. Geburtstag wäre. Aber da die Zeit nun bereits seit Wochen Anzeigen schaltet, in denen sie ankündigt, den Geburtstag des “Altkanzlers” und Herausgebers des Wochenblattes gleich in zwei beigelegten Sonderpublikationen groß abzufeiern, bin ich eher skeptisch. Am 23. Dezember wird Herr Schmidt übrigens 90, doch die Vorfreude darauf ist diebisch und das nicht nur bei der Zeit, die bereits vergangenen Donnerstag eine Seite im Feuilleton in eigener, also Schmidt Sache, vergeudete. Heute erscheint der Spiegel mit dem Titel “Über Schmidt”, der komisch klingt, weil man sich wahrscheinlich nicht getraut hat “About Schmidt” zu schreiben, so wie dieser Film mit Jack Nicholson. Als Ikone der Deutschen wird Schmidt schon auf dem Titelblatt bezeichnet, was darauf hindeutet, dass der Spiegel seine geballte Recherchemacht für einen Jubelartikel aufgewendet hat.

Ich weiß ja nicht, in was für einer Welt die Spiegel- oder die Zeit-Redakteure leben, aber irgendwie ist es nicht meine. Nichts gegen Schmidt, aber wer bitteschön interessiert sich dafür, was der noch zu sagen hat? (Wenn man mal von Menschen in der Raucherecke absieht, die immer gerne auf H.S. verweisen, weil der ja schon immer rauche und dafür ja noch dermaßen fit sei, dass diese Tabakkrebsstudien, also die seien ja allesamt verrückt.)

Flower Power

blumen

Sagen Sie, was Sie wollen, doch auch Blumen können inspirierend sein. Das oben abgebildete Exemplar zum Beispiel habe ich dabei erwischt, wie es sich durch eine dünne, aber feste knirschig-knatschige Schneedecke kämpfte. Immer der kalten Wintersonne entgegen.

Wahrheit und Sprache

alteoper_neu

Ich bin auf etwas Interessantes gestoßen, zufällig natürlich. Angefangen hatte alles mit einem Blog, der auf die Foodtimeline hinwies (welcher weiß ich leider nicht mehr). Auf der Zeitachse jedenfalls kann man recht gut erkennen, wann welche Nahrungsmittel und Rezepte zuerst auf dem Speiseplan standen. Käsekuchen zum Beispiel im 1. Jahrhundert. Na, und so weiter, ganz interessant eben. Da stehen natürlich auf French Fries drinnen und dann erinnerte ich mich, dass die doch mal in den U.S.A. in Freedom Fried umbenannt wurden. Im Repräsentantenhaus ist man bereits 2006 wieder davon abgekommen und serviert wieder French Fries, wobei sie wohl ursprünglich sowieso aus Belgien kommen, aber das nur nebenbei. Die Idee mit den Freedom Fries geht laut diesem BBC-Artikel wohl auf eine Maßnahme im Ersten Weltkrieg zurück. Damals wurden im kollektiven Anti-Deutschen-Wahn auch die Frankfurter in Hot Dogs umbenannt und Sauerkraut in liberty cabbage. In der Wikipedia kann man noch mehr Beispiele nachlesen. Etwa dass nach dem Eintritt Italiens in den Großen Krieg kein italienischer Salat mehr in Berlin serviert wurde (jedenfalls in den patriotischeren Restaurants). Und Großbritannien erst:

United Kingdom: During World War I, the German Shepherd was renamed the “Alsatian,” and German biscuits were renamed Empire biscuits due to strong anti-German sentiment. Perhaps most famously, in 1917 the name of the royal family was changed by George V to Windsor from the German surname Wettin and house name Saxe-Coburg and Gotha.

Das alles wirft ein besonderes Licht auf die Versuche, durch Sprache die Wirklichkeit zu verändern. Die Reinigung der Sprache von ausländischen Einflüssen, von Einflüssen, die zu bestimmten Zeiten nicht erwünscht waren, war und ist wohl ein beliebtes Mittel der Einflussnahme. Die Freedom Fries haben sich, anders als die Hot Dogs, nicht durchgesetzt. Ist ja auch ein langweiliges Wort. Hot Dogs ruft schließlich wahre Assoziationsketten hervor, auch wenn die nicht unbedingt positiv sein mögen. Freedom Fries – ich weiß nicht, da hätte man noch dran feilen sollen. Einfach nur Fries hätte es vielleicht auch getan. Oder das englische Chips?

Sprache umschreibt die Wirklichkeit eben immer nur. Manchmal schöner, manchmal weniger gut. Die Wahrheit jedenfalls lässt sich durch kein neues Wort kaschieren: dass es nämlich frittierte Kartoffeln sind. Wie sie nun möglichst griffig bezeichnet werden, ist dafür per se erst einmal egal. Hauptsache sie schmecken.

