Verschwörungstheorien beim DJV

Nun klingt es erst einmal vernünftig, was Christine Dressler in der Zeitschrift “Blickpunkt” des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) formuliert:

Journalisten sollten sich davor hüten, offizielle Verlautbarungen vorbehaltlos zu übernehmen.

Leider bezieht sich dieses Zitat auf ein Buch von Gerhard Wisnewski, das im August 2011 erschienen ist. Als Buchtipp ist der Text im Verbandsorgan der hessisch-thüringischen Sektion des DJV gekennzeichnet. Dort heißt es weiter:

Die Neuausgabe “Operation 9/11. Der Wahrheit auf der Spur” widerlegt die offizielle Version noch fundierter: Nicht islamische Terroristen um Osama bin Laden, sondern US-Regierung und FBI führten die Attentate aus und verschleierten ihre “Operation”, indem sie bin Laden bereits wenige Stunden danach als Drahtzieher präsentierten.

Und warum, fragen Sie sich, hat die amerikanische Regierung es auf sich genommen, vier Linienmaschinen in ihre Gewalt zu bringen, um damit Anschläge auf ihre eigenen Bürger zu verüben? Auch dafür liefert die Buchkritik eine bestechend einfache Antwort: Die Attentate “sollten der Regierung eine Rechtfertigung dafür liefern, den Krieg gegen den Islam zu intensivieren und die weltweite Überwachung durchzuführen”.
Solche Behauptungen nennt Frau Dressler “sachlich statt reißerisch”. Ein Glück, dass es im Impressum des Quartalsheftes heißt: “Veröffentlichungen stellen die persönliche Meinung des Verfassers dar.” Nur schade, dass solchen Veröffentlichungen dann auch Raum gegeben wird.

Eröffnungsrede im Kunstverein Familie Montez

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde, Genossinnen und Genossen, Tagediebe und Taugenichtse, Models und Malerinnen, Kunstverständige und Kunstsammler, prekär Beschäftigte und Mäzene, verehrte Salonlöwen und Trophäenfrauen, Schauspielerinnen und Lebenskünstler, Spieler und Mauerblümchen, Banker und Immobilienhaie, Abhänger und Kulturetat-Gläubige kurz gesagt: hallo Frankfurt!
Und das soll Kunst sein? Bevor ich zur Beantwortung dieser Frage komme…
Ich freue mich sehr, heute hier stehen zu dürfen. Freue mich darüber, dass es Mirek und seine Familie mal wieder geschafft haben.

Das Wort Familie sagt schon viel aus. Die CDU spricht gerne von der Keimzelle der Gesellschaft. Eingeweihte wissen, dass man Familienmitglieder einspannen kann, und als Gegenleistung Luft und Liebe verspricht.

Daraus muss man in einer Stadt wie Frankfurt einen Trend machen. Warum dem Museum der Weltkulturen oder Michael Quast neue Gebäude hinterherwerfen? Warum das Schauspiel mit über 100 Millionen Euro fördern? Das Lola Montez zeigt, wie es geht: ein abgerissenes Fabrikgelände, kaum Miete, keine Heizung – und schon wähnt man sich so cool wie in Berlin, das Feuilleton schreibt begeistert von Frankfurts wahrer und einziger Off-Location. Off ist in. Und der Kulturdezernent sollte nicht eher ruhen, bis Max Hollein in einem unbeheizten Städel die Nächte frierend unter seinem Schreibtisch verbringen muss. Das ist dann – und damit komme ich zur Beantwortung der Frage – natürlich Kunst. Schlafen Sie mal jahrelang ohne Heizung in einer Industriehalle!
Rein inhaltlich gesprochen: Nein, das hier ist keine Kunst, es war nie welche, wird nie welche sein. Das Ordnungsamt hat in einem Brief die Frage, ob hier Kunst sei, ganz eindeutig beantwortet. Ich darf zitieren: Der Kunstverein nutzt diese Räume “zur Lagerung von Obst und Gemüse”. In diesem Sinne: einen genussreichen Abend und guten Appetit!

8.9.2011, “Und das soll Kunst sein?” im Kunstverein Familie Montez, Breite Gasse, Frankfurt

Mein Fotograf

Es mag eine gewisse déformation professionnelle sein, die mich bei Artikeln über das wirklich tragische Luftschiff-Unglück bei Reichelsheim daran denken lässt, das die Einrichtung von freien Fotografen gewisse Vorteile hat – zumindest, wenn man seine Leser davon überzeugen will, das man ganz, ganz nah dran war. Am Zeppelin und überhaupt. Jedenfalls …

Bei der Frankfurter Rundschau heißt es: “Der Bad Homburger Fotograf Joachim Storch, der auch für die Frankfurter Rundschau arbeitet, berichtet ergänzend …”

Die Wetterauer Zeitung schreibt: “WZ-Mitarbeiter Joachim Storch befand sich an Bord des Zeppelins, der am Sonntagabend in Reichelsheim abstürzte.”

Die Frankfurter Neue Presse weiß zu vermelden: “Auf dem Rückflug vom Hessentag in Oberursel ist am Sonntagabend über Reichelsheim ein Luftschiff abgestürzt. Mit an Bord: FNP-Fotograf Joachim Storch…”

Und die Bild-Zeitung schließlich: “Bild-Fotograf überlebt Zeppelin-Drama in Hessen: ‘Ich hatte Todesangst’”

Soweit bis hierher.

Das erste Industrieland

Den Plänen Berlusconis für einen Wiedereinstieg in die Atomenergie haben die Italiener eine Abfuhr erteilt. Acht neue Kernkraftwerke – das wollten über 90 Prozent der Bevölkerung nicht. Abgeschafft hatte man die Atomenergie ohnehin schon lange, wenige Jahre nach dem Tschernobyl-Unglück waren alle vier Kraftwerke abgeschaltet. Man muss sich das immer wieder in Erinnerung rufen, denn in vielen Medien wird Deutschland oft als das erste Industrieland bezeichnet, das den Ausstieg wagt (allerdings einen, der erst in über zehn Jahren Wirklichkeit wird). Der Focus-Chefredakteur Uli Baur schreibt zum Beispiel:

Deutschland will als erstes großes Industrieland aus der Atomenergie aussteigen, und das natürlich besonders schnell – und perfekt dazu. So wie es eben zu uns passt.

Sylvius Hartwig nutzt in der Badischen Zeitung die Gelegenheit dazu, daraus eine einsame Entscheidung Deutschlands zu stricken:

Deutschland wird das einzige große Industrieland ohne Kernenergie sein. China, Russland, England, Frankreich, die USA verkünden, dass sie den Ausbau fortsetzen werden. Mit der sich abzeichnenden Politik sieht die Zukunft dunkel aus, denn wir haben nicht die Wahl eines Ausstiegs ohne Folgen.

Und das Hamburger Abendblatt tut gleich so, als sei der Ausstieg ein ganz großer Wurf: “Als erstes großes Industrieland verzichtet die Bundesrepublik auf Atomkraft.”
Der Begriff vom “ersten Industrieland” stammt ursprünglich aus der Feder der Bundeskanzlerin. Sie hat ihn auch gerade noch einmal wiederholt: “Wir können als erstes Industrieland der Welt die Wende zum Zukunftsstrom schaffen.” Genau das mag für Italien nicht gelten. Ist aber auch nebensächlich, wenn man der Bevölkerung einreden will, das Industrieland und Atomenergie zwei Begriffe sind, die nicht zu trennen sind.

Kein Happy ending am Mönchwaldsee

Ja, es kann einen auch betrüblich stimmen, einen gut gelaunten Bericht des Schriftsteller John von Düffel in der aktuellen Neon zu lesen. Schreibt er dort doch davon, dass der Mönchwaldsee bei Frankfurt zu den idylischeren Flecken des Landes zählt. Nun, Herr Düffel war wohl länger nicht dort, wird an ebendiesem See doch in wenigen Tagen die neue Landebahn des Frankfurter Flughafens fertiggestellt. Das kühle Nass ist zu einer Seite hin von Stacheldraht gesäumt und gehört schon seit längerem offiziell der Fraport Aktiengesellschaft, wenngleich die Umstände der Gebietsumschreibung für einigen Wirbel gesorgt haben. Pünktlich zum Beginn des Winterflugplans am 30. Oktober 2011 soll der erste Flieger neben dem Mönchwaldsee landen. In zwei Wochen wird das schon mal mit einem großen Fest gefeiert. Motto der Fraport-Party: Happy landings.