Musik von 2008

Ich hatte mich irgendwann dagegen gewehrt, last.fm zu benutzen, zumindest unter meinem richtigen Namen. Schließlich setzt man mit einer Software, die jedes Lied mitschreibt, dass man zu Hause oder unterwegs hört, in gewisserweise seinen Ruf bei kulturinteressierten Freunden aufs Spiel. Etwa, weil dann für jeden ersichtlich ist, dass man Annett Louisan gehört hat (was ich gerade wieder tue und so ganz nebenbei auf das Interview mit der jungen Frau beim Pflasterstrand verweisen darf) oder Robbie Williams oder sowas. Deswegen habe ich vor einem Jahr dann doch einen neuen Account unter anderem Namen angelegt. In der Rückschau ist mir nichts mehr peinlich und deswegen kommen nun 110 Musiker, die mich in diesem einen Jahr freuten, glücklich machten oder traurig oder wütend oder alles zusammen. Oder gar nichts. Denn Musik darf man auch mal nebenbei hören. Und das überproportional viele weibliche Stimmen darunter sind. Die Auflösung folgt nach dem Klick. Mehr →

Guten Tag

Ich war einige Tage im Harz, in einem Dorf. Es hatte geschneit, natürlich über Nacht und so knatschten die Schuhe im Weiß. Ich muss sagen, dass ich den Geschmack von frisch gefallenem Schnee vollkommen vergessen hatte. Was sehr schade ist, denn er schmeckt, wie ich feststellen musste, tatsächlich außerordentlich gut nach gefrorenem Nichts. Wer mehr dazu wissen will, der schaue sich den wunderbaren Film “Snowcake” an. Abgesehen vom Schneegeschmack auf meiner Zunge hatte ich noch eine Wiederentdeckung: die Begrüßungen zwischen einander wildfremden Menschen auf der Straße. Das ist nämlich so üblich auf einem Dorf. Da schaut man sich noch in die Augen und sagt “Morgn” oder “Tach” teilweise auch “Gutntach”. Dabei lächelt man nicht, aber der Augenkontakt, der ist wohl wichtig, schon einige Meter vor der Begrüßung wird eifrig taxiert. Wer nicht zurückgrüßt, so wie der gerade angekommene, noch vom Schneegeschmack überwältigte und von der Begrüßung überrumpelte Städter, der muss damit rechnen, dass der Grüßende die Augen zu Schlitzen verengt und etwaigen Begleitungen unverständliche Unflätigkeiten zumurmelt. Auch irritiertes Stirnrunzeln konnte ich beobachten. Dann aber hatte ich’s gerafft und grüßte fortan artig zurück.

In der Stadt sind gerade fünf Grad über Null, da ist nicht viel mit Schnee essen. Ist auch sonst nicht zu empfehlen, denn was da so runterrieselt bezeichnen Experten ja schließlich als Industrieschnee und diesen zu essen käme dem Lecken an einem entsorgten Katalysator gleich, was wohl nur die hartgesottensten Kfz-Mechaniker als Wonne empfinden könnten und, wer weiß, vielleicht nicht einmal die. Jedenfalls: Die Menschen auf der Straße zu grüßen, davon konnte mich niemand abhalten. Der erste, den ich grüßte, war ein Mann mit einem grauen Mantel aus dem ein weißes Hemd blitzte. Er sagte nichts, grübelte aber wohl darüber nach, wo wir uns schon einmal gesehen hatten. Die zweite Person war eine junge Frau, deren plötzliches, ärgerliches Stirnrunzeln verriet, dass sie angestrengt darüber nachdachte, wie noch einmal genau dieser Griff ging, den sie im Selbstverteigungskurs vor drei Jahren an der Volkshochschule gelernt hatte. Selbstredend kein Gruß zurück. Die dritte Person war ein Busfahrer, der den Gruß erwiderte, wohl weil man ihn doch noch ab und an grüßte, weil der Bus ja wie ein Gebäude und sein Fahrer wie der Hausherr wirkt, da will man wohl nicht unhöflich sein, auch nicht als Stadtbewohner. Ich stieg aus dem Bus aus und grüßte ein Kind. Es sagte sofort “Guten Tag”, mit so einer Mischung aus Respekt (vor Erwachsenen) und Automatismus (was sagt man da? Gu-ten-Ta-hag! hörte es wahrscheinlich seine Erziehungsberechtigten leiernd sagen). Dann grüßte ich eine Politesse. Sie fragte mich gleich, ob sie mir helfen könne. Ich beschloss, das Experiment abzubrechen. Land und Stadt würden sich wohl nie vereinen lassen, soviel wusste ich nun. Es ist eben nicht das Gleiche. Nur vergisst man genau das gerne; so wie den Geschmack frisch gefallenen Schnees.