Editorial: Hassliebe

Gibt es so etwas wie Hassliebe? Beim Flughafen glaube ich daran. Ich liebe den Flughafen seit meine Eltern mich als Kind das erste Mal mit auf die Besucherplattform nahmen, die damals noch geöffnet war. Es war ein überbordendes Panoptikum, ein unüberschaubares Gewusel an Menschen und Maschinen, das eine einzige Frage provozierte: Wie funktioniert das bitteschön? Nicht nur, dass tonnenschwere Flugzeuge abheben wie Federn im Wind, sondern auch der Flughafen an sich. Vor fünf Jahren begleitete ich für eine Reportage Drogenfahnder am Flughafen (siehe Foto), auch das war ein unvergessener Einblick in eine Welt hinter den Kulissen des Flughafens. Meine Kollegin Julia Lorenz hat sich nun 24 Stunden auf dem größten deutschen Flughafen hinter den Kulissen herumgetrieben, und ist der Beantwortung wie das alles funktioniert ein gutes Stück nähergekommen. Sie hat die Rädchen begutachtet, ohne die der Airport ins Stottern geraten würde. Die Passagiere bekommen davon nur wenig mit, und meistens auch nur dann, wenn etwas nicht funktioniert. Letzteres ist selten genug der Fall, was ein gutes Licht auf die Unternehmen am Flughafen und den Airport-Betreiber Fraport wirft.
Soviel zur Liebe.
Das gegenteilige Gefühl hatte ich, wenn Flugzeuge im Sommer über meine Heimatstadt donnerten. Wenn ich im Kelsterbacher Wald sah, wie tausende Bäume für eine neue Landebahn gefällt wurden und Proteste abgetan wurden, weil der Ausbau eben alternativlos sei. Es gibt immer eine Alternative. Meine Konsequenz ist, auf Flugreisen zu verzichten. Humoristisch betrachtet: Ich hebe nur noch ab, wenn mein Telefon klingelt. Den Flughafen schaue ich aber immer noch gerne an.

Erschienen im Journal Frankfurt, 15. Februar 2011. Foto: Dirk Ostermeier

Überraschung! Die NPD ist rechts

Der Spiegel und die taz veröffentlichen Details aus internen E-Mails der NPD. Um es kurz zu machen: dass die NPD-Anhänger Ausländer nicht leiden mögen, ja, sie gar beschimpfen, außer Landes wissen möchten, dass sie sich ins Reich zurückwünschen, das ist alles keine Neuigkeit. Dass Neonazis unter ihresgleichen offensichtlicher hetzen als in der Öffentlichkeit: big deal! Dass es ein neues Verbotsverfahren bräuchte: eine Binsenweisheit. Was also hat sie gebracht, die große Aufdeckung von 60.000 Briefen? Nun, zum Beispiel die Erkenntnis, dass die taz kein Wort über Datenschutz verliert – nur lapidar mitteilt, dass der kleine veröffentlichte Teil der Mails geprüft wurde und teilweise zensiert. Die Frage, ob das sonst so vehement geforderte Recht auf Privatsphäre auch für Neonazis gilt, wurde gar nicht erst gestellt. Weil man sie sich schon selbst beantwortet hatte.

Die Frauenquote in der CDU

Schönes Wahlkampfthema hat die CDU da gefunden – mit der Diskussion über die Frauenquote weht ein moderner Wind durch die Partei, die beim Wählerinnen-Ergattern nur hilfreich sein kann. Ursula von der Leyen will 30 Prozent Frauenanteil in den Führungsetagen von Unternehmen, ihre Kabinettskollegin Kristina Schröder ist für freiwillige Lösungen. Tut mir sehr leid, das wird jetzt ein bisschen zahlenlastig, aber die interessante Frage ist doch – geht die CDU mit gutem Beispiel voran?

Unter Kristina Schröder arbeiten zwei Staatssekretäre, beides Männer. Denen wiederum unterstehen fünf Abteilungsleiter und der Bundesbeauftragte für den Zivildienst. Darunter, immerhin, eine Frau. Macht einen Frauenanteil von 12,5 Prozent.
Bei Frau von der Leyen arbeiten vier Staatssekretäre, alle männlich. Frauenanteil: 0 Prozent.
Insgesamt hat die Bundesregierung 16 Mitglieder, darunter sind sechs Frauen. Das immerhin überschreitet die 30 Prozentmarke, die von der Leyen fordert. Von den 30 Staatssekretären dahinter sind jedoch nur sieben Frauen, eine Quote von 23 Prozent.
Und im Bundestag? Sitzen bei der CDU/CSU über 80 Prozent Männer. Nur Linke und Grüne haben mehr weibliche als männliche Abgeordnete.
Vielleicht sollte die CDU erst einmal in ihren eigenen Reihen für vernünftige Verhältnisse sorgen, bevor sie den Unternehmen etwas ähnliches vorschreibt.

Aufregung, die keine ist

Die Zeit veröffentlicht ein Interview, in der “unsere” Nationaltorhüterin sagt, sie mag Männer und Frauen. Soweit so unspektakulär. Nachrichtenagenturen greifen das Thema auf, und schreiben genau das. Die Bild-Zeitung fragt mal nach und erfährt von Sabine Angerer: “Ich sehe darin überhaupt kein Problem, mich zu Frauen und Männern zu bekennen.” Die Zeitung ergänzt: “Während bei den Männern die Homosexualität im Fußball noch immer ein Tabuthema ist, gehen die Frauen damit wesentlich offener um.” Mit anderen Worten: es ist alles ziemlich relaxed, und die Berichterstattung durchweg positiv.
Und dann kommt die taz und wittert “große Aufregung”. Sie behauptet:

Jetzt zerreißen die Medien sie, und im Netz wird die deutsche WM-Torhüterin als Heldin gefeiert wegen ihres Mutes, und sie wird infrage gestellt: Na, was soll das denn für ein Frauenfußball sein? Jedenfalls ist es ein großes Thema. Dabei dachte man doch, es ist heute längst komplett egal, ob jemand homo, hetero, bi, transgender oder sonst was ist.

Das Blabla endet nicht damit, sondern steigert sich zur Feststellung:

Offensichtlich ist es 2010 immer noch fragwürdig, nicht eindeutig hetero zu sein, solange man Fußball spielt. Anders als in anderen Sportarten.

Hat zwar auch niemand der aufschreienden Medien behauptet, aber so macht man heute eben Boulevard von links. Bravo!

Nicht die Bohne

Bio hört sich so grün an, so schön, so rein, so klar. Schön also, wenn man plötzlich ein durch und durch umweltschädliches Unternehmen wie die Lufthansa grün anstreichen kann – und alle das dann auch brav berichten. Dabei wurde vom Konzern ja auch nicht weniger als eine Weltpremiere angekündigt. Mithilfe von Kerosin aus der Jatropha-Bohne und anderen Pflanzen soll das Fliegen mit Bio-Kerosin erprobt werden. 2,5 Millionen Euro stellt die Bundesregierung für das Projekt bereit, 6,6 Millionen Euro kostet es insgesamt. Und was bringt es? Auf der Strecke von Frankfurt nach Hamburg soll das vermeintlich grüne Kerosin verbrannt werden, hernach die Schadstoffemissionen analysiert und überhaupt der ganze ökologische Nutzen auf den Prüfstand gestellt werden. Ungeachtet des ökologischen Irrsinns eines Fluges von Frankfurt nach Hamburg. Ungeachtet der Tatsache, dass trotz aller Einsparbemühungen im Jahr 2025 rund 12,3 Millionen Tonnen Kerosin im Jahr benötigt werden – allein in Deutschland. Und ungeachtet der Tatsache, dass Flugbenzin in der EU nicht besteuert wird (mit Ausnahme der Niederlande).
Und nun noch folgende Idee: Bahnfahren! Dauert auf der genannten Strecke von Frankfurt nach Hamburg vier Stunden. Und gratis dazu liefert die Bahn folgende Grafik:

Virale Videos …

… können nicht soooo viral gewesen sein, wenn sie alle an mir vorbeigegangen sind. Aber vielleicht bin ich auch nur wieder mal der letzte Mensch, der was davon mitbekommen hat. Zum Beispiel von diesem Musikvideo von OK Go. Was da alles passiert!

Quelle: Best Viral Videos 2010/ Mashable

Ich und das Leben der anderen

Gestern ist ein JOURNAL FRANKFURT erschienen, in dem erstmals kein Foto von mir im Editorial zu sehen ist – weil Buchmesse ist, soll der Text ruhig mal im Vordergrund stehen. Heute habe ich mir zum ersten Mal überlegt, das beizubehalten. Als ob die chronische Medienkrise noch nicht genug wäre, man kann ja als Journalist nicht mal mehr in Ruhe (andere Leute würden sagen “bräsig”) in der S-Bahn sitzen, ohne gleich Leser zu verlieren:

Das JF hat sich über Jahre immer wieder positiv geäußert, dass Frankfurt fahrradfreundlicher werden sollte / geworden ist. Und was macht der Chefredakteur? Sitzt bräsig in einer fast leeren S-Bahn – heute vormittag um kurz nach 10h in Oberursel – auf den Klappsitzen, die für Kinderwagen, Fahrräder und großes Gepäck vorgesehen sind. Und dort bleibt er auch ungerührt sitzen, als eine Frau mit Rad einsteigt. Obwohl die Klappsitze ihm gegenüber bereits von einem anderen Fahrrad samt Fahrer eingenommen sind, und seine Klappsitzreihe somit die einzige andere zugängliche Möglichkeit ist, ein weiteres Fahrrad sicher abzustellen, macht der Herr Chefredakteur keine Anstalten, einen der vielen anderen leeren Plätze einzunehmen. Herr Bremer, kleiner Literaturtip – das blaue Schild, das sich über diesen Sitzen befindet. Und nicht nur reden, sondern auch handeln, sonst gilt nämlich das Label “scheinheilig”. Heute habe ich mir zum 1. Mal überlegt, ob ich das JF wirklich kaufen soll.
Billy Bike

Leider anonym.